Kammermusik Basel

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Konzertdetails

739

7.1.2002, 20:15 Uhr (Zyklus B 76. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Zyklus Beethovens Opus 18

Leipziger Streichquartett (Leipzig)

Seidel, Andreas, Violine 1
Büning, Tilman, Violine 2
Bauer, Ivo, Viola
Moosdorf, Matthias, Violoncello

Das Quartett wurde 1988 als "Neues Leipziger Quartett" gegründet. Mit den Jahren hat es das "Neues" im Namen abgelegt und tritt selbstbewusst als "das" Leipziger Quartett auf. Drei seiner Mitglieder waren Stimmführer des Gewandhausorchesters Leipzig. Sie verliessen das Orchester 1993, um sich ausschliesslich der Kammermusik zu widmen. Seine Kammermusikausbildung hat das Quartett u.a. beim Amadeus-Quartett, bei Hatto Beyerle und bei Walter Levin erhalten. Als Preise und Auszeichnungen sind zu nennen: 2. Preis beim ARD-Wettbewerb in München und Brüder-Busch-Preis 1991, 1992 Förderpreis des Siemens-Musikpreises. Seit 1991 gestaltet das Quartett in Leipzig eine eigene Konzertreihe "Pro Quatuor" und engagiert sich als Mitglied des Leipziger "Ensemble Avantgarde" für zeitgenössische Musik. Konzerttourneen führten das Ensemble durch die ganze Welt. Im August 1995 gastierte es zur Eröffnung der Kyburgiade im Schlosshof der Kyburg. Unter seinen Einspielungen ist die Gesamtaufnahme der Quartette Schuberts hervorzuheben, die 1997 abgeschlossen wurde. Im gleichen Jahr trat das Leipziger Quartett mit Beethovens op. 74, Feldmans "Structures" und Brahms op. 67 erstmals in unseren Konzerten auf.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 1, F-dur, op. 18, Nr. 1 (1798/1800)

Allegro con brio
Adagio affetuoso ed appassionato
Scherzo: Allegro molto – Trio
Allegro

Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2 (1798/1800)

Allegro
Adagio cantabile – Allegro
Scherzo: Allegro – Trio
Allegro molto quasi Presto

Streichquartett Nr. 3, D-dur, op. 18, Nr. 3 (1798/1800)

Allegro
Andante con moto
Allegro – Minore – Maggiore
Presto

Mit Beethovens Opus 18 steht die Komposition von Streichquartetten im Moment eines entscheidenden Wandels. Es ist kein Zufall, dass dies genau im Zeitpunkt der Jahrhundertwende geschah: Die Klassik eines Haydn und Mozart, die noch vor nicht allzu langer Zeit im Gewande des Rokoko daher gekommen war, neigte sich ihrem Ende zu, eine neue Klassik, die sich mit romantischen Elementen verbinden sollte, stand am Horizont. 1797 hatte Haydn die Quartette op. 76 komponiert und sie 1799 veröffentlicht; in diesem Jahr entstand auch das unvollständige op. 77. Zur gleichen Zeit arbeitete Beethoven erstmals an Streichquartetten. Zuvor oder gleichzeitig hatte er sich in erstaunlicher Weise fast allen Kammermusikgattungen gewidmet und folgende Werke einer Opuszahl, d.h. der Veröffentlichung gewürdigt: Klaviertrios (op.1; um 1794), Klaviersonaten (op. 2, 7, 10, 13 und 14; 1795-99), Streichquintett (op. 4 nach einem früheren Bläseroktett), Cellosonaten (op. 5; 1796), Streichtrios (op.3, 8 und 9; 1798), Violinsonaten (op.12; 1797), Klavierquintett mit Bläsern (op.16; 1796), Hornsonate (op. 17; 1800). Jetzt war die Zeit reif, fühlte er sich reif für die Komposition und Veröffentlichung von Quartetten - kurz danach sollte die 1. Sinfonie folgen.

Natürlich wurzeln die sechs Quartette noch im 18. Jahrhundert und berufen sich auf Haydn und Mozart. Noch einmal taucht auch jene Sechserzahl für ein Opus auf, die für Haydn die Regel gewesen war. Sie zeigen aber auch die Suche nach dem eigenen Stil. Äusserlich wird dies sichtbar an der Bezeichnung des Tanzsatzes, dem Beethoven in der Form des Scherzos eine neue Dimension gibt. Dreimal bezeichnet ihn Beethoven als Scherzo (Nr. 1/2/6), zweimal als Menuetto (Nr. 4/5), einmal gar nicht (Nr. 3; es handelt sich eher um ein Menuett). In Nr. 4 bezeichnet er das Andante als Scherzo. Haydn hatte in seinen Quartetten nach dem op. 33 selbst dort, wo er wie im op. 77 Presto vorschreibt, den Begriff Scherzo nicht mehr verwendet; bei Mozart findet sich der Begriff nicht. Allerdings deckt sich die Bezeichnung Scherzo durch Beethoven nicht mit der Entstehungsreihenfolge: Nr. 3 / 1 / 2 / 5 / 4 / 6.

Im Jahre 1800, nach Abschluss aller sechs Quartette, überarbeitete Beethoven die Nummern 1 bis 3 grundlegend. 1801, im Jahr des Erscheinens der dem Fürsten Lobkowitz (dem Auftraggeber?) gewidmeten Quartette, schrieb er an Freund Karl Amenda, dem er das F-dur-Quartett zunächst zugeeignet hatte: "Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss."

In der Tat kann man die drei ersten Quartette teilweise noch der Spielmusik - wenn auch auf höchstem Niveau - des 18. Jahrhunderts zuweisen. Das wird am 2. Quartett deutlich, dem man im 19. Jahrhundert wegen seiner galanten "Verbeugungen" den Namen "Komplimentierquartett" gegeben hat. Gerade hier aber ist das Scherzo voll entwickelt. Die zuerst entstandene Nr. 3 wirkt freundlich-melodiös und endet mit einem Finale in virtuoser Entladung von Spielfreude, schliesst aber ganz überraschend-witzig im Pianissimo. Hier ist Haydn ganz nah. Den entscheidenden Schritt über Haydn hinaus geht das F-dur-Quartett, zumindest in den beiden ersten Sätzen, denen die Umarbeitung galt. Kein Wunder, dass Beethoven es an die 1. Stelle des Opus gesetzt hat. Das unisono auftretende Hauptmotiv wird in einer Weise verarbeitet, die selbst Haydns Monothematismus in den Schatten stellt. Das Adagio, laut dem Zeugnis Amendas von der Grabszene aus "Romeo und Julia" inspiriert, ist ganz neuartig eine dramatisch-expressive Szene. Das synkopierte Scherzo und das Finale mit seinen Sechzehnteltriolen leben, noch in der Tradition Haydns, von Bewegung und Spielfreude.

rs