Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

783

15.11.2005, 20.15 Uhr (Zyklus A 80. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Takács-Quartett (Boulder, Colorado)

Dusinberre, Edward, Violine 1
Schranz, Károly, Violine 2
Walther, Geraldine, Viola
Fejér, András, Violoncello

Das Takács Quartett, das bereits 1984 und 1987 bei uns gespielt hat und damals noch in Budapest beheimatet war, hat seither zwei Positionen (1. Geige und gleich zweimal die Bratsche, zuletzt in diesem Jahr) umbesetzt und ist inzwischen zu einem amerikanischen Quartett geworden: Es war aber bereits 1983 zum Quartet in residence nach Boulder berufen worden war. Das Quartett formierte sich 1975 an Musikakademie Liszt Ferenc in Budapest und war 1977 1. Preisträger in Evian; später kamen Preise in Porthsmouth, Bordeaux, Budapest und Bratislava hinzu. Zusätzlich zu seiner Aufgabe an der University of Colorado nimmt es besondere Aufgaben in Aspen, Santa Barbara und London (Guildhall School) wahr. Es zählt heute zu den namhaftesten Quartetten und konzertiert weltweit an den renommiertesten Konzertstätten mit einem klassischen Repertoire, zu dem aber auch neue und neueste Musik hinzukommt. Natürlich sind die Bartók-Quartette noch immer ein Hauptpunkt seiner Interpretationen. Für deren Einspielung erhielt das Quartett 1998 den Gramophone Award und wurde für den Grammy nominiert. Beide Preise erhielt es 2002 für seine Beethoven-Einspielungen (op. 59 und 74). Die Fortsetzung dieser Gesamteinspielung wurde 2004 und 2005 mit weiteren Preisen (2005 mit dem 3. Gramophone Award für die späten Beethoven-Quartette) gewürdigt. Seit der Saison 2005/06 ist das Ensemble, dessen Mitglieder vom Ungarischen Staat für ihre Verdienste ausgezeichnet wurden, Quartet in Association am South Bank Centre in London.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 77, C-dur, op. 76, Nr. 3, Hob. III:77 «Kaiserquartett» (1797)

Allegro
Poco adagio, cantabile
Menuetto: Allegro
Finale: Presto

Alexander Borodin
1833-1887

Streichquartett Nr. 2, D-dur (1880/81)

Allegro moderato
Scherzo: Allegro
Notturno: Andante
Finale: Andante – Vivace

Claude Debussy
1862-1918

Streichquartett g-moll, op. 10 (1893)

Animé et très décidé
Assez vif et bien rythmé
Andantino, doucement expressif
Très modéré – Très mouvementé et avec passion – Tempo rubato

Haydns «Kaiserquartett» trägt zwar seinen Beinamen wegen des Variationenthemas (darauf soll für einmal nicht eingegangen werden), darf aber auch in den übrigen Teilen als kaiserlich gelten. Ähnlich wie Beethovens 5. Klavierkonzert («L’Empereur») strahlt es generell Glanz und Monumentalität aus und ist das sinfonischste der sechs Quartette op. 76. Die Themen der drei übrigen Sätze weisen zudem eine gewisse Verwandtschaft mit der Kaiserhymne auf. Der Kopfsatz bereitet so den Variationensatz vor, das robust-simple Menuett ist ein kräftiger Tanz und das Finale führt von unruhigem c-moll über verschiedene Zwischenstationen (u.a. G-dur) «ad astra», d.h. zum kaiserlichen C-dur.

Über Borodin hört man manchmal die Frage, ob er ein komponierender Wissenschaftler oder ein wissenschaftlicher Komponist gewesen sei. Zweifellos war er eine grosse Doppelbegabung. Hauptamtlich war er (innovativer) Wissenschaftler, Mediziner, dann Chemieprofessor in Petersburg. Komponieren konnte er nur nebenher. Bei seiner Weiterausbildung nach der Promotion in Medizin lernte er in Heidelberg seine Frau kennen (und daneben in Mannheim die Musik Wagners). Sie war eine grosse Musikliebhaberin; ihr hat er das 2. Streichquartett gewidmet – und das hört man dem Werk an. War im 1. Quartett der Ausgangspunkt Beethoven gewesen (mit einem Zitat aus op. 130), so ist im 2. Quartett russische Melodik bestimmend. Dazu trägt das Cello bei, das Borodin selbst ausgezeichnet spielte. So wurde nicht zufällig das ausdrucksstarke Notturno zum beliebtesten Satz des Werkes. Elegant-lyrisch gibt sich der Kopfsatz, das originelle Scherzo in freier Form, das sein gesamtes Material aus den ersten Tönen bezieht, lässt im Trio einen Walzer anklingen. Am ehesten erinnert das Finale an Beethoven. Das einleitende Andante stellt das Material vor (Unisono-Passagen) und unterbricht später den locker dahin fliessenden Ablauf des Hauptteils.

In den 1880er Jahren war Debussy begeistert von Wagners Musik und besuchte Bayreuth. Beeindruckt hat ihn lange der Parsifal, was sich auch in Pelléas et Mélisande niederschlägt. 1889, anlässlich der Pariser Weltausstellung, kam als weiteres Element die Musik des Fernen Ostens hinzu, die erstmals in Europa erklang. Wagners Klangwelt verband er mit exotischen Einfärbungen der Gamelan-Musik und mit ungewohnten Ganztonleitern – und schuf gleichwohl gerade im Streichquartett eine vollkommen französische Musik. Es ist im gleichen Jahr entstanden wie die ersten Skizzen zu Pelléas et Mélisande. Die vier Sätze sind alle aus dem Hauptthema des Kopfsatzes entwickelt, das mit den drei Tönen g–f–d beginnt. Dies geschieht aber nicht in Form der klassischen Durchführungstechnik, sondern indem derselbe Gedanke immer wieder mit exotischen Klängen und mit gleitenden Instrumentalfarben umspielt wird. Dazu kommt eine ungewohnte Rhythmik, die das Publikum der ersten Aufführung ebenso irritierte wie die neue Klanglichkeit. Besser erkannte der Komponistenkollege und Freund Paul Dukas die Bedeutung des Werks: «Alles darin ist klar und deutlich gezeichnet, trotz grosser formaler Freiheit. Debussy zeigt eine besondere Vorliebe für Verknüpfungen klangvoller Akkorde und für Dissonanzen, die jedoch nirgends grell, vielmehr in ihren komplexen Verschlingungen fast noch harmonischer als selbst Konsonanzen wirken; die Melodie bewegt sich, als schreite sie über einen luxuriösen, kunstvoll gemusterten Teppich von wundersamer Farbigkeit, aus dem alle schreienden und unstimmigen Töne verbannt sind.   rs