Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

784

22.11.2005, 20:15 Uhr (Zyklus B 80. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Christopher Maltman, Bariton
Julius Drake, Klavier

Maltman, Christopher, Bariton

Drake, Julius, Klavier

Christopher Maltman studierte an der Royal Academy of Music in London. 1997 gewann er den Liederpreis beim Singer of the World-Wettbewerb in Cardiff, 1998 wurde er Ensemblemitglied der English National Opera. Es folgten Auftritte u.a. am Royal Opera House, Covent Garden, in London und den Opernhäusern von Brüssel, Berlin, San Diego, Seattle und beim Glyndebourne-Festival. Zu seinem Repertoire gehören Partien wie Tarquinius (The Rape of Lucretia), Dandini (La Cenerentola), Figaro (Il barbiere di Siviglia), Almaviva (Le nozze di Figaro) und die Titelrolle in Billy Budd. Partien an der Bayerischen Staatsoper waren Valentin (Faust), Tarquinius, Guglielmo (Così fan tutte). Maltman gab und gibt zahlreiche Liederabende unter anderem im Konzerthaus Wien, im Concertgebouw Amsterdam, im Salzburger Mozarteum, in der New Yorker Carnegie Hall und bei den Festivals in Edinburgh und Hohenems. Gerade das heutige Programm hat er vor kurzem auch in Wien und New York dargeboten.

Der Pianist Julius Drake wurde in London geboren. Er arbeitet in Europa und Amerika mit bedeutenden Sängerinnen und Sängern zusammen: Felicity Lott, Yvonne Kenny, Ian Bostridge, Simon Keenlyside, Nathan Berg, Olaf Bär oder Thomas Quasthoff. Französische Lieder hat er mit Hugues Cuénod eingespielt, an dessen Feier zum 101. Geburtstag er 2003 ebenfalls mitgewirkt hat. Mit Christoph Genz hat er Haydn-Canzonetten, mit Katarina Karnéus Sibelius-Lieder, mit der Klarinettistin Emma Johnson Kammermusik für Klarinette aufgenommen. Besonders häufig konzertiert er mit Ian Bostridge, mit dem auch mehrere CDs entstanden sind (Schumann, Schubert, Britten, Henze). Mit diesen Einspielungen hat er mehrere Preise gewonnen. Daneben spielt er gerne Kammermusik, etwa mit dem Belcea oder dem Szymanowski Quartet. Mit Ian Bostridge und mit dem Belcea Quartet war er im letzten Jahr mehrfach Gast der Schubertiade Schwarzenberg. Mit Katarina Karnéus hätte er bereits letzte Saison bei uns auftreten sollen, doch musste das Programm damals wegen Erkrankung der Sängerin kurzfristig ersetzt werden.

Robert Schumann
1810-1856

«Belsazar», op. 57 (Text: Heinrich Heine) (1840)

«Die Löwenbraut», op. 31/1 (Text: Adalbert von Chamisso) (1840)

«Die feindlichen Brüder», op. 49/2 (Text: Heinrich Heine)

«Die beiden Grenadiere», op. 49/1 (Text: Heinrich Heine) (1840)

Gustav Mahler
1860-1911

Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert (1901/02)

Ich atmet’ einen linden Duft!
Liebst du um Schönheit
Blicke mir nicht in die Lieder
Um Mitternacht
Ich bin der Welt abhanden gekommen

Henri Duparc
1848-1933

«La vague et la cloche» (Text: François Coppée) (1871)

«L´invitation au voyage» (Text: Charles Baudelaire) (1870)

«Le manoir de Rosemonde» (Text: Robert de Bonnières) (1879)

«Phidylé» (Text: Charles-Marie-René Leconte de Lisle) (1882)

Reynaldo Hahn
1875-1947

«A Chloris» (Text: Théophile de Viau) (1913)

Emile Paladilhe
1844-1926

«Psyché» (Text: Pierre Corneille) (1887)

Claude Debussy
1862-1918

«Le promenoir des deux amants» (Text: Tristan L’Hermite François) (1904-1910)

Auprès de cette grotte sombre
Crois mon conseil, chère Climène
Je tremble en voyant ton visage

Francis Poulenc
1899-1963

Drei Lieder aus «Chansons gaillardes», FP 42/1, 6, 7 (1926)

La maîtresse volage
L’offrande
La belle jeunesse

Neben den grossen Liederzyklen op. 24 und 48 mit neun bzw. 16 Heine-Vertonungen hat Schumann einige weitere Heine-Gedichte ausgewählt. Drei aus demselben Liederjahr 1840 erklingen heute ; zwei davon gehören zu den berühmtesten, obwohl sie nicht eigentlich dem schumannschen Liedtypus entsprechen. Das sind zunächst Die beiden Grenadiere mit ihrem die gegensätzlichen Charaktere der Grenadiere schildernden Dialog, der sich bis hin zum Marseillaise-Zitat steigert, bevor der Schluss die emphatische Vision zusammenbrechen lässt. Auch die düstere Ballade von Belsazar – so wenig uns heute noch der Sinn nach dieser Literaturgattung steht – mit dem geisterhaft gezeichneten Menetekel gehört zu Schumanns Erfolgsstücken. Er wusste es und veröffentlichte das Stück als Einzelwerk. Die feindlichen Brüder dagegen sind einfacher, volksliedmässiger angelegt. Chamissos Löwenbraut ist zwar auch balladenhaft, doch eher als Lied gestaltet. Ein altertümlich wirkendes Ritornell gliedert den dramatischen Stoff und bildet nach dem dramatischen Schluss eine Art Trauermusik.

Gustav Mahlers Vertonungen von zehn Rückerttexten (Kindertotenlieder und 5 Rückert-Lieder) in den Jahren um 1899 bis 1902 (zeitgleich mit der 5. Sinfonie entstanden) gehören zu den grossartigsten Liedern Mahlers und der Zeitenwende von der Spätromantik zum 20. Jahrhundert überhaupt. Während die tieftraurigen und resignativen Kindertotenlieder einen eigentlichen Zyklus bilden, sind die fünf anderen locker verbunden. So bleibt es dem Interpreten überlassen, welche Reihenfolge er wählen will. Auch hier ist Ernst und teilweise Resignation zu vernehmen, doch längst nicht so wie im andern Zyklus. Drei Lieder wirken freundlicher, heller. Zartheit und Innigkeit, in Blicke mir nicht in die Lieder sogar Heiterkeit herrschen hier vor. Höhepunkte sind Um Mitternacht und Ich bin der Welt abhanden gekommen. Welches soll man an den Schluss setzen? Mag die Steigerung, welche in Um Mitternacht von hoffnungsloser Resignation zum grandios-hymnischen Ende führt, für dieses Lied sprechen, so wirkt sie vielleicht doch etwas zu aufgesetzt. Da darf die tief empfundene, wunderbar reine Ausdruckskraft des pianissimo-Liedes, das den Sänger in absolute Ruhe und Weltentrücktheit führt, für sich den Anspruch erheben, einer der Höhepunkte mahlerschen Komponierens zu sein, vergleichbar vielleicht einzig den langsamen Schlusssätzen der 3. und 9. Sinfonie. So bleibt noch die Frage, ob man diese Lieder in der Klavier- oder Orchesterfassung vorzieht.

Nach der Pause ein Strauss französischer Liedkunst, die es in unseren Landen nicht ganz einfach hat. Sie entführt uns in die feine, oft bukolisch-künstliche und entrückte Welt der (Liebes-) Stimmungen und zum Schluss in witzige Frivolität.

Zuerst vier Lieder aus dem schmalen, doch höchst qualitätsvollen Schaffen von Henri Duparc. Von ihm, dem Schüler César Francks, der bereits 1885 wegen einer Nervenkrankheit das Komponieren aufgab, kennt man fast nur die 14 hochangesehenen Liedkompositionen. „Je veux être ému“ sagte Duparc bei jedem Werk, und was dem nicht entsprach, vernichtete er. Verzicht auf aufgesetzte Effekte, dafür höchst bewusstes Malen von Stimmungen mit unerwarteten Modulationen und eine höchst delikate Klavierbegleitung zeichnen diese Lieder, jedes in seiner Weise, aus.

Zwar in Venezuela als Sohn eines aus Hamburg ausgewanderten Kaufmanns und einer spanisch-venezolanischen Mutter geboren, war Reynaldo Hahn bereits mit drei Jahren nach Paris gelangt. Hier machte er sich einen Ruf als Dirigent und Komponist von Opern und vor allem Operetten – und nicht weniger als Dandy und Geliebter von Marcel Proust. Die zweite wichtige Werkgruppe bilden Lieder, unter denen A Chloris auffällt, das trotz seinem bukolisch-verspielten Charakter als Hommage à Bach gilt.

Noch weniger kennen wir den aus Montpellier stammenden Emile Paladilhe. Er erhielt seine musikalische Ausbildung (er war ein Wunderkind auf dem Klavier) seit dem zehnten Lebensjahr in Paris und war 1860 jüngster Gewinner des Prix de Rome. So sehr er die Musik der Renaissance verehrte und sich der Kirchenmusik widmete, machte auch er sich einen Namen mit Opern, vor allem mit Patrie (1886). Kurz danach entstand Psyché, eines von rund 40 Liedern.

Wenig bekannt ist auch Debussys Zyklus Le promenoir..., in dem er auf 1638 erschienene Gedichte zurückgreift. Wie schon die vorher aufgeführten Lieder handelt es sich um zarte, in galant-bukolischem Rahmen spielende Liebeslieder. Debussy widmet diesen Versen eine „herrlich leise, verliebte Musik (D. Fischer-Dieskau)“, welche den etwas altmodischen Gedichten neue Jugendfrische verleiht.

Der witzige Tonfall und die Sprachspiele der nicht immer jugendfreien Chansons gaillardes (leichtfertig, schlüpfrig) ist genau richtig für Poulencs frühere Schaffensphase. Was bei den anderen aufgeführten Werken, weil nicht angemessen, fehlt, kommt hier zum Zuge: Spielerischer Humor. Und wo das wie in L’Offrande (la plus «gaillarde» de ces Chansons) zunächst nicht der Fall scheint, so gibt der pseudo-ernste Tonfall doch zu erkennen, dass hier eine zweite Ebene mitschwingt, welche spätestens im Schlussseufzer für jedermann erkennbar wird. Auch das ist französisch, wird aber mit Augenzwinkern und avec parodie und gleichwohl mit typischer mélodie française, zu der manchmal auch die dorische Tonart beiträgt, dargeboten.

rs