Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

753

4.2.2003, 20.15 Uhr (Zyklus B 77. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Trio Parnassus (Stuttgart)

Schröder, Wolfgang, Violine
Gross, Michael, Violoncello
Chou, Chia, Klavier

Das Trio Parnassus wurde 1982 auf Initiative des Cellisten und des ersten Pianisten, Friedemann Rieger, die zuvor als Duo aufgetreten waren, gegründet. Im gleichen Jahr absolvierte es seinen einzigen Wettbewerb in Colmar. Daraufhin konzentrierte sich das Trio auf den Ausbau eines reichen Repertoires, das auch, nicht zuletzt dank der Unterstützung von Musikwissenschaftlern wie dem Schumann-Forscher Joachim Draheim Raritäten wie die Klaviertrios von Philipp Schwarwenka, Rheinberger, Hummel, Lalo oder Woldemar Bargiel oder interessante Bearbeitungen umfasst. Vieles davon ist auch auf CD erschienen. In Gesamteinspielungen liegen die Trios von Beethoven, Brahms, Hummel, Mozart und Schumann vor. Sie wurden von der Kritik mit höchstem Lob bedacht. Chia Chou wuchs in Toronto auf; 1978 übersiedelte er zum Studium nach Stuttgart, in dessen Nähe er heute noch lebt (Ludwigsburg). Er gewann 1980 den Mendelssohn-Wettbewerb in Berlin und 1981 denjenigen in Sidney. Wolfgang Schröder, der dem Trio seit 1996 angehört, studierte u.a. bei Sándor Végh in Salzburg. Er gründete ein Streichtrio, das Internationale Kammermusikfestival in Straubing sowie die Camerata Stuttgart. 1993–95 war er künstlerischer Leiter des European Community Chamber Orchestra. Er spielt eine Pietro Guarneri. Als einziger von der ursprünglichen Besetzung noch dabei ist der Cellist Michael Gross. Er hat bei Ludwig Hoelscher, Antonio Janigro und Pierre Fournier studiert und gewann 1980 den Premio Vittorio Gui in Florenz. Zudem ist er Solocellist der Stuttgarter Oper.

Ernest Bloch
1880-1959

Drei Nocturnes für Klavier, Violine und Violoncello (1924)

Andante
Andante quieto
Tempestoso – calmo – maestoso – con moto

Arno Harutyuni Babadjanian
1921-1983

Klaviertrio (1952)

Largo – Allegro espressivo
Andante
Allegro vivace

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Klaviertrio Nr. 7, B-dur, op. 97 «Erzherzog-Trio» (1811)

Allegro moderato
Scherzo: Allegro
Andante cantabile (ma però con moto) –
Allegro moderato – Presto

Ernest Bloch hat es nicht leicht gehabt. In seiner vom Calvinismus geprägten Geburtsstadt Genf (seine eigentliche Heimat war eines der aargauischen Judendörfer) fand der Violinschüler von Louis Rey (später in Brüssel von Eugène Ysaye) und Kom-positionsschüler von Emile Jaques-Dalcroze (später in München von Ludwig Thuille) weder ein rechtes Auskommen noch Resonanz. Darum verliess er 1916 Genf, um als Tournee-Dirigent in den USA zu wirken. Hier hatte er nach grösseren Anfangsproblemen als Komponist und Dirigent Erfolg (Trois Poêmes Juifs; Israel Symphony; später auch das 1. Streichquartett). Dies bewog ihn vorerst, in Amerika zu bleiben, doch fühlte er sich letztlich dort nie wirklich wohl. Er setzte sich entschieden für eine autonome jüdisch-hebräische Musik ein; die Jahre 1912–1917 gelten als seine jüdisch-hebräische Phase (bekanntestes Werk: Schelomo). 1924, im Entstehungsjahr der Nocturnes, erwarb Bloch zwar die amerikanische Staatsbürgerschaft, erwog aber danach eine Auswanderung nach Palästina. 1930 bis 1938 war er wieder in Europa, doch der grassierende Antisemitismus liess ihn in die USA zurückkehren. Die in Cleveland entstandenen kurzen Nocturnes wirken wie ein nostalgischer Rückblick auf die alte Heimat. Das kurze Andante führt in diese Stimmung ein; im stillen, gleichsam Abendfrieden verbreitenden Andante quieto lässt das Hauptmotiv ein waadtländisches Volkslied anklingen (es wird auch in der sinfonischen Dichtung Helvetia von 1929 aufscheinen), während im Schlusssatz wortwörtlich der Sturm losbricht – doch nur, um auf einmal mit dem Hauptmotiv in helles C-dur umzuschlagen.

Der Pianist und Komponist Arno Babadjanian begann seine musikalischen Studien in seiner Heimat Armenien und setzte sie später in Moskau bei Wissarion Scherbalin und Heinrich Litinski fort. Diese waren den Traditionen der neuen Musik der 20er Jahre verpflichtet, die sich durch romantische und konstruktive Elemente aus-zeich-nete. Babadjanian knüpfte in seinen Werken zunächst an diese Tradition an. Später sind auch Einflüsse der Chromatik Prokofieffs, der Rhythmik Bartóks und der Zwölftontechnik Schönbergs spürbar. Nach dem Abschluss seiner Studien in Moskau, zuletzt am „Haus der armenischen Kultur“, im Jahre 1948 hatte Babadjanian von 1950 bis 1956 einen Lehrauftrag in seiner Heimatstadt Erewan. Sein Oeuvre umfasst zahlreiche Klavierkompositionen, Werke für Orchester, Film- und Kammermusik, aber auch populäre Songs und Balladen. Die Klavierwerke sind durch einen virtuosen Stil und starke Expressivität gekennzeichnet. Das Klaviertrio entstand in einer politisch schwierigen Zeit. Seit den Musik-Beschlüssen der Kommunistischen Partei von 1948 war für die letzten Jahre der Stalinära Neue Musik tabu. Babdjanian gelang es allerdings, seine Zuhörer für sein Trio zu begeistern: Die Uraufführung durch das Oistrach-Trio, dem das Werk gewidmet ist, hatte einen überwältigenden Erfolg.

Die Werke, die Beethoven seinem zeitweiligen Schüler Erzherzog Rudolph von Österreich widmete (5. Klavierkonzert, Hammerklaviersonate, Missa solemnis, etc.) zeichnen sich durch eine besondere Grösse und Bedeutung aus und bilden nicht selten den Höhepunkt der jeweiligen Gattung. Dies ist beim "Erzherzog-Trio" nicht anders. Nicht nur die Länge des Werkes, sondern auch seine Themengestaltung zeigt Weite und gleichsam würdevollen Ernst. Und doch liegt über dem Ganzen eine "poetisch-klangschöne" Farbe, die auch der benachbarten und ebenfalls dem Erzherzog gewidmeten Violinsonate op. 96 eigen ist. Das Klavier dominiert zwar – ganz neu ist der Soloeinsatz zu Beginn mit dem weitgespannten Hauptthema, und erst noch im dolce – wirkt aber nicht solistisch-virtuos, sondern gibt dem Klangbild einen sinfonischen Zug. Den Kopfsatz prägt weniger eine kontrastierende Dualität der Themen (es sind letztlich drei) als eine gewisse Verwandtschaft. Die motivische Arbeit bezieht ihr Material vor allem aus den ersten vier Tönen und dem Trillermotiv des Hauptthemas. Das eher kurze Scherzo steht – wie später in der 9. Sinfonie – an zweiter Stelle und lässt Raum für das dem Kopfsatz in der Länge entsprechende Adagio, einen kantablen Variationensatz in D-dur. Auf vier Variationen folgt als fünfter Teil eine gedehnte Coda, die Durchführungselemente aufweist. Attacca schliesst das tänzerische, überraschungsreiche Final-Rondo an, das in einer Presto-Stretta endet.

rs