Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

758

4.11.2003, 20.15 Uhr (Zyklus A 78. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Carmina Quartett (Zürich)

Enderle, Matthias, Violine 1
Frank, Susanne, Violine 2
Champney, Wendy, Viola
Goerner, Stephan, Violoncello

Das Carmina Quartett darf heute zu Recht als das namhafteste unter den Schweizer Quartetten bezeichnet werden. Es war in den letzten Jahren fast jede Saison bei uns zu Gast, heute ist es das elfte Mal. Das ursprünglich als Streichtrio gegründete Ensemble hatte sich 1984 zum Quartett erweitert und konnte als solches bald grosse Erfolge aufweisen, so 1987 beim Borciani-Wettbewerb. Im gleichen Jahr trat es erstmals in unseren Konzerten auf. Das Carmina Quartett ist seit 1995 "Quartet in residence" an der Musikhochschule Zürich Winterthur. Mit der „Kyburgiade“ führt es jeden Sommer ein eigenes Kammermusikfestival durch. Das national und international gefragte Ensemble plant sein Repertoire äusserst sorgfältig und studiert die ausgewählten Werke mit grösster Gewissenhaftigkeit ein. Dies ist nicht nur in den Konzerten zu hören, sondern auch bei Platteneinspielungen. Die meisten sind mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden, so etwa die Quartette von Ravel und Debussy, Szymanowski, Haydn (op. 76) oder Brahms (op. 51). Eine der jüngsten Aufnahmen umfasst Othmar Schoecks "Notturno" mit Olaf Bär. Diese Aufnahme zeigt, dass das Carmina Quartett nicht nur das reine Quartettrepertoire pflegt, sondern immer wieder mit namhaften Partnern auftritt, was auch in unseren Konzerten häufig der Fall war. Heute jedoch konzentriert es sich auf die reine Quartettliteratur, zeigt aber auch diesmal Interesse am Neuen, nämlich am neusten Streichquartett seines näheren Landsmanns Daniel Schnyder, das ihm auch gewidmet ist.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 19, C-dur, KV 465 «Dissonanzen-Quartett» (1785)

Adagio – Allegro
Andante cantabile
Menuetto: Allegro – Trio
(Molto) Allegro

Daniel Schnyder
1961-

Streichquartett Nr. 3 ’Sunrise and Sunset’ (a Love Story) (2002)

I. Alexander and Roxane (con moto)
II. A Sunday Morning in Harlem (choral)
III. Wedding Dances (rondo ben ritmato)

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 8, e-moll, op. 59, Nr. 2 «2. Rasumovsky-Quartett» (1806)

Allegro
Molto adagio
Allegretto - Maggiore (Thème russe)
Finale: Presto

Ein italienischer Käufer soll dem Verleger Artaria die Noten von Mozarts Haydn-Quartetten mit der Bemerkung zurückgeschickt haben, sie seien voller Fehler des Stechers. Und der Komponist Giuseppe Sarti kritisierte sie, weil Mozart wie ein Klavierspieler schreibe, der zwischen Dis und Es nicht unterscheiden könne. Die Kritik zielte gewiss auf die 22 Takte der Einleitung zum C-dur-Quartett. Obwohl es lange vor Mozart kühnere harmonische Reibungen gegeben hatte, erregte ihr Auftauchen in einem Streichquartett und der Umstand, dass die Dissonanzen so gar nicht zur Klarheit der folgenden Sätze passen wollten, Unmut. Aber vielleicht war es gerade das, was Mozart suchte: So wird einem das C-dur erst wirklich bewusst. Mozart trug das C-dur-Quartett am 15. Januar 1785 in sein Werkverzeichnis ein. Bereits am nächsten Tag führte er es mit den fünf andern dem Widmungsträger und Freunden vor mit Wiederholung am 12. Februar - wieder im Beisein Haydns. Dieser hat nach der ersten Aufführung bekanntlich von Mozart gesagt, er habe „die grösste Compositionswissenschaft“. Dies hätte er kaum von einem Komponisten gesagt, der Dis und Es nicht unterscheiden kann.

Als einen Wanderer zwischen den Welten bezeichnete die neue musikzeitung im September 1998 den Komponisten Daniel Schnyder und hat damit nicht nur gemeint, dass der in Zürich geborene Komponist heute in New York lebt, sondern dass er auch zwischen den Musikstilen pendelt: Bald komponiert er "klassische" moderne Musik, bald ist er als ernstzunehmender Jazzmusiker unterwegs. Studiert hat er Flöte in Winterthur sowie Jazz-Saxophon und -komposition am Berkley College in Boston. Die nmz schrieb zudem: "Die wechselseitige Anregung zwischen beiden Musikbereichen scheint das eigentliche Geheimnis seiner Produktivität zu sein." Schnyder versteht es, Musik zu schreiben, die nicht nur modern und überraschend, sondern auch gut gemacht ist und beim Publikum „ankommt“. Er beschreibt sein dem Carmina Quartett gewidmetes Werk so: Goethes ‚West-Östlicher Divan‘ hat mich zu meinem 3. Streichquartett inspiriert. Wie der Titel schon impliziert, zeige ich darin musikalische Verbindungen auf zwischen Nord und Süd, West und Ost. Der Schnittpunkt dieser in verschiedene Himmelsrichtungen strebenden musikalischen Vektoren liegt in Mitteleuropa, meiner Heimat. Trotz der vielen exotischen Einflüsse ist mein Streichquartett tief in der traditionsreichsten Gattung der abendländischen Musik verankert. Man kann diese Entwicklung meiner Musik vielleicht mit der europäischen Cuisine vergleichen, die sich vom Kohl zum Erdapfel, dann zu Curry, und nun zu mit Kokosnüssen und Mango versetzten Spezialgerichten entwickelt hat.

Beethovens opus 59 ist offensichtlich als Zyklus konzipiert. Zu dessen für das damalige Publikum schwierigen Zügen hat sicher der sinfonische Tonfall beigetragen, zu dem, angeregt durch die Qualitäten des Schuppanzigh-Quartetts, weitere Elemente wie spieltechnische Ansprüche, die Harmonik und die Rhythmik hinzutreten. Im Gegensatz zum F-dur-Quartett (Nr. 1) bleibt das zweite der Rasumowsky-Quartette stärker der Tradition verpflichtet. Es wirkt wie die Antithese zum kühnen ersten - das dritte in C-dur würde dann die Synthese bilden. Auf den düsteren Kopfsatz, einen Vorgriff auf op. 95 in f-moll, folgt ein zunächst scheinbar lichter Adagio-Choral - Czerny berichtet, er sei Beethoven beim Anblick des Sternenhimmels eingefallen. Durch Beifügen von Gegenstimmen und rhythmischen Kontrapunkten löst sich der Choral-Charakter immer mehr auf. Im fünfteiligen rhythmisch pointierten Scherzo fällt im Trio das aus Mussorgskys Boris Godunow bekannte Thème russe ins Ohr. Beethoven fand es in einer Sammlung russischer Volkslieder, die erstmals 1790 in St. Petersburg erschienen war. Das Finale weist, nicht nur mit dem Beginn in C-dur, auf das dritte Quartett, die Synthese des Opus, voraus.

rs