Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

767

30.3.2004, 20.15 Uhr (Zyklus B 78. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Patricia Kopatchinskaja, Violine
Werner Bärtschi, Klavier

Kopatchinskaja, Patricia, Violine

Bärtschi, Werner, Klavier

Patricia Kopatchinskaja wurde 1977 in einer Musikerfamilie in Moldawien geboren. Mit sechs Jahren begann sie mit Violin- und Klavierunterricht. Sie studierte Violine und Komposition in Wien und Bern. Seit 1995 erhielt sie mehrere Preise, darunter 2000 den Henryk Szeryng-Preis in Mexico und 2001 den International Credit Suisse Young Artists Award. Sie spielt zwar gerne die gängigen Werke des Repertoires, auch bei den Violinkonzerten, aber sie ist immer auf der Suche nach Neuem. So verwundert es nicht, dass viele Komponisten und Komponistinnen (u.a. Violeta Dinescu) Stücke für sie geschrieben haben. 2002 debütierte sie mit den Wiener Philharmonikern (Sibelius-Konzert) beim Lucerne Festival. Bereits hat sie weltweit Konzerttourneen mit Orchester und als Solistin unternommen. 2004 stehen als Höhepunkte die Salzburger Festspiele, eine Japan-Tournee und die Uraufführung des für sie geschriebenen Violinkonzerts von Otto Zykan an. Über einen ihrer Basler Auftritte hiess es 2002: «In dieser Geigerin (steckt) ein Ausdruckswille, den sie nicht nur mit hervorragenden technischen Mitteln, sondern vor allem mit viel Freude, Lust am Spontanen und ohne Scheu vor Tabubrüchen ihrem Publikum weitergibt.»

Spontaneität ist auch ein Merkmal des 1950 in Zürich geborenen Pianisten Werner Bärtschi. Er ist eine Künstlerpersönlichkeit, die sich nicht nach den gewohnten Massstäben ausrichtet. Immer wieder versucht er, den Sinn des Konzertierens neu zu definieren und nach der ästhetischen Grundposition eines Werkes zu fragen. Deshalb wirken seine Interpretationen spontan, kommunikativ und spannungsvoll. Dass er neben dem gängigen Repertoire, in dem Bach, Mozart, Beethoven oder Chopin den Schwerpunkt bilden, ein breites Spektrum von Werken seit der Spätrenaissance pflegt, verwundert darum nicht. Er setzt sich auch für weniger Bekanntes (C.Ph.E. Bach, Nielsen, Satie, Ives, Scelsi) und für Neues ein (Cage, Klaus Huber, Riley, Schnebel, Vogel). Schon immer hat Bärtschi auch komponiert; so sind mehr als dreissig Werke verschiedenster Gattungen entstanden.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Sonate für Klavier und Violine Nr. 8, G-Dur, op. 30, Nr. 3

Allegro assai
Tempo di Minuetto, ma molto moderato e grazioso
Allegro vivace

Johannes Brahms
1833-1897

Sonate für Klavier und Violine Nr. 3, d-moll, op. 108 (1886/88)

Allegro
Adagio
Un poco presto e con sentimento
Presto agitato

Anton Webern
1883-1945

Vier Stücke für Geige und Klavier, op. 7 (1910)

Sehr langsam
Rasch
Sehr langsam
Bewegt

John Cage
1912-1992

Nocturne für Violine und Klavier (1947)

Béla Bartók
1881-1945

Rumänische Volkstänze (Fassung für Violine und Klavier von Zoltán Székely) (1915)

Stabtanz. Allegro moderato
Brául (Rundtanz). Allegro
Stampftanz. Moderato
Tanz aus Butschum. Moderato
Polka. Allegro
Schnelltanz I. Allegro – Schnelltanz II. Più allegro

Maurice Ravel
1875-1937

Tzigane, rapsodie de concert (1924)

Lento quasi cadenza –
Allegro

In Beethovens op. 30 rahmen zwei heitere Werke in A-dur und G-dur ein pathetisches c-moll-Werk ein. Alle drei beginnen mit einem rollenden Motiv im Hauptthema. In der G-dur-Sonate wirkt dieses zunächst unheimlich, doch gleich lösen Staccato-Dreiklangschritte alles ins Spielerisch-Heitere auf. In der Tat ist die Sonate ein spielerisches, in den Ecksätzen ständig in Bewegung gehaltenes Werk. Das Allegro vivace im Finale sei leggiermente zu spielen: Wieder sind die Dreiklangtöne da – hier zuerst, dann folgt ein rollendes Motiv. Diese sich geradezu endlos wiederholenden Tonreihen lassen den Satz kaum zur Ruhe kommen. Achtelfolgen mit Vorschlag (cis – d) geben zwischendrin eine witzige Note. Ruhepunkt ist der Mittelsatz im Tempo di Minuetto; hier sind mehr lyrische Kantilenen bestimmend als dass es sich um einen Tanzsatz handelt.

Unter den drei Violinsonaten von Brahms hebt sich – ähnlich wie bei Beethovens op. 30 – eine, die dritte, dadurch von denen in G- bzw. A-dur ab, dass diese lyrisch und dreisätzig und weitgehend heiter sind, jene hingegen das leidenschaftliche Moll-Stück verkörpert. Sie ist zugleich die virtuoseste. Begonnen wurde sie zusammen mit der A-dur-Sonate im Sommer 1886 in Thun; die Vollendung der Sätze 2 bis 4 erfolgte zwei Jahre später. Brahms widmete sie dem Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow, der mit seiner Meininger Hofkapelle das Orchesterschaffen von Brahms gefördert hatte (u.a. Uraufführung der 4. Sinfonie 1885). Am ehesten mit der A-dur-Sonate vergleichbar ist das sangliche zweiteilige Adagio in D-dur. Das Scherzo in fis-moll bildet den Gegensatz. Beide Sätze zusammen wirken intermezzohaft – in der A-dur-Sonate hatte Brahms dies in einen Satz zusammengefasst. Die Ecksätze verkörpern die d-moll-Leidenschaftlichkeit. Der letzte, wild herausfahrende noch mehr als der erste: er endet konsequenterweise in Moll.

Webern hatte in den Fünf Sätzen für Streichquartett op. 5 von 1909 den Weg weg von der thematischen Arbeit und hin zur aphoristischen Kürze eingeleitet. Im folgenden Jahr ging er mit den vier Geigenstücken noch einen Schritt weiter. Reminiszenzen an die Sonatenform oder Fragmente von klassisch-romantischen Themen sind fast ganz verschwunden. Im Vordergrund stehen Intervallbeziehungen, die sich ständig verwandeln, aber in ihrer Expressivität gleichwohl noch immer Raum lassen für den Geigen- und Klavierton.

John Cage, Kultfigur der neuen Musik, hat seit den dreissiger Jahren unabhängig und experimentell komponiert. Neben oft nur scheinbar klassischen Besetzungen treten originelle Instrumenten- und Stimmenkombinationen. Das gewagteste Stück (erst in diesem Jahr uraufgeführt!) ist 4’33’’ (1952) für beliebige Instrumente – die keinen einzigen Ton spielen. Das fünf Jahre ältere Nocturne dauert gleich lang. «In Nocturne an attempt is made to dissolve the difference between string and piano sounds though the convention of melody and accompaniment is maintained. The character of the piece is atmospheric and depends for its performance on a constant rubato and the sustaining of resonances» (J. Cage).