Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

796

5.12.2006, 20.15 Uhr (Zyklus A 81. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Wiener Klaviertrio (Wien)

Redik, Wolfgang, Violine
Gredler, Matthias, Violoncello
Mendl, Stefan, Klavier

Das Wiener Klaviertrio wurde 1988 gegründet. Es betrieb intensive Studien beim Trio di Trieste, beim Beaux Arts-Trio und beim Haydn Trio Wien, bei Isaac Stern und Joseph Kalichstein sowie bei Mitgliedern des LaSalle- und des Guarneri Quartetts. Nach Auftritten in Wien debütierte es 1993/94 in New York und London mit grossem Erfolg. Seither sind das Flandern-Festival, die Schubertiade Feldkirch/Schwarzen-berg, der Carinthische Sommer und weitere hinzugekommen. Es hat die Klaviertrios von Brahms bei Naxos sowie Haydn, Beethoven, Schubert (mit beiden Finale-Versionen in op. 100), Mendelssohn und Dvořák aufgenommen und wurde für einige dieser Aufnahmen mit Schallplattenpreisen ausgezeichnet. Das Wiener Klaviertrio gastierte erstmals am 8. Februar 2000, damals noch mit Marcus Trefny am Cello, in unseren Konzerten, 2002 dann mit Schuberts «Notturno» und op. 99, 2004 u.a. mit seinem Klaviertriosatz («Sonate» D 28), so dass mit dem heutigen Konzert der Schubert-Klaviertrio-Zyklus vervollständigt wird. Anlässlich des letzten Auftritts titelte die Basler Zeitung die Kritik mit «Hohe Schule des Trios» und der Kritiker war des Lobes voll über das Spiel der drei Künstler. Im Anschluss an jenes Konzert entstand auch die Idee, die beiden in unseren Konzerten noch nie aufgeführten Erstfassungen von Brahms’ op. 8 und Schuberts Es-dur-Finale zusammen vorzustellen.

Franz Schubert
1797-1828

Klaviertrio Nr. 2, Es-dur, op. 100, D 929, mit Urfassung des Finale (1827)

Allegro
Andante con moto
Scherzando. Allegro moderato
Finale. Allegro moderato

Johannes Brahms
1833-1897

Klaviertrio Nr. 1, H-dur, op. 8, 1. Fassung (1854)

Allegro con moto
Scherzo. Allegro molto – Trio. Più lento
Adagio non troppo
Finale. Allegro molto agitato

Soll man Erstfassungen überhaupt aufführen? Sind sie nicht durch die spätere Revision verbessert und damit hinfällig geworden? Wenn man die vielfältigen Arten betrachtet, wie Neufassungen zustande gekommen sind, so wird einem klar, dass die Sache so einfach nicht ist. Bruckners spätere Sinfoniefassungen etwa sind nur zum Teil aus eigenem Antrieb entstanden; oft sind es von aussen veranlasste Verfälschungen. Und zeigt nicht der Vergleich zwischen der ersten Fassung der 4. Sinfonie Schumanns (die damals seine 2. war) und der Endfassung, wo der zehn Jahre älter gewordene Komponist Veränderungsbedarf, der tatsächlich auch Verbesserung sein durfte, gesehen hat, wo umgekehrt aber auch die frühere Frische und Spontaneität verloren gegangen sein könnte. Für den Kenner der in der Regel aufgeführten späteren Fassungen ist es darum besonders spannend, seine Werkkenntnis zu überprüfen und die Andersartigkeit der früheren Version zu erkennen und zu beurteilen. Dann ist es auch kein Fehler, einer Spätfassung den Vorzug zu geben, falsch wäre einzig die Bequemlichkeit, sich mit dem Gedanken abzufinden, der Komponist habe es sicher mit seiner Überarbeitung besser gemacht.

Die beiden heutigen Fälle sind in sich grundverschieden. Brahms sah offensichtlich aus verschiedenen Gründen, persönlichen wie kompositorischen, 35 Jahre nach der Entstehung (1854 bzw. 1889) Bedarf, sein erstes Kammermusikwerk zu überarbeiten. Bei Schubert handelt es sich bei der bisher in der Regel aufgeführten Version (wie sie in fast allen Ausgaben inkl. gewissen Urtextausgaben vorliegt) nicht um eine echte Zweitfassung, sondern um Kürzungen im Finale. Man ist aufgrund eines Briefs vom 10. Mai 1828 an den Verleger H.A. Probst in Leipzig bisher davon ausgegangen, diese Kürzungen seien Schuberts letzter Wille. Er schrieb: «Die im letzten Stück angezeigten Abkürzungen sind aufs genaueste zu beobachten.» Nun weiss man allerdings, dass der Verleger Schubert mehrfach in den Ohren lag, das Trio sei zu lang und zu schwer, d.h. schlecht verkäuflich. Schubert mag darauf eingegangen sein – ob mit Überzeugung, ist nicht festzustellen. Die zitierte Briefstelle ist möglicherweise so zu verstehen, dass der Ton nicht so sehr auf der scheinbar definitiven Kürzung als vielmehr auf der genauen Detailausführung liegt. Somit liegt der Fall vielleicht ähnlich wie bei Bruckner, der nicht zuletzt von seinen Freunden und Förderern gedrängt wurde, manche seiner Sinfonien zu kürzen und zu vereinfachen, um Aufführungen überhaupt zu ermöglichen. In der ursprünglichen Fassung, wie sie in einer Reinschrift von Schuberts eigener Hand vorliegt, ist nichts von diesen Kürzungen zu sehen. Es handelt sich konkret um zweimal 50 Takte. Zudem hat wohl Probst, möglicherweise ohne Schuberts Wissen, die Wiederholung der Exposition weggelassen. Die vollständige Version bietet fast sechs Minuten mehr Musik. Lohnt sich die längere Dauer? Alfred Brendel zieht die kürzere Version vor, und auch die Aufführungspraxis verharrt meist bei der bequemeren Version der Erstausgabe. Stefan Mendl (dessen Bemerkungen im Booklet zur Einspielung des Es-dur-Trios mit beiden Finale-Varianten wir in diesen Ausführungen inhaltlich folgen) ist mit seinen Mitspielern «überzeugt, dass nur die vollständige Fassung dieses grandiosen Satzes die »richtigen« Proportionen hat, eine unheimliche Kombination der beiden Seitenthemen bringt, und dass nur durch die Wiederholung die atemberaubend grossangelegte Sonatensatzform wirklich zur Geltung kommt». In der Tat wird so das schwedische Lied «Se solen sjunker – Sieh die Sonne untergehen», das Schubert vom Sänger Isak Albert Berg im November 1827 in Wien gehört und im 2. Satz nicht wörtlich, aber in Anlehnung verwendet hat, im 4. Satz nochmals aufgenommen und in Verbindung mit den anderen Themen eingesetzt und verarbeitet – und zwar vor allem in den später gestrichenen Passagen! Die nach Dur gewendete Wiederaufnahme am Schluss allerdings ist beiden Fassungen gemeinsam.

Die erste Fassung des H-dur Trios stammt nicht von Brahms, sondern – so steht es im Autograph – von «[Johannes] Kreisler jun.». Hiermit wird schon die romantisch-hoffmanneske Emphase dieses Stückes klar. Brahms, bei seinem einmonatigen Besuch im Oktober 1853 gerade zwanzigjährig, war damals von der Begegnung mit den Schumanns stark betroffen. Man darf sagen, dass er von Clara mehr als nur beeindruckt war: Das war Verliebtheit! Wundert es da, dass im Seitenthema des Finales Beethovens «Ferne Geliebte» anklingt (die auch Robert Schumann u.a. in seiner C-dur-Fantasie op.17 ausdrücklich zitiert)? Peter Gülke hat in seinen Studien «Brahms Bruckner» (1989) auf die Bedeutung, aber auch auf Unentschlüsselbarkeit vieler solcher subjektiver Motivationen bei Brahms hingewiesen. Natürlich wollte Brahms in seinem ersten Kammermusikwerk auch zeigen, was er kompositorisch kann. So erklären sich wohl auch die etwas umständlichen «gelehrt sein wollenden» Passagen zumal des Kopfsatzes, speziell das Fugato, wo man nie recht weiss, ob da Bach parodiert wird. Als der bestandene Mann mit gut 55 Jahren auf seine «Jugendsünde» zurückblickte, musste er zwar feststellen, dass manches im op. 8 nicht mehr seinen jetzigen Ansprüchen entsprach. Die Qualitäten aber hatten für ihn weiterhin Bestand. So schrieb er damals an Clara: «Ich habe mein H-dur-Trio noch einmal geschrieben und kann es op. 108 statt op. 8 nennen. So wüst wird es nicht mehr sein wie früher – ob aber besser?» [Die Opuszahl 108 würde tatsächlich genau zur Überarbeitungszeit passen – jetzt trägt sie die d-moll-Violinsonate.] Da spürt man nochmals die innere Beziehung zu diesem Werk des jungen Verliebten. Brahms sprach vom «Kastrieren» der alten Fassung – das wollen wir nicht zu weitgehend psychologisch deuten müssen! Es ist gut, dass man noch heute beide Versionen hören kann: die jugendlich unkontrollierte, weitschweifig-geniale und die abgeklärt-geschlossene. Vieles ist ihnen gemeinsam, der Schwung fehlt auch in der zweiten Fassung nicht. Wo liegen die Unterschiede? Zunächst ist die Zweitfassung beträchtlich kürzer. Im ersten Satz wurde die zweite Durchführung mit dem grossen Fugato gestrichen, das zweite Thema ersetzt. Das Scherzo ist weitgehend gleich geblieben – Scherzi waren schon in Brahms’ Jugend Meisterstücke. Im Adagio mit seinem Anklang an das Heine-Schubert-Lied «Das Meer» (ebenfalls in der 2. Fassung gestrichen) fehlt der Ausbruch in ein erregtes Allegro. Das Finale hat wohl am meisten verloren: die klare ursprüngliche Form genauso wie die sorgfältige thematische Arbeit und natürlich das Beethoven-Zitat. So kann man vielleicht sagen, dass der inzwischen seit Jahren Vollbart tragende Brahms seine Jugendliebe längst überwunden, aber nichtsdestoweniger seine Verehrung für Clara auch in der Überarbeitung bestätigt hat, allerdings nun in einem absolute Musik sein wollenden Kunstwerk.

rs