Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

752

21.1.2003, 20.15 Uhr (Zyklus A 77. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Hagen Quartett (Salzburg)

Hagen, Lukas, Violine 1
Schmidt, Rainer, Violine 2
Hagen, Veronika, Viola
Hagen, Clemens, Violoncello

Das berühmteste und bedeutendste unter den heute wirkenden Familienquartetten hat seine Ausbildung am Salzburger Mozarteum, später in Basel, Hannover und Philadelphia erhalten. Lehrer und Mentoren waren Hatto Beyerle, Heinrich Schiff und Walter Levin. Die Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt und Gidon Kremer, der das Quartett schon früh nach Lockenhaus eingeladen und immer wieder in seine kammermusikalischen Projekte einbezogen hat, haben den musikalischen Blickwinkel des Ensembles ungemein erweitert. 1981 waren dem Quartett in Lockenhaus der Preis der Künstlerjury und der Publikumspreis zuerkannt worden, 1982 folgte der erste Preis in Portsmouth, 1983 die Auszeichnungen in Evian, Bordeaux und Banff. Seither zählt das Hagen Quartett zu den weltweit etablierten und anerkannten Meisterquartetten. Seine Platteneinspielungen sind nicht allzu zahlreich, dafür besonderssorgfältig ausgewählt und ausgearbeitet. Sie belegen wie die Konzertprogramme das Selbstbewusstsein und Wandlungsvermögen in den unterschiedlichsten Stilen von Bach bis Ligeti und Lutoslawski. Es gastierte letztmals bei uns am 14.11.2000 mit einem reinen Mozart-Programm.

Johann Sebastian Bach
1685-1750

Contrapunctus I-IV aus der «Kunst der Fuge», BWV 1080 (um 1740/49)

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 4, Sz 91 (1928)

Allegro
Prestissimo, con sordino
Non troppo lento
Allegretto pizzicato
Allegro molto

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 23, F-dur, KV 590 (1790)

Allegro moderato
Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro

«In meinen neueren Werken verwende ich mehr Kontrapunkt als früher. So vermeide ich wieder die Formeln des 19. Jahrhunderts, die vorwiegend homophoner Art waren. Ich studiere Mozart. Vereinigte er nicht in wunderbarer Weise kontrapunktische und homophone Ideen? Ich habe die vorklassischen Kontrapunktisten studiert, die für Orgel und Cembalo schrieben, und ich habe vor, die Partituren der alten Vokalkontrapunktisten zu lesen. Denn ich beabsichtige immer ein Lerner zu bleiben.» So äusserte sich Bartók 1928, im Entstehungsjahr des 4. Streichquartetts. Das kontrapunktische Element (Häufigkeit von Kanon und Umkehrungsimitation, etwa im Finale) verbindet sich mit dem Mittel der Variation und mit der neu entwickelten Brücken- oder Bogenform. «Der langsame Satz bildet den Kern des Werkes, die übrigen Sätze schichten sich um diesen. Und zwar ist der 4. Satz eine freie Variation des 2., die Sätze 1 und 5 wiederum haben gleiches Material, das heisst: um den Kern (Satz 3) bilden die Sätze 1 und 5 die äussere, 2 und 4 die innere Schicht» (Bartók). So entsteht eine Symmetrieform vom Muster ABCBA. Zu den vielen klanglichen Spezialeffekten wurde Bartók vielleicht von Bergs Lyrischer Suite angeregt. Das motivische Material wird aus einer Keimzelle entwickelt, die ständig variiert wird: zwei Halbtonschritten aufwärts (h-c-des) folgen zwei abwärts (c-h-b).

Was passt – wenn wir Bartóks Aussage zum 4. Quartett ernst nehmen – besser zu diesem Werk als Fugen von Bach und ein Quartett von Mozart? Bach nannte ja die in der Erstfassung 14, später 24 Sätze seiner Kunst der Fuge nicht «Fuge» oder «Kanon», sondern Contrapunctus, weil er den Kontrapunkt als das Hauptelement dieser Kompositionsweise ansah. Alle Fugen sind aus einem Thema (soggetto) entwickelt, indem es rein, in Umkehrung, Diminuierung oder Augmentation auftaucht oder mit neuen Themen verbunden wird. Bach hat weder die Instrumente noch die Reihenfolge der Fugen endgültig festgelegt. Da zudem die grosse Schlussfuge, die eine Quadrupelfuge mit drei neuen Themen werden sollte, unvollendet ist, hat das Werk schon früh (schon anlässlich der Erstausgabe von 1751) eine mystifizierende Verklärung erfahren. Heute weiss man, dass die 1. Fassung schon zu Beginn der 1740er Jahre entstanden ist und dass eine 2. Bearbeitungsphase bis etwa 1746 und die Druckfassung spätestens 1749 folgte.

Mozart hat nach der lunga, e laboriosa fatica der «Haydn-Quartette» nur noch einmal zu einem Zyklus von sechs Quartetten angesetzt. Voller Hoffnung wollte er sie «für Seine Mayestätt dem König in Preussen» schreiben, doch ist der Plan nie Wirklichkeit geworden. Die Widmung kam nicht zustande und es blieb bei drei Quartetten. Am 12. Juni 1790, kurz nach Vollendung von KV 590, schrieb er an Puchberg: «Nun bin ich gezwungen meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen» Daraus – wie aus der Äusserung zu den «Haydn-Quartetten» – ist zumindest das zu entnehmen, dass Mozart die Komposition von Quartetten generell schwer fiel, er also, selbst wenn er wirklich in Geldnot gewesen sein sollte, nicht noch rasch drei weitere für eine komplette Sechserfolge komponieren konnte, obwohl die drei «Preussischen Quartette» einfacher sind als die «Haydn-Quartette». Das Werk gipfelt nach einem durch seine ungeraden Taktperioden interessanten Menuett in einem Finale, das wie eine Huldigung an Haydn wirkt. Es geht aber in seiner kühnen Kontrapunktik und im schroffen Nebeneinander der Tonarten über jenen hinaus.

rs