Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

761

24.11.2003, 20.15 Uhr (Zyklus A 78. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Hagen Quartett (Salzburg)

Hagen, Lukas, Violine 1
Schmidt, Rainer, Violine 2
Hagen, Veronika, Viola
Hagen, Clemens, Violoncello

Das berühmteste und bedeutendste unter den heute wirkenden Familienquartetten hat seine Ausbildung am Salzburger Mozarteum, später in Basel, Hannover und Philadelphia erhalten. Lehrer und Mentoren waren Hatto Beyerle, Heinrich Schiff und Walter Levin. Die Begegnungen mit Nikolaus Harnoncourt und Gidon Kremer, der das Quartett schon früh nach Lockenhaus eingeladen und immer wieder in seine kammermusikalischen Projekte einbezogen hat, haben den musikalischen Blickwinkel des Ensembles ungemein erweitert. 1981 waren dem Quartett in Lockenhaus der Preis der Künstlerjury und der Publikumspreis zuerkannt worden, 1982 folgte der erste Preis in Portsmouth, 1983 die Auszeichnungen in Evian, Bordeaux und Banff. Seither zählt das Hagen Quartett zu den weltweit etablierten und anerkannten Meisterquartetten. Seine Platteneinspielungen sind besonders sorgfältig ausgewählt und ausgearbeitet. Sie belegen wie die Konzertprogramme das Selbstbewusstsein und Wandlungsvermögen in den unterschiedlichsten Stilen von Bach bis Ligeti und Lutoslawski. Das Hagen Quartett ist bei uns zum fünften Mal zu Gast; in der letzten Saison spielte es ein Programm mit Bach, Bartók und Mozart.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 17, F-dur, op. 135 (1826)

Allegretto
Vivace
Lento assai e cantante tranquillo
Der schwer gefasste Entschluss: «Muss es sein?» Grave, ma non troppo tratto –
«Es muss sein!» Allegro

György Kurtág
1926-

Streichquartett «Isaac», in Verbindung mit Heinrich Isaac (um 1450–1517), aus der Offizien-Sammlung «Choralis Constantinus», Teil II (in der bearbeiteten Ausgabe von Anton Webern, 1909) (2002)

Kurtág: Aus der Ferne (1991)
Isaac: In Annunciatione Beatae Mariae Virginis
Kurtág: Con Slancio
Kurtág: Langsamer Walzer (für Walter Levin)
Kurtág: Perpetuum mobile für Viola
Isaac: In Ascensione Domini
Kurtág: Népdalféle für Viola
Kurtág: Largamente
Kurtág: Vivace
Isaac: In festo Corporis Christi
Kurtág: Leise, Sanft, Getragen
Kurtág: Doloroso für Viola
Kurtág: Ligatura, Message to Frances-Marie (The answered question), op. 31b
Isaac: In Visitatione Beatae Mariae Virginis
Kurtág: 12 Mikroludien für Streichquartett op. 13 – Hommage à Mihály András

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 12, Es-dur, op. 127 (1822–25)

Maestoso – Allegro
Adagio, ma non troppo e molto cantabile – Adagio molto espressivo
Scherzando vivace – Allegro – Tempo I – Presto
Finale: (ohne Tempobezeichnung) – Allegro comodo

Der 1926 in Rumänien geborene Pianist und Komponist György Kurtág studierte u.a. bei Sandor Veress, später in Paris bei Olivier Messiaen und Darius Milhaud. Hier machte er sich auch mit den Kompositionstechniken der Zweiten Wiener Schule und später mit Musik von Karlheinz Stockhausen vertraut. Am ehesten bekennt er sich zu zwei Vorbildern: Bartók mit seiner repetitiven Rhythmik und dem periodischen Denken und Webern in der knappen, äusserst konzentrierten und strukturierten Form. Eines der bekanntesten Werke, häufig von ihm selbst und seiner Frau aufgeführt, sind die Játékok («Spiele»), eine Reihe kurzer Stücke für Klavier, die stets für Erweiterungen offen ist. Zwischen diese eingebaut sind Klavierstücke von Bach. Ganz ähnlich geht Kurtág bei seinem «neuen» Werk «Isaac» vor. Er verwendet eigene Stücke für verschiedene Streichinstrumente wieder, darunter als «Finale» die bei uns bereits zweimal aufgeführten Mikroludien, und verzahnt sie mit Sätzen von Heinrich Isaac, dem grossen flandrischen Komponisten der Renaissance, der einer der Hauptmeister der niederländischen Schule war. Sein Lied «Innsbruck, ich muss dich lassen» ist noch heute berühmt. Er hat eine umfangreiche Sammlung von Offizien (mehrstimmige Kompositionen der Hauptteile des Messepropriums) komponiert, die er, weil zumindest Teil II auf der Liturgie von Konstanz (Isaac war zwischen 1503 und 1514 öfters dort) beruhen, «Choralis Constantinus» nannte. Webern hat 1906 sein Studium der Musikgeschichte an der Universität Wien mit einer Dissertation über den «Choralis Constantinus» abgeschlossen und später das Werk in eigener Bearbeitung herausgegeben. Auf diese Ausgabe stützt sich Kurtág.

Am 9. November 1822 richtete Fürst Nikolaus Galitzin an Beethoven die Bitte, für ihn «un, deux ou trois nouveaux Quatuors» zu schreiben. Die Anfrage kam Beethoven, der durchaus nicht immer für Auftragswerke zu gewinnen war, nicht ungelegen, hatte er doch bereits am 5. Juni 1822 dem Verlag Peters ein Quartett in Aussicht gestellt: das spätere Opus 127. Doch widerrief er das Angebot, da mir etwas anderes dazwischen gekommen, nämlich die Missa solemnis und die 9. Sinfonie. Im Februar 1824 nahm er die Arbeit am Quartett wieder auf und schloss es ein Jahr später ab. Es wurde am 6. März 1825 erstmals aufgeführt. Noch während dieser Arbeit, wohl im Herbst 1824, konzipierte Beethoven zwei weitere Quartette, op. 132 und op. 130. Während diese beiden Quartette zusammen mit op. 131 durch ein Viertonmotiv als Keimzelle verknüpft sind, stehen op. 127 und op. 135 für sich. Im Gegensatz zur Dreiergruppe sind beide Quartette leichter fasslich, halten sich auch an die gewohnte Viersätzigkeit. Das op. 127 ist ein Werk von weitgehend lyrischem Charakter. Beethovens letzte vollendete Komposition, das Opus 135, wirkt nach den drei monumentalen Werken wie eine Rückkehr zu Tradition und Gewohntem. Man glaubt sich zeitweise, wenn auch nur scheinbar, in Haydns Welt zurückversetzt. Höhepunkt des Werkes ist das Lento assai, das erst im September 1826 zu den übrigen Sätzen hinzukam und somit Beethovens letzter vollendeter Satz ist. Die Variationenfolge ist ein wahrer Abgesang, der in der Stimmung zu langsamen Bruckner-Sätzen hinführt. Nach dem «Muss es sein?» in der Einleitung zum Finale rätselt man bei der Allegro-Antwort «Es muss sein!», was denn da sein müsse. Entlässt uns Beethoven im Schlusssatz seines letzten Werks mit einem Scherz? War dies der Grund, warum op. 135 im 19. Jahrhundert das am wenigsten gespielte der späten Beethoven-Quartette war?

rs