Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

776

1.2.2005, 20.15 Uhr (Zyklus A 79. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Hagen Quartett (Salzburg)

Hagen, Lukas, Violine 1
Schmidt, Rainer, Violine 2
Hagen, Veronika, Viola
Hagen, Clemens, Violoncello

Das berühmteste und bedeutendste unter den heute wirkenden Familienquartetten hat seine Ausbildung am Salzburger Mozarteum, später in Basel, Hannover und Philadelphia erhalten. Lehrer und Mentoren waren Hatto Beyerle, Heinrich Schiff und Walter Levin. Die Begegnungen mit Nikolaus Harnoncourt und Gidon Kremer, der das Quartett schon früh nach Lockenhaus eingeladen und immer wieder in seine kammermusikalischen Projekte einbezogen hat, haben den musikalischen Blickwinkel des Ensembles ungemein erweitert. 1981 waren dem Quartett in Lockenhaus der Preis der Künstlerjury und der Publikumspreis zuerkannt worden, 1982 folgte der erste Preis in Portsmouth, 1983 die Auszeichnungen in Evian, Bordeaux und Banff. Seither zählt das Hagen Quartett zu den weltweit etablierten und anerkannten Meisterquartetten. Seine Platteneinspielungen sind nicht allzu zahlreich, dafür besonders sorgfältig ausgewählt und ausgearbeitet. Sie belegen wie die Konzertprogramme das Selbstbewusstsein und Wandlungsvermögen in den unterschiedlichsten Stilen von Bach bis Ligeti und Lutoslawski. Das Hagen Quartett ist bei uns zum sechsten Mal zu Gast; in der letzten Saison spielte es ein Programm mit Beethoven, Kurtág, Isaac und nochmals Beethoven.

György Kurtág
1926-

Officium breve in memoriam Andreae Szervánszky, op. 28, für Streichquartett (1988/89)

Largo (Violoncello)
Più andante
Sostenuto, quasi giusto (Viola und Violoncello)
Grave, molto sostenuto
Fantasie über die Harmonien des Webern-Kanons: Presto
Canon a 4: Molto agitato
Canon à 2, frei nach op. 31/6 von Webern: Sehr fliessend
Lento
Largo
Webern, Konon op. 31/6: Sehr fliessend
Sostenuto
Sostenuto, quasi giusto
Sostenuto, con slancio
Disperato, vivo
Arioso interrotto, di Endre Szervánsky: Larghetto

Josquin Desprez
-1521

In principio erat verbum (In festo nativitatis Christi), vierstimmige Motette, GA 56 (Arrangement des Hagen Quartetts)

Pars I - Pars II - Pars III

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 3, Sz 85 (1927)

Prima parte: Moderato –
Seconda parte: Allegro –
Recapitulazione della 1a parte: Moderato
Coda: Allegro molto

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 8, e-moll, op. 59, Nr. 2 «2. Rasumovsky-Quartett» (1806)

Allegro
Molto adagio
Allegretto - Maggiore (Thème russe)
Finale: Presto

Kurtág, neben dem drei Jahre älteren György Ligeti sicher der derzeit namhafteste Komponist Ungarns und in gewissem Sinne Nachfolger Bartóks, ist wie dieser im heutigen Rumänien geboren. Kurtág sieht seine Vorbilder denn auch in Bartók und Webern, jener im periodischen Denken («Es geschieht etwas - und es wird geantwortet»), dieser in der ans Verstummen grenzenden Verknappung der Form. Das Officium breve zeigt beides. Der Bezug zu Webern ist im op. 28 (übrigens auch die Opuszahl von Weberns Streichquartett, das in unserem letzten Konzert erklungen ist) noch konkreter als die Aphorismenhaftigkeit der Sätze: Kurtág zitiert Weberns Kanon aus op. 31. Weitere Zitate gelten dem Komponistenfreund Endre Szervánsky (1911-1977), dessen er in diesem Werk gedenkt. Als eine Art Reliquie erklingen nach vorangehenden Anklängen zwölf Takte aus dessen Streicherserenade im Schlusssatz des Officium. Die fünfzehn Sätzchen dauern keine zwölf Minuten: Wesentliches lässt sich bei dieser Konzentriertheit der Aussage auch in wenigen Augenblicken sagen.

Kein Musikfreund wird Josquin Desprez (des Prés, Dezprez, «von der Heide» oder «van der Weyden» - latinisiert Jodocus Pratensis) mit Streichquartett in Verbindung bringen, doch lässt eine Umsetzung der Vokalkomposition aus der Frührenaissance auf Streichinstrumente durchaus eine Facette dieses grossen nordfranzösischen Komponisten hervortreten, den klaren musikalischen Satz. Desprez ging früh nach Italien und war zunächst in Mailand am Sforzahof, nachher an der päpstlichen Kapelle in Rom aktiv. Später wurde der Hof in Ferrara sein Tätigkeitsfeld. Von hier reiste er öfters nach Frankreich, wo er auch seinen Lebensabend verbrachte. Seine Bedeutung für die Musik seiner Zeit und für das 16. Jahrhundert war immens. Luther hielt seine Musik für vom heiligen Geist inspiriert. Josquins Werkkatalog umfasst Messen, Motetten und andere geistliche Gesänge sowie weltliche Lieder, bei denen oft nicht gesichert ist, ob sie rein vokal oder mit Instrumentalbegleitung gedacht sind.

Bartóks knappstes, konzentriertestes Quartett war damals das kühnste seiner Werke und durfte als repräsentativ für moderne Musik gelten, selbst im Vergleich mit den Werken des Schönberg-Kreises. Adorno hielt es damals für «fraglos die beste von des Ungarn bisherigen Arbeiten» und bewunderte die «Formkraft des Stückes, die stählerne Konzentration, die ganz originale, aufs genaueste Bartóks aktueller Lage angemessene Tektonik». Die Recapitulazione bildet die Reprise des 1. Satzes, die Coda nimmt, ebenfalls reprisenhaft, Material der Seconda parte wieder auf. Dies ergibt eine grosse Geschlossenheit. Dazu kommt, dass die Motive auf zwei oder drei beschränkt sind; aus ihnen wird das gesamte Material des ganzen Werkes abgeleitet. Neu sind vor allem die Lösung von romantischen und vordergründig folkloristischen Anklängen und besonders die in ihren harmonischen Schärfen und in der kontrapunktischen Kompromisslosigkeit noch nie gehörten, dem Streicherklang bisher fremden Farben.

Beethovens op. 59 ist offensichtlich als Zyklus konzipiert. Zu dessen für das damalige Publikum schwierigen Zügen hat sicher der sinfonische Tonfall beigetragen, zu dem, angeregt durch die Qualitäten des Schuppanzigh-Quartetts, weitere Elemente wie spieltechnische Ansprüche, die Harmonik und die Rhythmik hinzutreten. Im Gegensatz zum F-dur-Quartett (Nr. 1) bleibt das zweite der Rasumowsky-Quartette stärker der Tradition verpflichtet. Es wirkt wie die Antithese zum kühnen ersten - das dritte in C-dur würde dann die Synthese bilden. Auf den düsteren Kopfsatz, einen Vorgriff auf op. 95 in f-moll, folgt ein zunächst scheinbar lichter Adagio-Choral - Czerny berichtet, er sei Beethoven beim Anblick des Sternenhimmels eingefallen. Durch Beifügen von Gegenstimmen und rhythmischen Kontrapunkten löst sich der Choral-Charakter immer mehr auf. Im fünfteiligen rhythmisch pointierten Scherzo fällt im Trio das u.a. aus Mussorgskys Boris Godunow bekannte Thème russe ins Ohr. Beethoven fand es in einer Sammlung russischer Volkslieder, die erstmals 1790 in St. Petersburg erschienen war. Das Finale weist, nicht nur mit dem Beginn in C-dur, auf das dritte Quartett, die Synthese des Opus, voraus.

rs