Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

798

16.1.2007, 20.15 Uhr (Zyklus B 81. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Tecchler Trio (Zürich)

Hoppe, Esther, Violine
Hornung, Maximilian, Violoncello
Engeli, Benjamin, Klavier

Das 2003 gegründete Trio, benannt nach dem Geigenbauer David Tecchler, von dem der Cellist ein Instrument aus dem Jahr 1705 spielt, gewann in dichter Folge mehrere Preise (Deutscher Musikwettbewerb 2004, Prix Credit Suisse Jeunes Solistes, Migros-Kulturprozent u.a.) und erhielt laufend hervorragende Kritiken.

Esther Hoppe studierte in Basel, Philadelphia und London (u.a. bei Thomas Füri, Robert Mann, Ida Kavafian) und gewann 2002 den Internationalen Mozartwettbewerb in Salzburg. Sie konzertierte bei verschiedenen Festivals und tritt häufig mit Orchester, u.a. mit dem Kammerorchester Basel, auf. Maximilian Hornung studierte in Augsburg und an der Musikhochschule Winterthur Zürich bei Thomas Grossenbacher. Er besuchte Meisterkurse bei Steven Isserlis, Bernard Greenhouse und Krysztof Penderecki und war Gewinner mehrerer Preise in Deutschland (Deutscher Musikwettbewerb 2005) und der Schweiz. Benjamin Engeli war Schüler von Adrian Oetiker in Basel, sein Solistendiplom erwarb er in der Meisterklasse von Homero Francesch; er besitzt ein Diplom für Horn und ist intensiv als Solist tätig.

Auf die Interviewfrage, wer der Chef des Tecchler Trios sei, antwortete Engeli, der mit Esther Hoppe verheiratet ist: «Der Kopf bin vermutlich ich, einen Chef hingegen gibt es nicht, da sind wir ganz schweizerisch-demokratisch. Wir kennen unsere Stärken und unsere Schwächen, das macht das Proben und Konzertieren enorm viel einfacher. … Wir nehmen alle auf jeden von uns gleich viel Rücksicht. Mit anderen Worten: Wir sind im Trio drei individuelle Personen und nicht ein Ehepaar mit einem zusätzlichen Mitglied.»

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Klaviertrio Nr. 1, d-moll, op. 49 (1839)

Molto allegro ed agitato
Andante con moto tranquillo
Scherzo: Leggiero e vivace
Finale: Allegro assai appassionato

Kelly-Marie Murphy
1964-

Give Me Phoenix Wings To Fly (1997)

Fire
Desolation
Rebirth

Robert Schumann
1810-1856

Klaviertrio Nr. 1, d-moll, op. 63 (1847)

Mit Energie und Leidenschaft
Lebhaft, doch nicht zu rasch – Trio
Langsam, mit inniger Empfindung – Bewegter – Tempo I. –
Mit Feuer – Nach und nach schneller

Viermal Schumann in klassisch-romantischer und moderner Umgebung: Nr. 1

Die Programme der letzten vier instrumentalen Konzerte dieser Saison haben eine gemeinsame Linie: sie schliessen mit Schumann (überhaupt ein gewichtiger Schwerpunkt der Saison) und stellen ihm nach Klassik oder Romantik ein modernes Werk von bei uns noch nie aufgeführten Komponisten bzw. Komponistinnen gegenüber.

Mendelssohns d-moll-Trio gehörte rasch zu den populären Werken des Komponisten. Grossen Erfolg erntete er damit, auch als Pianist, bei der Uraufführung am 1. Februar 1840 in Leipzig und 1843 in London. Robert Schumann nannte es das «Meistertrio der Gegenwart». Es entstand während glücklicher Tage in Frankfurt und am Rhein. So eignet ihm trotz der Moll-Tonart jugendlicher Schwung, zu dem sich komplementär Kantabilität und im Scherzo elfenhafte Leichtigkeit gesellt. Ist der erste Satz mit seinem über 39 Takte hinweg sich entfaltenden Hauptthema von – allerdings gezügelter – Leidenschaft erfüllt, so versetzt uns das Andante in die Idylle eines Liedes ohne Worte. Das Finale, in der Form eine Verknüpfung von Rondo und Sonatensatz, entspricht kaum mehr der Ausdruckswelt von Beethovens d-moll-Appassionato. Sein romantisches Pathos geht mehr auf Brillanz aus, spielt mit heiteren Rhythmen, wird zweimal ins piano zurückgenommen und endet in einer fulminanten Coda in D-dur.

Die kanadische Komponistin Kelly-Marie Murphy wurde auf Sardinien geboren und verbrachte ihre Jugend auf kanadischen Armeebasen. Ihr Musikstudium absolvierte sie an der University of Calgary und beendete es mit einem Doktorat an der University of Leeds. Neben zahlreichen Stipendien gewann Murphy mit ihren Kompositionen eine grosse Anzahl Preise. Als Composer in Residence war sie in mehreren Musikzentren Nordamerikas tätig. Kompositionsaufträge ergingen u.a. von der CBC, dem Canada Council for the Arts, dem Alcan String Quartet oder dem Winnipeg, Toronto und Vancouver Symphony Orchestra. Der Mythos vom Vogel Phoenix, der sich selber verbrennt und aus der Asche neu ersteht, hat Murphy schon immer fasziniert: «Dies ist ein solch mächtiges Bild, noch dazu relevant für unser modernes Leben, in dem wir uns ständig gefährlich nah am Rande einer Katastrophe befinden. Egal, wie zerstörend ein Ereignis sein mag, man kann sich davon erholen und von vorne anfangen: ein Neuanfang. Der Erfolg liegt im Versuch und im Glauben daran, dass es möglich ist, nach vorne zu schauen und weiter zu machen.» Das Stück beruht ausserdem auf Zitaten aus Gedichten von John Keats (1795–1821): But when I am consumed in the fire, / Give me new Phoenix wings to fly at my desire und Robert (von Ranke) Graves (1895–1985): To bring the dead to life / Is not great magic. / Few are wholly dead: / Blow on a dead man’s embers / And a live flame will start. Trotz den Charakterisierungen der drei Teile (sie symbolisieren «fire, desolation, rebirth») handelt es sich nicht um Programmmusik, auch wenn man immer wieder Flammen auflodern hört. Die Teile kontrastieren zwischen rhythmischer Aggressitivät (I.), im Cello aus der Stille erwachsender atmosphärischer Stimmung (II.) und im Schlusssatz zwischen Pizzicato-Schwung und einem dicht gewobenen Schlussteil. Das 13 Minuten dauernde Stück wurde vom Auftrag erteilenden Gryphon Trio 1997 uraufgeführt und 2002 auf CD eingespielt.

Schumann hat – die Fantasiestücke op. 88 von 1842 eingerechnet – vier Klaviertrios geschrieben. Sie haben nicht die Gunst des Publikums erfahren wie das Quartett (op. 47) und das Quintett (op. 44) mit Klavier aus dem Kammermusikjahr 1842. Einzig das d-moll-Trio kann da allenfalls mithalten. Fünf Jahre waren vergangen, als die beiden Trios op. 63 (Schumann bezeichnete es zunächst als Nr. 2 und wollte es mit den Fantasiestücken unter einer Opuszahl zusammenfassen) und 80 entstanden. In der Zwischenzeit hatte Schumann sich mit Bach auseinandergesetzt und sich kompositorisch weiterentwickelt. Das d-moll-Trio lässt diese Neuansätze wirksam werden. Die ersten drei Sätze mögen etwas davon spüren lassen, dass Schumann sie «in einer Zeit düsterer Stimmungen» schrieb: Leidenschaftliche Unruhe dominiert den Kopfsatz und das von Schumann nicht als solches bezeichnete Scherzo. Das Adagio in a-moll, ein Klagelied, dreiteilig gebaut (ABA’), ist ein Variationensatz. Sein stilles Thema ist von Synkopen, Vorhalten und Einsätzen auf den unbetonten Taktteilen geprägt. Der Mittelteil in F-dur bringt mehr Bewegung. Das attacca anschliessende Finale hatte wohl Clara Schumann, die bei der privaten Uraufführung am 13. September 1847 am Klavier sass, besonders im Auge, wenn sie vom Trio meinte: «Es klingt wie von einem, von dem noch viel zu erwarten steht, so jugendfrisch und kräftig, und doch in der Ausführung so meisterhaft.» Im Vergleich mit Mendelssohns d-moll-Trio ist der Ton anders, ernsthafter, aufgewühlter und bei aller Geschlossenheit auch weniger einheitlich. Die Mendelssohn nicht selten vorgeworfene Glätte geht diesem Stück vollkommen ab.

rs