Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

780

1.11.2005, 20.15 Uhr (Zyklus B 80. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Vermeer Quartet (Chicago)

Ashkenasi, Shmuel, Violine 1
Tacke, Mathias, Violine 2
Young, Richard, Viola
Johnson, Marc, Violoncello

Ziemlich genau sechs Jahre nach seinem letzten Auftritt gastiert das Vermeer Quartet heute wieder einmal bei uns - zum zwölften Mal. Seit seiner Gründung im Jahre 1969 im Rahmen des Marlboro Festival und nach seiner ersten Euro-patournee von 1972/73 ist das Vermeer Quartet zu einer der bedeutendsten Quartettformationen geworden. Seit 1975 ist es regelmässig Gast in unseren Konzerten. Von der Besetzung, die 1975, also vor genau dreissig Jahren, erstmals bei uns auftrat, sind heute noch der Primgeiger und der Cellist mit dabei. Das Repertoire umfasst seit jeher neben den Standardwerken - es sind über 200 - der Klassik, Romantik und der klassischen Moderne, wie sie auch heute zum Zuge kommen, auch weniger Bekanntes, nicht zuletzt Zeitgenössisches und Amerikanisches (z.B. Elliott Carter). Der Name nach dem grossen Maler des Lichts war damals sehr wohl Programm. Auch heute liest man immer wieder in Kritiken von der Leuchtkraft und der Farbbrillanz im Spiel des Vermeer String Quartet.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 20, D-dur, KV 499 «Hoffmeister-Quartett» (1786)

Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Adagio
Molto allegro

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 10, As-dur, op. 118 (1964)

Andante –
Allegretto furioso –
Adagio –
Allegretto

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 14, As-dur, op. 105, B 193 (1895)

Adagio ma non troppo – Allegro appassionato
Molto vivace
Lento e molto cantabile
Allegro non tanto

Mozarts siebtes der zehn „grossen“ Quartette entstand ein Jahr nach Beginn der Komposition des Figaro und erschien im Figaro-Jahr 1786 im Verlag des Gönners und Freundes Franz Anton Hoffmeister. Nach ihm trägt es seinen Beinamen. Mit dem Figaro hat es die Haupttonart D-dur gemein, dazu jene Mischung aus Melancholie und Buffonerie, heiterem Charme und leidvollem Ernst, welche die Oper so unvergleichlich macht. Auf das tänzerische Moment des Kopfsatzes und Ländlerhafte des Menuetts (mit d-moll-Trio) folgt kontrastreich ein Adagio, von dem Alfred Einstein gesagt hat, es spreche „in noch niemals gehörter Tiefe von gewesenem Leid“. Auch das Finale zeigt, trotz den raschen Triolen des Hauptthemas, diese seltsame Mischung von Heiterkeit und Melancholie, welche diesen merkwürdigen Einzelgänger unter den grossen Quartetten mit der zeitgleichen Oper verbindet.

Nur gerade elf Tage brauchte Schostakowitsch im Juli 1964, um das 10. Quartett niederzuschreiben. Er widmete es einem jüngeren Freund, Moissej Wainberg, Komponist und Pianist, dessen neun Quartette er mit diesem zehnten zumindest an Zahl überboten hatte. Im Gegensatz zum 9. Quartett mit seinen fünf attacca ineinander übergehenden Sätzen, das kurz zuvor entstanden war und mit dem es am 20. November vom Beethoven-Quartett uraufgeführt wurde, weist das 10. Quartett einzig zwischen dem 3. und 4. Satz die Bezeichnung attacca auf. Die Satzfolge ist Langsam - Schnell - Langsam - Schnell. Auf eine leichte, zurückhaltende Sonatine folgt ein wildes Scherzo, das in seiner harten Motorik an das Stalin-Porträt in der 10. Sinfonie erinnert. Nach diesem kurzen aggressiven Zwischenspiel beruhigt eine langsame Passacaglia (mit einem neun- statt achttaktigen Thema) die Gemüter wieder. Das Finale nimmt am meisten Raum ein und weist einen ebenfalls bei Schostakowitsch typischen Charakter auf: Ein nicht allzu schnelles ostinatohaftes Thema im Staccato wird, von wenigen Unterbrüchen abgesehen, ständig wiederholt, bis es nach dem Zitat des Hauptthemas aus dem 1. Satz zum Schluss beruhigt pianissimo ausläuft.

Dvorák hatte den ersten Satz des As-dur-Quartetts im März 1895 in New York begonnen (bis zum Ende der Exposition). Nach seiner Rückkehr nach Böhmen hatte der sonst so rastlos Tätige keine Lust aufs Komponieren („Die heilige Wahrheit, ich bin ein Faulpelz und rühre die Feder nicht an.“), und als er damit wieder anfing, schrieb er im Spätherbst zuerst ein neues Quartett in G-dur op. 106, welches deshalb auch die niedrigere Nummer 13 trägt. Erst dann verspürte er Lust, auch das angefangene Werk zu vollenden. Vielleicht lässt sich der Grund für die neue Schaffensfreude aus folgender Äusserung erschliessen: „Wir sind gottlob alle gesund und freuen uns, dass es uns nach drei Jahren wieder vergönnt ist, liebe und frohe Weihnachtsfeiertage in Böhmen zu geniessen. Deshalb fühlen wir uns alle so unaussprechlich glücklich.“ Jetzt heisst es plötzlich: „Ich bin jetzt sehr fleissig. Ich arbeite so leicht und es gelingt mir so wohl, dass ich es mir gar nicht besser wünschen kann.“ Am 30. Dezember war das Werk vollendet. Unter diesen Umständen verwundert nicht, dass die beiden letzten Quartette den Höhepunkt in Dvoráks Quartettschaffen bilden; sie sind anspruchsvoller als das berühmtere „Amerikanische Quartett“ von 1893. Über diesem letzten Kammermusikwerk liegt die richtige Mischung zwischen freundlicher Leichtigkeit und formaler Sicherheit, so dass der Wiener Kritiker Eduard Hanslick von „reiner Meisterschaft“ sprach.

rs