Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

791

17.10.2006, 20.15 Uhr (Zyklus A 81. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Prazák Quartett (Prag)

Remeš, Václav, Violine 1
Holek, Vlastmil, Violine 2
Kluson, Josef, Viola
Kanka, Michal, Violoncello

1972 von Studenten des Prager Konservatoriums gegründet, spielt das Pražák Quartett seit 1986, dem Jahr des Ausscheidens des namengebenden Cellisten, in der gleichen Besetzung. Schon 1978 hatte es den 1. Preis am Concours international d’Évian gewonnen und damals die französische Kammermusik-Koryphäe Pierre E. Barbier kennen gelernt. Weil es zu Beginn der neunziger Jahre den Schritt vermehrt in den Westen tun wollte, wandte es sich damals an Barbier in Paris und lässt sich seither von ihm beraten. Auf sein Anraten hin beschäftigt es sich seit 1992 intensiv mit dem Wiener Repertoire. Folge davon ist die Auseinandersetzung mit der Zweiten Wiener Schule, aber auch mit Mozart und Beethoven. Wichtige Impulse hatte es bereits 1985 vom LaSalle-Quartett in Cincinnati erhalten – die genaue Beachtung der Spielanweisungen und das Herausarbeiten von Strukturen, wie sie gerade an den Beethoven-Einspielungen zu beobachten sind. Natürlich pflegt das Pražák Quartett weiterhin das böhmisch-mährische Repertoire, bei dessen Einspielungen und Aufführungen vor allem der blühende und innige Ton gerühmt wird. Das Quartett spielt aber auch neue und avantgardistische Werke: Jindrich Feld hat ihm sein 6. Quartett gewidmet, und Pascal Dusapin verdankt ihm die Uraufführung seines 4. Streichquartetts.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 79, D-dur, op. 76, Nr. 5, Hob. III:79 (1797)

Allegretto – Allegro
Largo cantabile e mesto
Menuet: (Allegro) – Trio
Finale: Presto

Jindrich Feld
1925-2007

Streichquartett Nr. 4 (1965)

Adagio
Allegro
Scherzo. Allegro molto
Adagio

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 13, B-dur, op. 130, mit der ursprünglichen Schlussfuge op. 133 anstelle des nachkomponierten Rondos (1825)

Adagio ma non troppo – Allegro
Presto
Andante con moto, ma non troppo
Alla danza tedesca: Allegro assai
Cavatina: Adagio molto espressivo
Overtura: Allegro – Meno mosso e moderato –
Fuga: Allegro – Meno mosso e moderato – Allegro molto e con brio

In Haydns D-dur-Quartett bildet das dreiteilige Largo in Fis-Dur, ein echter Mesto-Satz, den Schwerpunkt. Um dieses ernste, in sorgfältiger melodischer und harmonischer Entwicklung bis hin zum Verlöschen der Melodie gearbeitete Stück legt Haydn leichter gewichtete Sätze. So ist der Kopfsatz kein eigentlicher Sonatensatz (obwohl man ihn auch als solchen mit nur einem Thema zu analysieren versucht hat), sondern ein dreiteiliges 6/8-Allegretto mit einem siciliano-artigen Thema. Der Satz schwankt zwischen D-dur und d-moll und schliesst mit einer Allegro-Stretta. Unbeschwert trotz der dem Largo entsprechenden Dreiklangmotivik kommt das Menuett daher, im d-moll-Trio grundieren Achtelfiguren des Cellos eine Art Perpetuum mobile. Der witzige Schlusssatz ist nun ein Sonatensatz, weist allerdings Besonderheiten auf. Im Charakter greift er auf Haydns überraschungsreichen Finale-Typus der 1780er Jahre zurück.

Jindrich Feld wurde als Sohn eines renommierten Violinprofessors am Prager Konservatorium und einer Geigerin in Prag geboren. Mit seinem Vater studierte er Geige und Bratsche, wandte sich dann aber der Komposition zu, deren Studium er 1952 abschloss. Er unterrichtete 1972 bis 1986 am Prager Konservatorium sowie öfters in Australien und in den USA, später auch in anderen Ländern. Sein umfangreiches, viele Gattungen umfassendes instrumentales und teilweise auch vokales Schaffen (Kammermusik, Solokonzerte, Sinfonien, Kantate «Cosmae Chronica Boemorum» u.a.) kann in mehrere Perioden unterteilt werden: Auf die frühe der fünfziger Jahre folgt die zweite in den Sechzigern, der auch das 4. Streichquartett angehört. Es gilt als eines seiner Hauptwerke und wurde 1968 mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Das Werk ist symmetrisch gebaut: Die beiden Hauptteile, aus je zwei Sätzen bestehend, spiegeln sich quasi an der Mitte. Im ersten Teil stehen sich ein düsteres und dramatisches Adagio, welches das thematische Material einführt, sowie ein rhythmisch impulsives Allegro gegenüber. Im zweiten Teil wird ein virtuoses Scherzo mit dem stimmungsmässigen Rückgriff auf den ersten Satz verbunden. Die einzige melodische und rhythmische Urzelle des Werks ist zwölftönig angelegt.

Beethoven schrieb sein opus 130 (wie 127 und 132) im Auftrag des russischen Fürsten Galitzin, suchte aber im Gegensatz zum op. 59 keinen Bezug mehr zu russischer Musik. In der Satzfolge verdoppelt er in komplementärer Weise den Tanzsatz – scherzohaftes Presto und beschwingt heitere Danza tedesca – sowie den langsamen Satz: leichtes (Spielanweisung poco scherzando!), aber äusserst kunstvolles Andante und tiefsinnig-expressive Cavatina. Der Kopfsatz hingegen entspricht äusserlich der üblichen Satzform. Auch ein Fugenfinale – man denke an Haydns op. 20 – wäre nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht diese «Grosse Fuge». Sie war es, die bei der ersten Aufführung am 21. März 1826 irritierte: «Den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch,» hiess es in der «Allgemeinen Musikalischen Zeitung». Die Sätze 1, 3 und 5 konnte «Ref.» immerhin, mochte er sie auch als «ernst, düster, mystisch, wohl auch mitunter bizarr, schroff und capriciös» bezeichnen, goutieren. Das «Scherzo und der Deutsche» kamen, bezeichnenderweise, gut an, so dass «mit stürmischem Beyfall die Wiederholung verlangt wurde». Beethoven ersetzte auf Wunsch des Verlegers Artaria die Grande Fugue, die er als «tantôt libre, tantôt recherchée» bezeichnet, durch ein konventionelles Allegro und widmete sie gesondert dem Widmungsträger so vieler ungewöhnlicher Werke, Erzherzog Rudolf.

rs