Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

797

9.1.2007, 20.15 Uhr (Zyklus A 81. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Diana Damrau, Sopran
Helmut Deutsch, Klavier

Damrau, Diana, Sopran
Deutsch, Helmut, Klavier

«Königin seit Kindesbeinen – Die Sopranistin Diana Damrau, ein neuer Star am Opernhimmel». So titelte die Basler Zeitung am 17. August 2006 ihren Bericht über die Auftritte Diana Damraus als Königin der Nacht in Salzburg, zur Zeit ihre Paraderolle. „Die beiden Arien, die ich hier zu singen habe, sind wie zwei Hundertmeterläufe an der Weltmeisterschaft“ meint die Sängerin zu dieser Rolle. Doch sieht sich die in Günzburg an der Donau (Bayern) geborene Sängerin nicht auf diese eine Rolle eingeengt, ist doch ihr Repertoire, das sie an den grossen Opernhäusern (Wiener Staatsoper, Met, Scala, Teatro Real Madrid usw.) und seit 2000 bei den Salzburger Festspielen singt, vielfältig: Europa in Salieris L’Europa riconosciuta zur Scala-Eröffnung 2004, Pamina, Gilda in Rigoletto und der Page Oscar bei Verdi, Leila in Les pêcheurs de perles, Sophie im Rosenkavalier, Zdenka in Arabella, Zerbinetta in Ariadne, und natürlich neben Blonde auch Konstanze; daneben steht auch Neues: Cerha (Die kleine Frau in Der Riese vom Steinfeld), Pintscher, Maazel; geplant sind Aithra (Ägyptische Helena), Susanna (Nozze di Figaro), Ophélie (Ambroise Thomas, Hamlet) oder Donizettis Marie in La fille du régiment. Aber immer wieder steht das Lied im Zentrum, und sie tritt auch in dieser „Rolle“ an renommierten Festivals auf, z.B. als regelmässiger Gast an der Schubertiade Schwarzenberg. Mit dem argentinischen Bariton Iván Paley pflegt sie die Lied-Duo-Literatur (u.a. Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“ und Wolfs „Italienisches Liederbuch“) und stellte solche Programme mit grossem Erfolg mehrfach in Europa und Amerika vor.

Helmut Deutsch, 1945 in Wien geboren, studierte dort Klavier, Komposition und Musikwissenschaft. 1967 erhielt er den Kompositionspreis seiner Heimatstadt. Als Partner vieler berühmter Instrumentalisten hat er sich als Kammermusiker in aller Welt betätigt. Berühmt geworden ist er aber vor allem als Liedbegleiter der bedeutendsten Sängerinnen (angefangen hat er mit Irmgard Seefried) und Sänger. Zudem sind unzählige Einspielungen entstanden. Helmut Deutsch ist Professor für Liedgestaltung an der Hochschule von München und gibt Interpretationskurse in Europa und Japan. Im Rahmen unserer Konzerte begleitete er am 20. März 2004 Juliane Banse.

Clara Schumann-Wieck
1819-1896

«Das ist ein Tag» (Text: H. Rollett), op. 23 Nr. 5 (1853)

«Was weinst du, Blümlein» (Text: H. Rollett), op. 23 Nr. 1 (1853)

«Ihr Bildnis (Ich stand in dunkeln Träumen)» (Text: H. Heine), op. 13 Nr. 1 (1841)

«Die stille Lotusblume» (Text: E. Geibel), op. 13 Nr. 6 (1841)

«Loreley» (Text: H. Heine), W.o.O. (1843)

Robert Schumann
1810-1856

Lieder aus «Myrten», op. 25 (1840)

Lied der Suleika (Text: Marianne von Willemer/Goethe)
Jemand (Text: R. Burns)
Der Nussbaum (Text: J. Mosen)
Lied der Braut I (Text: F. Rückert)
Lied der Braut I (Text: F. Rückert)
Die Lotusblume (Text: H. Heine)
Widmung (Text: F. Rückert)

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

«Neue Liebe» (Text: H. Heine), op. 19 Nr. 4 (1830)

«Der Blumenstrauss» (Text: K. Klingemann), op. 47 Nr. 5 (1840)

«Der Mond» (Text: E. Geibel), op. 86 Nr. 5 (1847)

«And´res Maienlied (Hexenlied)» (Text: Ch. H. Hölty), op. 8 Nr. 8 (1828)

Frédéric Chopin
1810-1849

«Mein Geliebter» (Text: B. Zaleski), op. 74 Nr. 8, B 136 (1841)

«Litauisches Lied» (Text: L. Osinski), op. 74 Nr. 16, B 144 (1831)

«Mein Geliebter» (Text: B. Zaleski), op. 74 Nr. 8, B 136 (1841)

Franz Liszt
1811-1886

Drei Lieder nach Texten von Victor Hugo (1844, rev. 1859)

S’il est un charmant gazon, S 284
Enfant, si j’étais roi, S 283
Oh, quand je dors, S 282

Johannes Brahms
1833-1897

«Ständchen» (Text: F. Th. Kugler), op. 106/1 (1886)

«Wie Melodien» (Text: K. Groth), op. 105/1 (1886)

«Da unten im Tale» (Schwäbisch), WoO 33/6 (publ. 1894)

«Wie komm ich denn zur Tür herein» (Kölnisch), WoO 33/34 (publ. 1894)

«Vergebliches Ständchen» (Volkslied/Anton W. F. v. Zuccalmaglio), op. 84/4

Fanny Hensel-Mendelssohn
1805-1847

«Bergeslust» (Text: J. v. Eichendorff), op. 10/5 (1847)

«Warum sind denn die Rosen so blass» (Text: H. Heine), op. 1/3 (1837)

«Nach Süden» (Textdichter unbekannt), op. 10/1 (1841)

Lieder von Clara und Robert Schumann, Mendelssohn, Chopin, Liszt, Brahms, Hensel

Wenn man an das Lied der Romantik denkt, kommen einem neben Schubert die Namen Schumann und Brahms und als Überwinder Mahler und Wolf in den Sinn. Schon Mendelssohn steht nicht in vorderster Front. Die Aussenseiter vergisst man gerne: Die Klavierkomponisten Chopin und Liszt und natürlich – natürlich? – die Frauen: Fanny (Hensel-)Mendelssohn und Clara (Schumann-)Wieck. Ihre Lieder wurden manchmal zusammen mit denen von Felix bzw. Robert herausgegeben – aber unter deren Namen! Frauen durften im 19. Jahrhundert nur in Ausnahmefällen komponieren und selten publizieren, insbesondere wenn die sie umgebenden Männer selber komponierten. Noch härter erging es später Alma (Mahler-)Schindler: Mahler verbot ihr generell zu komponieren.

1853 las Robert Schumann Jucunde von Hermann Rollet(t) (er meinte, Robert habe die 6 Jucunde-Lieder vertont) und bemerkte, die Verse seien „sehr musikalisch“. Das mag Clara Schumann angeregt haben. Die beiden hier vorgetragenen Lieder geben sich spielerisch und fröhlich – Züge, die bei Clara selten zu finden sind. Die früheren Lieder weisen noch nicht die gleiche Unabhängigkeit von Klavier- und Gesangslinie. Clara schrieb im Anschluss an dieses Werk „Es geht doch nichts über das Selbstproduzieren, und wäre es nur, dass man es täte, um diese Stunden des Selbstvergessens, wo man nur noch in Tönen atmet.“ Im Zusammenhang mit ihrem Klaviertrio vertraute sie ihrem Tagebuch Ähnliches an und setzte dazu: „...aber natürlich bleibt es immer Frauenzimmerarbeit, bei denen es immer an der Kraft und hie und da an der Erfindung fehlt.“ So viel zum Selbstwertgefühl komponierender Frauen.

Robert Schumann hat den lockeren Zyklus von 26 Liedern Myrten auf Gedichte von sieben Dichtern im Prachtseinband Clara zum Hochzeitstag am 12. September 1840 überreicht – Myrten sind ja ein beliebter Brautschmuck. Die heutige Auswahl bezieht diese Situation ein. Einige Stücke gehören zu Schumanns schönsten, so die Nummer 1 mit der innig und lebhaft sich auf- und abschwingenden Melodie. Gleiches Niveau und klangliche Eleganz weisen Mosens Nussbaum mit den sanft rauschenden Klavierarpeggien und Heines langsam, mit vielen Pausen in der Gesangsstimme über Pianoakkorden aufblühende Lotosblume auf. Dazu treten die weniger bekannte Vertonung des schottischen Dichters Robert Burns, der bald innige, bald leidenschaftliche Jemand, und die beiden innig-bangen Lieder der Braut (Rückert) sowie das sehnsuchtsvolle Lied der Suleika. Häufiges Wort, im Liedtext wie als Vortragsbezeichnung, ist „innig“ – bei der Funktion des Zyklus gewiss kein Zufall.

Unter Felix Mendelssohns 79 Sololiedern sind einige bis heute bekannt geblieben (etwa die Heine-Vertonungen Gruss [Leise zieht durch mein Gemüt] und Auf Flügeln des Gesanges); Bedeutung haben sie für die Entwicklung des romantischen Liedes nicht wirklich erreicht. Die Lieder ohne Worte erlangten da einen anderen Stellenwert. Im Gegensatz zu Schumann verlegt Mendelssohn den musikalischen Gedanken nicht ins Klavier. Die Schönheit der Lieder liegt in der oft schlichten Eleganz und Poesie, im Einfangen einer Stimmung. An seinen Verleger schrieb er: „Ich kann mir nur dann Musik denken, wenn ich mir eine Stimmung denken kann, aus der sie hervorgeht.“ Wir erleben dies in der typischen Elfenmusik in Heines Neue Liebe und in der Beruhigung innerer Aufgewühltheit in Geibels Mond. Am meisten überrascht das unheimlich-witzige, mit ungewohnten Klängen – Ähnliches gibt es in gewissen Loewe-Balladen – aufwartende Hexenlied aus dem op. 8 (dessen Nr. 2, 3 und 12, ohne dass ihr Name genannt worden wäre, von Fanny stammen).

Chopins 17 polnische Lieder wurden von seinem Freund Julian Fontana unter der postumen Opuszahl 74 herausgegeben. Sie sind volkstümlich schlicht gehalten, sogar im Klavierpart. Die beiden frühen entstanden zur Zeit des Abschieds von Polen Ende 1830 und der Übersiedlung nach Paris (Ankunft am 11. September 1831.) Im Sommer hatten die Russen die polnische Revolution niedergeschlagen und Warschau erobert. Das spätere Mein Geliebter huldigt als schwungvolle Mazurka einem von Chopins Lieblingsrhythmen.

Dass Liszt über 80, in seiner typischen Schaffensweise oft mehrfach überarbeitete Lieder geschrieben hat, ist kaum geläufig. Sie gehen meist auf deutsche Textdichter zurück; darunter sind einige der berühmtesten deutschen Gedichte, wie Goethes Über allen Gipfeln ist Ruh oder Heines Loreley. Unter dem Eindruck der Italienreise von 1838 entstanden ab 1842 drei Petrarca-Sonette (berühmt die Klavierversion der Années de pèlerinages). Vielleicht hat die Anspielung auf Petrarca in Hugos Gedicht Oh, quand je dors Liszt 1842 zur Vertonung gereizt; dabei gelang ihm ein prächtiges Beispiel musikalischer Entrückung, Steigerung und Rückkehr zu stillem Schluss mit über eine None hin aufsteigender Singstimme.

Mit Brahms gelangen wir wieder in bekanntere Gefilde. Kuglers Ständchen, ein reizvolles Stimmungsbild über Gitarrenklängen, zeigt ihn eher ungewohnt von der leicht ironischen Seite, während bei dem in fast mendelssohneskem Tonfall gehaltenen Wie Melodien zieht es mir eine sentimentale Note durchschlägt. Die Volkslieder zeigen neben der erwarteten Volkstümlichkeit beides verknüpft: Humor und Sentiment. Da unten im Tale hat Brahms mehrfach bearbeitet, auch mit eigener Melodie (op. 97/6, 1885). Die dialogisch gehaltenen Stücke bieten in ihrem wechselweisen Aufeinandereingehen trotz einfachem Strophenbau eine Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, besonders das schnippisch endende Vergebliche Ständchen. Brahms gibt sich in diesen Liedern im Klavier zwar zurückhaltend, sein Tonfall ist aber unverkennbar.

Das Genre, in denen komponierende Frauen sich und auch andere ihnen etwas zutrauten, so scheint es, war das Lied. Das hat auch die so selbständige und hochbegabte – sie galt als die beste Pianistin Berlins, wenn auch nur im eigenen Salon – Fanny Mendelssohn erfahren. Die fünf Jahre ältere Schwester von Felix war lange Jahre dessen musikalische Beraterin („Er hat keinen musikalischen Ratgeber als mich...“). Neben Liedern hat sie andere Gattungen gepflegt (insgesamt rund 400 Werke!), oft zum Unwillen ihres Vaters Abraham und Bruders Felix; veröffentlichen durfte sie davon nichts. Als sie sich gegen den Familien-Clan durchsetzte und 1829 den Maler Wilhelm Hensel heiratete, war sie freier, doch an eine Publikation grösserer Werke dachte sie nie. Immerhin wurde 1837 (nach Abrahams Tod) ein Einzellied veröffentlicht – mit Erfolg: Sogar Felix gratulierte. Erst 1846 erschien, dank Unterstützung Hensels, ein Teil ihrer Lieder und Lieder ohne Worte (wohl eine Erfindung Fannys) bei Bote & Bock als op. 1 und 2, 1847 weitere. Darunter befand sich die Heine-Vertonung Warum sind denn die Rosen so blass. Felix ging die Sache „etwas gegen den Strich“; echte Anerkennung konnte er Fanny nicht zollen. Dass es nicht an der musikalischen Qualität liegen kann, zeigt die Aufnahme von einigen ihrer Lieder in seine Opera 8 und 9. Das Opus 10 liess die Familie (wie das Klaviertrio op. 11) postum bei Breitkopf und Härtel erscheinen.

rs