Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

774

18.1.2005, 20.15 Uhr (Zyklus A 79. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Amar Quartett (Zürich)
Ariane Haering, Klavier

Brunner, Anna E., Violine 1
Scheitzbach, Michael, Violine 2
Bärtschi, Hannes, Viola
Weber, Maja, Violoncello

Haering, Ariane, Klavier

Licco Amar hiess der Primgeiger jenes berühmten, 1921–1929 tätigen Quartetts, in dem Paul Hindemith die Bratsche spielte. Aus Anlass des 100. Geburtstages Hindemiths nahm das neue Amar-Quartett diesen Namen an, denn es möchte dem heute zu sehr vernachlässigten Oeuvre Hindemiths besondere Beachtung schenken. Neben Hindemith sucht das Amar Quartett eine gute Mischung zwischen dem traditionellen Repertoire und neuen Werken. Es vergibt dazu Kompositionsaufträge, speziell an Schweizer Kulturschaffende. Als innovatives Streichquartett will das Ensemble auch weitere Zuhörerkreise erschliessen und sucht dazu die Zusammenarbeit mit multimedialem Theater, dem Ballett und mit Jazzmusikern. Das Quartett wurde von den beiden Schwestern Anna Brunner und Maja Weber gegründet und besteht aus vier zwischen 1972 und 1977 geborenen Schweizer Musikern. 1998 erhielt es in Cremona und in Bubenreuth Preise in Streich-quartettwettbewerben, zudem gewann es 1999 den Kammermusik-Wettbewerb des Migros Kulturprozents. Für seine Konzerttätigkeit wurden ihm 1999 vier Stradivari-Instrumente der Stiftung Habisreutinger anvertraut. Von Juni 1998 bis Mai 2001 studierte das Quartett beim Alban Berg Quartett in Köln. Das Amar-Quartett war bisher dreimal bei uns zu Gast (Saisons 1999/2000 zusammen mit Ariane Haerings Gatten Dimitri Ashkenazy, 2001/02 und letzte Saison). Daneben trat es im vergangenen Jahr mehrfach in Basel auf, so bei einer Ballettproduktion im Theater Basel (u.a. mit einem Auftragswerk von Bettina Skrzypzcak).

Die in Le Locle geborene Pianistin Ariane Haering erhielt ihre Ausbildung bei Cécile Pantillon und am Konservatorium La Chaux-de-Fonds bei Catherine Courvoisier. Später führte sie ihr Studium in den USA und bei Brigitte Meyer in Lausanne weiter (Premier Prix de Virtuosité avec les Félicitations du Jury 1996). Schon früh hatte Ariane Haering Auszeichnungen bei Jugendmusikwettbewerben erhalten; es folgten viele andere Preise (Siegerin am «Concerto Competition» an der University of North Carolina (USA), 1993 / Prix Miéville 1993 / «Jeune Soliste de la CRPLF» (Communauté des Radios Publiques de Langue Française) 1993 / Prix L’Express 1994 / Vertreterin der Schweiz am Eurovisionswettbewerb 1992 in Brüssel). Sie konzertiert mit namhaften Orchestern und in Solorezitals in der Schweiz und in aller Welt. Grosse Bedeutung misst sie der Kammermusik bei, die sie unter anderem mit ihrem Gatten, dem Klarinettisten Dimitri Ashkenazy, pflegt.

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Klavierquintett, g-moll, op. 57 (1941)

Preludio e Fuga
Scherzo
Intermezzo e finale

Anton Webern
1883-1945

Rondo für Streichquartett, M 115 (1906)

Bewegt

Antonín Dvorák
1841-1904

Klavierquintett Nr. 2, A-dur, op. 81, B 155 (1887)

Allegro ma non troppo
Dumka: Andante con moto – Vivace
Scherzo (Furiant): Molto vivace – Poco tranquillo
Finale: Allegro

Schostakowitsch schrieb das Quintett in den schwierigen Monaten, bevor Hitler den Pakt mit Stalin brach und in Russland einfiel. Er reagierte stets auf seine Umgebung und die Ereignisse der Zeit. Ein Jahr später wird er angesichts der Bedrohung Leningrads die 7. Sinfonie («Leningrader») schreiben. Ohne dass man von Vorahnung reden sollte, fällt doch auf, dass das Gewicht auf den langsamen Sätzen liegt. Das Ernsthaft-Meditative überwiegt. Im Eingangs-Lento entsteht eine bach-nahe Feierlichkeit. In sieben Takten stellt zu Beginn das Klavier das ganze thematische Material vor. Die folgende, raffiniert gearbeitete Fuge, ausgehend vom Duo der beiden Geigen, lässt sich fast nicht als solche erkennen. Das Scherzo bricht mit simplen, scheinbar volksmusiknahen Themen den Ernst der vorangehenden Sätze. Doch sollte man bei Schostakowitsch nie zu sehr auf die Vordergründigkeit hören. Zu viel ist in diesem Stück ge-, ja zerbrochen. Ein weiteres Lento, optimistisch als Intermezzo bezeichnet, nimmt leitmotivisch Elemente des ersten Satzes auf und betont die meditative Stimmung. Es leitet ins Finale über, das mit mahlerscher Scheinheiterkeit beginnt. Aber immer wieder kommt auch dieser Satz ins Grübeln (Bassfiguren); ein rhythmisch prägnantes Thema wird rasch zurückgenommen. Mit fast tänzerischem Charme, der aber jeglichen Übermuts entbehrt, klingt das Werk aus. Das Quintett entsprang dem Wunsch des Beethoven Quartetts, das mit Schostakowitsch zusammen musizieren wollte (Uraufführung mit riesigem Erfolg am 23. November 1940 im Moskauer Konservatorium).

Webern hat das d-moll-Rondo, eines von mehreren Kammermusikwerken der Jahre 1905/ 06, nicht unter die offiziellen Werke aufgenommen. Es wurde erst 1968 uraufgeführt und 1970 publiziert. Es handelt sich um ein raffiniertes und in sich geschlossenes Werk (sorgfältiger Formaufbau, wie ihn Webern in Schönbergs Unterricht eingeimpft erhalten hat: ABC – AC’ – A’B – A’’C’’) mit weiten Bögen und grossen Intervallsprüngen. Es ist aber wohl mehr typisch für die Stilepoche, das wienerische Fin des siècle, als ein von persönlichem Stil geprägtes Stück.

Dvoráks Quintett entstammt einer glücklichen und erfolgreichen Schaffensphase. Mit der 7. Sinfonie, der zweiten Reihe der Slawischen Tänze, dem Oratorium Die heilige Ludmilla und der D-dur-Messe war er weltweit berühmt geworden. In dieser Zeit wollte er das frühe Klavierquintett op. 5 (B 28, 1872) bearbeiten. doch erfolglos. So entstand ein neues Werk in A-dur, das wohl als Pendant des Sextetts in A-dur op. 48 (1878) gedacht war. So entstand eines der schönsten Kammermusikwerke des Böhmen, perfekt durchgeformt, heiter ohne Vordergründigkeit, je nachdem tänzerisch und nachdenklich-melancholisch, wie es der Satzcharakter einer Dumka oder eines (walzerhaften) Furiant verlangt. Durch diese stilisierten böhmischen Elemente wurden der langsame Satz und das Scherzo ersetzt. Die ursprünglich ukrainische Dumka verbindet langsam-schwermütige Teile mit raschen, ausgelassenen. Dieser Charakter taucht schon im Kopfsatz auf, dessen 1. Thema von einem eher schmerzlichen Gesangsthema gebildet wird, während das Seitenthema trotz der Tonart cis-moll lebhaft daherkommt, und prägt das ganze Werk. Das Quintett erklang erstmals am 6. Januar 1888 mit grösstem Erfolg im Prager Rudolfinum.

rs