Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

768

12.10.2004, 20.15 Uhr (Zyklus B 79. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Leipziger Streichquartett (Leipzig)

Seidel, Andreas, Violine 1
Büning, Tilman, Violine 2
Bauer, Ivo, Viola
Moosdorf, Matthias, Violoncello

Das Quartett wurde 1988 als "Neues Leipziger Quartett" gegründet. Mit den Jahren hat es das "Neues" im Namen abgelegt und tritt selbstbewusst als "das" Leipziger Quartett auf. Drei seiner Mitglieder waren Stimmführer des Gewandhausorchesters Leipzig. Sie verliessen das Orchester 1993, um sich ausschliesslich der Kammermusik zu widmen. Seine Kammermusikausbildung hat das Quartett u.a. beim Amadeus-Quartett, bei Hatto Beyerle und bei Walter Levin erhalten. Als Preise und Auszeichnungen sind zu nennen: 2. Preis beim ARD-Wettbewerb in München und Brüder-Busch-Preis 1991, 1992 Förderpreis des Siemens-Musikpreises. Seit 1991 ge-staltet das Quartett in Leipzig eine eigene Konzertreihe "Pro Quatuor" und engagiert sich als Mitglieder des Leipziger "Ensemble Avantgarde" für zeitgenössische Musik. Konzerttourneen führten das Ensemble durch die ganze Welt. Im August 1995 gastierte es zur Eröffnung der Kyburgiade im Schlosshof der Kyburg. Unter seinen Einspielungen ist die Gesamtaufnahme der Quartette Schuberts hervorzuheben, die 1997 abgeschlossen wurde. Im gleichen Jahr trat das Leipziger Quartett mit Beethovens op. 74, Feldmans "Structures" und Brahms op. 67 erstmals in unseren Konzerten auf. Am 7. und 8. Januar 2002 spielte es bei uns das vollständige op. 18 von Beethoven.

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 13 (1827)

Adagio – Allegro vivace
Adagio non lento
Intermezzo: Allegretto con moto – Allegro di molto
Presto – Adagio non lento

Witold Lutoslawski
1913-1994

Streichquartett (1964)

Introductory Movement –
Main Movement – Funebre

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 12, Es-dur, op. 127 (1822–25)

Maestoso – Allegro
Adagio, ma non troppo e molto cantabile – Adagio molto espressivo
Scherzando vivace – Allegro – Tempo I – Presto
Finale: (ohne Tempobezeichnung) – Allegro comodo

Der achtzehnjährige Mendelssohn schuf mit dem a-moll-Quartett nicht nur sein - trotz der Nummer 2 - erstes vollgültiges Quartett („Nr. 1“, op. 12, entstand erst 1829; das Es-dur-Jugendwerk wird nicht gezählt), sondern zugleich eine originelle, auf der Höhe seiner Zeit stehende Komposition, vielleicht sogar sein bestes Werk bisher. Mendelssohn orientiert sich am Modernsten seiner Zeit, an den späten Quartetten Beethovens, die in dessen Todesjahr 1827 zumindest teilweise als schwierig galten. Offenbar kurz zuvor hatte er - noch vor der Berliner Erstaufführung - das op. 132 kennen gelernt. Die Anlehnung geschieht nicht als Kopie und ist verknüpft mit viel Eigenem. Dazu gehört etwa das Intermezzo, das weder als Menuett noch als Scherzo daherkommt, sondern liedhaft, allerdings im Trioteil in den typischen „Elfenstil“ umschlagend. Neuartig ist auch, wie Mendelssohn das Einleitungs-Adagio einsetzt: Es greift auf ein Lied „Frage“ („Ist es wahr?“ op. 9/1) desselben Jahres zurück und setzt es mottoartig nicht nur an den Beginn des Werks, sondern auch an dessen Schluss. So erreicht er eine damals höchst moderne zyklische Geschlossenheit.

Der in Warschau geborene und gestorbene Witold Lutos?awski orientierte sich weder an serieller Zwölftönigkeit noch an einer modern verbrämten Romantik. Das Erlebnis John Cage, nur wenige Jahre vor der Komposition des einzigen Streichquartetts, führte ihn zu aleatorischen Techniken und schlägt sich hier als „begrenzte Aleatorik“ im „Ad-libitum-Ensemble-Spiel“ nieder. Das freie Spiel ohne Rücksicht auf Koordination in gewissen Teilen des Stücks verstärkt die Intensität, da die rhythmische Verschiedenheit Gleichzeitigkeit ausschliesst. Der Einführungssatz, der den Hörer auf die neue Klangwelt einstimmen soll, ist in 13 kurze Episoden unterteilt, unterbrochen durch ein Motiv (Zweiunddreissigstel auf „C“), das alle Spieler gemeinsam vortragen. Der in zwei Teile, ein längeres Presto-Furioso und eine kürzere Funebre-Passage, gegliederte Hauptsatz besteht aus strengen Formteilen, in denen variable Felder von Tönen und Akkorden, die aber vom Komponisten genau vorgeschrieben sind, möglich bleiben. Die Uraufführung am 12. März 1965 in Stockholm spielte das LaSalle Quartet.

Am 9. November 1822 richtete Fürst Nikolaus Galitzin an Beethoven die Bitte, für ihn "un, deux ou trois nouveaux Quatuors" zu schreiben. Die Anfrage kam Beethoven nicht ungelegen. Bereits am 5. Juni 1822 hatte er nämlich dem Verlag Peters ein Quartett in Aussicht gestellt; es war das spätere op. 127. Doch widerrief er das Angebot, da mir etwas anderes dazwischen gekommen: die Missa solemnis und die 9. Sinfonie. Im Februar 1824 nahm er die Arbeit am Quartett wieder auf und schloss es im Februar 1825 ab. Der erste Satz beginnt nach sechs Maestoso-Takten teneramente mit einem lang ausgesponnenen, klar gegliederten Thema in Form einer lyrischen Melodie; es beruht auf einem einzigen schlichten, sequenzartig wiederholten Motiv. Trotz dem g-moll des Seitensatzes und der Wiederaufnahme des Maestoso-Teils wirkt der Satz wie eine Idylle. An zweiter Stelle steht eine Variationenreihe über ein weitgespanntes, rhythmisch einheitliches, kanonartig einsetzendes Thema. Der Charakter wechselt zwischen Unruhe, Munterkeit und Ekstase. Das Scherzo ist geprägt von nervöser Unrast; kontrapunktische Arbeit in geflüstertem Piano hat gespenstische Züge; das Trio wird - fern jeder Behaglichkeit - von fahrigen Violinpassagen und stampfenden Tänzen bestimmt. Es könnte als weitere Variationenfolge zum 2. Satz gehören. Das Finale greift auf die Idylle des Kopfsatzes zurück, wirkt volkstümlich, manchmal fast derb, bevor die Coda in lyrischer Expressivität schliesst.

rs