Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

744

12.3.2002, 20:15 Uhr (Zyklus A 76. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

St. Petersburg Streichquartett (St. Petersburg)

Aranovskaya, Alla, Violine 1
Teplyakov, Ilya, Violine 2
Koptyev, Alexei, Viola
Shukayev, Leonid, Violoncello

Das 1985 von Absolventen des Leningrader Konservatoriums unter der Obhut von Vladimir Ovchrarek als Quartett dieser Institution gegründete Ensemble gewann früh Preise: 1. Preis beim Streichquartett-Wettbewerb der Sowjetunion, 1987 Spezial- und Sonderpreis beim 1. Internationalen Schostakowitsch-Wettbewerb für Streichquartette. 1989 wurde ihm der Name Leningrad Streichquartett und die Teilnahme am Wettbewerb von Tokio gestattet, wo es ebenfalls ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr folgte der erste Besuch in den USA sowie nach ersten Preisen in Florenz und Melbourne Konzerte in Deutschland und Asien. Seit 1991 heisst es St. Petersburg Streichquartett und hat inzwischen in aller Welt gastiert. Seit 1997 wirkt es jedes Jahr als Quartet in Residence am Oberlin Conservatory of Music/Ohio. Als CD-Einspielungen sind u.a. Quartette von Prokofieff, Schostakowitsch und das 1. Quartett von Zurab Nadarejshvili erschienen. Gerade in den USA wurde das Quartett auf Grund seiner Konzerte und Platten von der Kritik in den höchsten Tönen gefeiert.

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 4, D-dur, op. 83 (1949)

Allegretto
Andantino
Allegretto
Allegretto

Zurab Nadarejshvili
1957-

Streichquartett Nr. 1 (1985)

Adagio
Allegro vivace
Ad libitum (Quasi adagio)

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
1840-1893

Streichquartett Nr. 2, F-dur, op. 22 (1873/74)

Adagio – Moderato assai
Scherzo: Allegro giusto
Andante ma non tanto
Finale: Allegro con moto

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Schostakowitschs 4. Quartett ein verinnerlichtes, lyrisches Werk. Es entstand in jener Schaffensphase, in der Schostakowitsch die Komposition von Sinfonien zurückstellte. Die überraschend leichte 9. hatte 1945 in ihrer Abkehr vom Pathos der 7. und 8. Sinfonie einen Abschluss bedeutet; die grosse 10. sollte erst 1953 folgen. Auch das Quartett legt alles Pathos ab, wirkt zurückgenommen und beginnt mit einem eher ruhigen, kurzen und wie ein Präludium wirkenden Allegretto, das allerdings bereits nach dreissig Takten einen dynamischen Höhepunkt erreicht. Östliche Volksmusik mit Dudelsackweisen klingt zwar an, ist aber nirgends Zitat. Das Andantino steht in f-moll und ist ein grosser lyrischer Gesang, angeführt von der Primgeige. Der schlichte Satz dürfte einer der berührendsten im Schaffen des Komponisten sein; er verklingt im Pianissimo. An der Stelle eines echten Scherzos steht ein Allegretto in c-moll, das wegen der zurückgenommenen Lautstärke verhalten, fast fahl wirkt. Das attacca anschliessende Final-Allegretto, ist ein Rondo. Eingeleitet wird es von der Bratsche; es schöpft seine Melodien aus der jüdischen Volksmusik. Sie werden in kurzen, sich wiederholenden Gedanken vorgetragen. Trotz tänzerischen Elementen wirkt der Satz erneut zurückhaltend, voller Trauer. Einzig im zentralen Höhepunkt steigert er sich zu tänzerischer Ausgelassenheit. Nach diesem volksmusikhaften Intermezzo leitet die Bratsche in den klagenden Schlussteil zurück.

Der Georgier Nadarejshvili, der zunächst ein Ingenieur-Studium absolvierte und heute am Konservatorium von Tiflis lehrt, erhielt für sein 1. Quartett 1987 den 1. Preis im Moskauer Wettbewerb für junge Komponisten. Er sieht es, vor allem im 3. Satz, als eine musikalische Reflexion über die emotionalen Erfahrungen der Georgier während der Epoche des Stalinismus und des 2. Weltkriegs. Der erste Satz greift auf alte georgische Lieder zurück, die über eine Struktur brummender Töne gelegt sind. Auch der lebhafte 2. Satz nimmt in Form von Pseudo-Volksliedern aus der Zeit um 1930 auf georgisches Material Bezug, hier eher tänzerischen Charakters. Das Finale kehrt zum Klageton des Beginns zurück. Einzig der Mittelteil unterbricht mit seiner manischen Bewegung in starkem Kontrast die Trauer der Rahmenteile, die auf einem authentischen Klagelied beruht.

Tschaikowsky schrieb über sein 2. Quartett: «Es ist mein bestes Werk; kein anderes ist mir so leicht von der Feder gegangen. Ich schrieb es sozusagen auf einen Sitz fertig.» In der Tat entstand es in kurzer Zeit im Dezember und Januar 1873/74. Da Anton Rubinstein das Werk nach einer Privataufführung heftig kritisierte, überarbeitete es der Komponist vor der Uraufführung am 10. (22.) März 1874. Hier fand es starken Beifall. Es ist in grösseren Dimensionen und tiefgründiger angelegt als das drei Jahre zuvor entstandene 1. Quartett. Die Einleitung wird von der ersten Geige dominiert, die ihre Figuren über den chromatischen Unterstimmen ausführt, zuletzt in einer Kadenz. Chromatisch ist auch der Charakter des Kopfsatzes, wodurch die Tonart F-dur im Hauptthema gar nie richtig wirksam wird. Das Scherzo in Des-dur erzielt seine Wirkung durch die eigenartige Rhythmik in scheinbarem 7/8-Takt, allerdings im Wechsel von 6/8- und 9/8-Takt notiert. Im Trio in A-dur stimmt die Bratsche einen graziösen Walzer an. Ausdrucksstark ist die f-moll-Klage des Andante in Rondoform. Dieser längste Satz des Werks bedeutet auch sein Zentrum. Bedeutungsvoll wird der zweite Gedanke, eine absteigende punktierte Quarte. Das lebensfreudige Finalrondo endet nach strettahaftem Fugato largamentissimo mit dem Thema des Zwischensatzes.

rs