Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

740

8.1.2002, 20:15 Uhr (Zyklus A 76. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Zyklus Beethovens Opus 18

Leipziger Streichquartett (Leipzig)

Seidel, Andreas, Violine 1
Büning, Tilman, Violine 2
Bauer, Ivo, Viola
Moosdorf, Matthias, Violoncello

Das Quartett wurde 1988 als "Neues Leipziger Quartett" gegründet. Mit den Jahren hat es das "Neues" im Namen abgelegt und tritt selbstbewusst als "das" Leipziger Quartett auf. Drei seiner Mitglieder waren Stimmführer des Gewandhausorchesters Leipzig. Sie verliessen das Orchester 1993, um sich ausschliesslich der Kammermusik zu widmen. Seine Kammermusikausbildung hat das Quartett u.a. beim Amadeus-Quartett, bei Hatto Beyerle und bei Walter Levin erhalten. Als Preise und Auszeichnungen sind zu nennen: 2. Preis beim ARD-Wettbewerb in München und Brüder-Busch-Preis 1991, 1992 Förderpreis des Siemens-Musikpreises. Seit 1991 gestaltet das Quartett in Leipzig eine eigene Konzertreihe "Pro Quatuor" und engagiert sich als Mitglied des Leipziger "Ensemble Avantgarde" für zeitgenössische Musik. Konzerttourneen führten das Ensemble durch die ganze Welt. Im August 1995 gastierte es zur Eröffnung der Kyburgiade im Schlosshof der Kyburg. Unter seinen Einspielungen ist die Gesamtaufnahme der Quartette Schuberts hervorzuheben, die 1997 abgeschlossen wurde. Im gleichen Jahr trat das Leipziger Quartett mit Beethovens op. 74, Feldmans "Structures" und Brahms op. 67 erstmals in unseren Konzerten auf.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 4, c-moll, op. 18 Nr. 4 (1798/1800)

Allegro ma non tanto
Scherzo: Andante scherzoso, quasi Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro – Prestissimo

Streichquartett Nr. 5, A-dur, op. 18, Nr. 5 (1798/99)

Allegro
Menuetto
Andante cantabile
Allegro

Streichquartett Nr. 6, B-dur, op. 18, Nr. 6 «La Malinconia» (1798/1800)

Allegro con brio
Adagio, ma non troppo
Scherzo: Allegro – Trio
La Malinconia: Adagio – Allegretto quasi Allegro – poco Adagio – Prestissimo

Wenn wir Beethovens Verhalten und seine Äusserung gegenüber Karl Amenda, das F-Dur Quartett in der Urfassung nicht weiterzugeben, richtig interpretieren, dürfen wir die Quartette Nr. 4 bis 6 als den entscheidenden Schritt vom Quartett des späten 18. zu dem des frühen 19. Jahrhunderts ansehen. Beethoven hat die ersten drei Quartette im Jahre 1800 revidiert. Dies zeigt, dass er selbst von der ersten zur zweiten Dreiergruppe einen qualitativen Fortschritt sah, der ihn nötigte, die ersten Werke dem neuen Standard anzupassen. So sind auch diese drei Quartette, zumindest in einzelnen Sätzen (vor allem beim F-dur-Quartett die beiden ersten) zu neuartigen Kompositionen geworden. Natürlich stehen auch die Nummern 4 bis 6 noch in der Tradition; der eigentliche Bruch mit dem 18. Jahrhundert wird sechs Jahre später - dafür umso radikaler - mit den Rasumowsky-Quartetten op. 59 erfolgen.

Stimmt nun die These? Da überrascht zunächst, dass in der Literatur ausgerechnet das 4. Quartett, das moll-Quartett der Serie, gelegentlich als das schwächste des Opus angesehen wird. Hat somit Beethoven bei der Revision den Standard der Num-mern 1-3 über den der späteren gehoben? Die Beurteilung dürfte allerdings von der Tonart c-moll beeinflusst sein. Im Jahre 1800 darf man noch kein "Schicksals-Quar-tett" erwarten. Gleichwohl überrascht der Kopfsatz durch sein Pathos. Da liegt leidenschaftliches Drängen über dem 12 Takte langen Hauptthema. Der Seitensatz (Es-dur) ist zwar aus dem Hauptthema abgeleitet, wirkt aber lyrischer. Dieser doch sehr persönlich gehaltene Satz endet in düsterem c-moll. Einen wirklichen langsamen Satz hat das Quartett nicht, denn Beethoven wählt zwei Tanzsatzvarianten, einen mehr durch Staccati scherzhaften Sonatensatz und einen mit seinen zahlreichen Sforzati echt pathetischen c-moll-Satz, der bei der Wiederholung durch die vorgeschriebene Tempoverschärfung an Dramatik gewinnt. Im Finale fühlt man sich trotz heftigen Akzenten wieder an Haydn erinnert.

Für das 5. Quartett in A-dur hat sich Beethoven bis in die Satzbezeichnungen hinein ein eindeutiges Vorbild genommen: Mozarts KV 464 in der gleichen Tonart, dessen Finale er eigenhändig kopiert hat. Beide Male steht das Menuett an zweiter Stelle, beide Male ist der langsame Satz ein Variationen-Andante, welches das Herzstück des Werks bildet. Aber man darf nicht von Nachahmung sprechen. Was Beethoven in diesem hellsten seiner Quartette mit allen Anklängen, übrigens auch an eigene Werke, macht, ist doch auch schon die Entwicklung einer neuen, eigenen Tonsprache.

Die modernste Passage im 6. Quartett ist die langsame Einleitung zum Schlusssatz, welche die Überschrift "La Malinconia" trägt. Die Schwermut wird in einer Weise gemalt, die "harmonisch alles Vergleichbare jener Zeit weit hinter sich lässt" (W. Konold). Im Wechsel mit der Heiterkeit der tänzerischen Allegrettoteile ergibt sich nicht nur ein Kontrast, sondern auch der Versuch, beide Seiten menschlichen Verhaltens als austauschbar nebeneinander zu stellen. Am Schluss setzt sich mit der Prestissimo-Steigerung das Tänzerisch-Lustige durch, wirkt aber, wie so oft bei Beethoven, nicht ganz frei, eher etwas künstlich. Das Werk ist auf diesen Finalsatz hin ausgerichtet: ein musikantischer, nur im Seitenthema etwas ruhigerer Kopfsatz, das melodisch-subtile Adagio in dreiteiliger Liedform und das synkopierte Scherzo mit eigenwilligen Akzenten bilden den Vorspann zum quasi una fantasia des Finales.

rs