Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

799

23.1.2007, 20.15 Uhr (Zyklus B 81. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Quatuor Ébène (Paris)

Colombet, Pierre, Violine 1
Le Magadure, Gabriel, Violine 1
Herzog, Mathieu, Viola
Merlin, Raphaël, Violoncello

Kaum fünf Jahre nach seiner Gründung gewann das Quatuor Ebène als erstes französisches Streichquartett 2004 den 1. Preis im Internationalen ARD Wettbewerb München, dazu den Publikumspreis, den Preis der Karl-Klinger-Stiftung und zweimal den Preis für die beste Interpretation. Im Jahr zuvor hatte es ex-aequo den 2. Preis (einen 1. gab es damals nicht) im Concours International de Bordeaux gewonnen, dazu den Preis für die beste Interpretation eines zeitgenössischen Werks: Es handelt sich um das Pflichtstück Alive von E. Canat de Chizy. Seither führt es dieses Werk im Repertoire. 1999 war es von vier Schülern des Conservatoire National de Région de Boulogne-Billancourt gegründet worden. Es folgten Studien beim Quatuor Ysaÿe am Conservatoire National Supérieur de Paris und bei Gabor Takacs am Konservatorium von Genf. 2004 nahm es an einer Meisterklasse von György Kurtág teil. Das Quatuor Ebène tritt mit einem vielfältigen Repertoire regelmässig bei wichtigen Festivals und in zahlreichen Konzerten in ganz Europa auf. Es musiziert auch gerne mit anderen Musikern zusammen, um Werke in grösserer Besetzung aufzuführen. Seine Einspielungen (nach einem Jazz-Album „Eros et Thanatos“ 2002 galt die erste klassische Haydn, erschienen Anfang 2006) und seine Konzerte erhalten begeisterte Kritiken. Gerühmt werden sowohl das hervorragende Zusammenspiel als auch, speziell bei neueren Werken, die Auffächerung des Klangs und der Spielweisen.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 75, G-dur, op. 76, Nr. 1, Hob. III:75 (1797)

Allegro con spirito
Adagio sostenuto
Menuetto: Presto – Trio
Finale: Allegro ma non troppo

Edith Canat de Chizy
1950-

Streichquartett Nr. 2, «Alive» (2003)

Robert Schumann
1810-1856

Streichquartett Nr. 3, A-dur, op. 41/3, Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet (1842)

Andante espressivo – Allegro molto moderato
Assai agitato (con variazioni) – Un poco adagio – Tempo risoluto
Adagio molto
Finale: Allegro molto vivace – Quasi Trio

Die Programme der letzten vier instrumentalen Konzerte dieser Saison haben eine gemeinsame Linie: sie schliessen mit Schumann (überhaupt ein gewichtiger Schwerpunkt der Saison) und stellen ihm nach Klassik oder Romantik ein modernes Werk von bei uns noch nie aufgeführten Komponisten bzw. Komponistinnen gegenüber.

Haydns Quartette op. 76 und 77 bilden den End- und Höhepunkt der Streichquartettkomposition des 18. Jahrhunderts. Op. 76/1 ist eines der schönsten und beliebtesten - obwohl es keinen Namen trägt wie die Nummern 2 bis 4. Als einziges dieser Spätwerke weist es eine – wenn auch knappe - Einleitung auf: drei Forteakkorde. Nach diesem zweitaktigen "Vorhang auf-Motiv" setzt das Thema ein, aber nicht etwa in der ersten Violine, sondern es wird, in g-moll mit dem Cello beginnend, fugenartig auf alle vier Instrumente verteilt. Doch die Fugenform wird nicht weitergeführt; eine volkstümliche Melodie bringt zuletzt ein Seitensatzthema ins Spiel, so dass doch noch ein Sonatensatz zustande kommt. Das Adagio, wohl einer der schönsten langsamen Sätze Haydns, verbindet Kantabilität und konzertantes Prinzip. Das Presto-Menuett könnte man als Haydns erstes Scherzo im beethovenschen Sinne bezeichnen. Das Finale beginnt düster in g-moll, nimmt dann lieblichere Formen an und endet in geradezu gassenhauerhafter Heiterkeit.

Edith Canat de Chizy wurde 2005 als erste Komponistin ins Institut de France aufgenommen. Sie ist ausgebildete Geigerin, und hat an der Sorbonne in Kunst, Archäologie und Philosophie abgeschlossen. Ihre musikalische Ausbildung erhielt sie am Conservatoire National Supérieur de Paris, wo sie mit mehreren Premiers Prix ausgezeichnet wurde. Nachdem sie zuerst bei Ivo Malec studiert hatte, schloss sie sich Maurice Ohana (1914-1992) an (vgl. das 5. Konzert, in welchem das Quatuor Psophos sein 2. Quartett spielte). Über ihn hat sie auch eine Monographie veröffentlicht. Sie erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge und Preise. Ihr Schaffen umfasst verschiedene Gattungen: Orchesterwerke (u.a. ein Cellokonzert Moϊra, ein Bratschenkonzert Les Rayons du Jour [Auftragswerk des Orchestre de Paris] und ein Geigenkonzert Exultet), Kammermusik, Vokalmusik u.a.m. Auffällig bei Canat sind die suggestiven Titel ihrer Werke; dies gilt auch für die beiden Streichquartette, welche mit ihren Titeln die Lebendigkeit (der Gattung?) suggerieren. Das 1. Streichquartett Vivere entstand 2000. Das zweite mit dem Titel Alive ist ein Auftragswerk für den Streichquartettwettbewerb von Bordeaux (ex-Evian) und war dort im Juli 2003 Pflichtstück, mit welchem das Quatuor Ebène brillierte. Es ist zweiteilig gehalten.

Schumanns Schaffen, dem in den letzten fünf Konzerten der Saison, quasi als Nachlese zum 150. Todestag am 29. Juli des vergangenen Jahres, mit wichtigen Kammermusikwerken Reverenz erwiesen wird, verlief in der Frühzeit in Schüben: Auf die Klavierjahre folgten das Liederjahr 1840, das Sinfoniejahr 1841 und das Kammermusikjahr 1842. Doch hatte Schumann bereits 1838/39 an die Komposition von Streichquartetten gedacht, ja wohl auch mit der Komposition begonnen. An Clara schrieb er am 11. Februar 1838: „Auf die Quartette freue ich mich selbst, das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann, namentlich ist es sonderbar, wie ich fast alles kanonisch erfinde.“ Ehe er seine Idee 1842 mit gleich drei Quartetten in die Tat umsetzte, studierte er eingehend die Quartette Mozarts und Beethovens. Auch die Quartette Mendelssohns, dessen drei Quartette op. 44 1837/38 entstanden, fehlten nicht. Ihm widmete er seine neuen Werke - und hält sich auch formal mehr an diese Vorbilder als etwa an Beethoven. Noch 1847, als er sich mit der Komposition von Klaviertrios wieder der Kammermusik zuwandte, freute er sich an seinen einzigen Streichquartetten: „Ich betrachte sie noch immer als mein bestes Werk der früheren Zeit, und Mendelssohn sprach sich oft in demselben Sinne aus.“ Das 3. Quartett darf wohl als Höhepunkt gelten (Mendelssohn gab allerdings bei der ersten privaten Aufführung der Nr. 1 den Vorzug.), ist es doch auch das schwungvollste der drei. Innerhalb dieses Werks dürfte der 2. Satz der ungewöhnlichste sein, ein Pseudo-Scherzo, das sich zu einer Variationenfolge in fis-moll entwickelt. Vor dem heiteren Finale, das von sanglichen Einschüben unterbrochen wird, erklingt ein ebenfalls rondoartig angelegtes Adagio in D-dur, das von ausdrucksvoller Lyrik geprägt ist.

rs