Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

824

2.2.2009, 19:30 Uhr (Zyklus B 83. Saison)
Stadtcasino, Musiksaal

In Zusammenarbeit mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Basel

Quatuor Ysaÿe (Paris)

Sutre, Guillaume, Violine 1
Aguera, Luc-Marie, Violine 2
Da Silva, Miguel, Viola
Markovitch, Yovan, Violoncello

Das Ysaÿe Quartett wurde 1984 gegründet. Damals studierten seine Mitglieder noch am Pariser Konservatorium. Das Quartett nannte sich nach Eugene Ysaÿe (1858-1931), einem Violinisten, Komponisten und Quartettspieler, dessen musikalische Ausstrahlung über seine Epoche hinaus noch die heutige Generation beeinflusst.

Nach seiner Gründung bekam das Ysaÿe Quartett die Möglichkeit, zusammen mit Walter Levin vom LaSalle Quartett und mit dem Amadeus Quartett in Köln zu arbeiten. Das Quartett gewann 1988 beim Internationalen Streichquartett-Wettbewerb in Evian mit dem Grand Prix internationale Anerkennung - einem Preis, der zum ersten Mal einem französischen Quartett zugeteilt wurde.

Seither gastiert das Ysaÿe Quartett in der ganzen Welt. Im September 2006 haben die vier Franzosen beim Festival in Besançon alle 69 Quartette von Joseph Haydn aufgeführt. Den kompletten Quartett-Zyklus Beethovens brachten sie im März 2008 im Pariser Musée d’Orsay zur Aufführung. In letzter Zeit war das Quartett zu Gast in London, Rom, Mailand, Warschau, Genf, Tallinn, Riga, Tel Aviv, Washington oder Tokyo, sowie bei den Festivals in Stavanger, Heidelberg, Edinburgh, Beethovenfest Bonn und Schubertiade Schwarzenberg. Außerdem unterhält das Quartett eine enge Verbindung mit dem französischen Festival de l’Epau, wo sie regelmäßig zu Gast sind.

Im Jahr 2003 gründete das Ysaÿe Quartet sein eigenes Plattenlabel "Ysaÿe Records". Es sind bereits CDs mit Werken der folgenden Komponisten erschienen, die von der internationalen Kritik sehr gelobt wurden: Haydn, Schumann, Mozart, Beethoven, Fauré, Franck und Magnard. Mit der Unterstützung des Conseil Général de la Sarthe haben sie außerdem die CD-Reihe ?Nascor" ins Leben gerufen, die jungen Künstlern erlaubt, ihre erste Einspielung unter den besten Voraussetzungen zu realisieren. Diese beiden Labels werden von Harmonia Mundi vertrieben. 2006 ist ein Live-Mitschnitt aus der Londoner Wigmore Hall mit Werken von Debussy, Fauré und Strawinsky in der Kollektion ?Wigmore Live" erschienen.

Die Arbeit des Ysaÿe Quartetts ist durch ein großes Interesse an der zeitgenössischen Musik gekennzeichnet. Komponisten wie André Boucourechliev, Pascal Dusapin, Franck Krawczyk, Eric Tanguy, Thierry Escaich haben auf Anregung des Quartetts neue Werke komponiert. Im November 2001 wurde dem Ysaÿe Quartett der große Preis der Akademie Charles Cros für die Aufnahme des Gesamtwerks für Streichquartett von André Boucourechliev zugesprochen. Im April 2006 hat das Quatuor Ysaÿe gemeinsam mit Paul Meyer am Wiener Konzerthaus ein neues Klarinettenquintett von Friedrich Cerha uraufgeführt.

Seit 1993 verfolgt das Ysaÿe Quartett eine intensive Lehrtätigkeit und hat einen speziellen Kurs für Streichquartette am Conservatoire Supérieur de Paris (CNR) initiiert. Neben seiner zahlreichen Tourneen widmen sie sich auch an vielen anderen Orten regelmäßig dem Unterrichten, unter anderem in Riga, Vilnius, Los Angeles (University of South California), Sao Paulo, Jerusalem und Aldeburgh sowie bei den Festivals in Nizza, Villecroze und in Flaine.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b) (1783)

Allegro (moderato)
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto, ma non troppo (con variazioni)

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 6, Sz 114 (1939)

Mesto – Vivace
Mesto – Marcia
Mesto – Burletta: Moderato
Mesto

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 12, F-dur, op. 96, B 179 «Amerikanisches Quartett» (1893)

Allegro ma non troppo
Lento
Molto vivace
Finale: Vivace ma non troppo

(zu Dvorák, Streichquartett Nr. 12, F-dur, op. 96, B 179 «Amerikanisches Quartett»)

Dvořáks berühmtestes Streichquartett ist mit knapp 25 Minuten Dauer sein kürzestes. 1892 hatte der Komponist den Ruf nach New York angenommen und war dort für drei Jahre Direktor des Nationalkonservatoriums geworden. Er unterrichtete zudem Komposition und Orchestrierung. Die neue Umgebung inspirierte ihn zumindest im ersten Jahr 1893 stark, denn er komponierte einige seiner bedeutendsten und beliebtesten Werke. Neben der Sinfonie «Aus der Neuen Welt» op. 95 (abgeschlossen im Mai in New York) waren dies im Sommer 1893 das heute gespielte op. 96 und das Streichquintett op. 97. Dvořák verbrachte seine Sommerferien im kleinen Spillville (Bundesstaat Iowa im mittleren Westen – die lange Zugsfahrt von 36 Stunden hat den Eisenbahnfan Dvořák natürlich nicht abgeschreckt). Hier auf dem Land fühlte er sich wohl, weit weg vom Rummel der Riesenstadt und erst noch in der Nähe der vielen tschechischen Einwanderer, die ihn dorthin eingeladen hatten. Die Skizze entstand in nur drei Tagen vom 8. bis 10. Juni, die Ausarbeitung in vierzehn vom 12. bis 25. Juni. Das populäre Werk braucht keine Erklärungen, denn der Wohlklang der schönen und eingänglichen Melodien wie auch die Rhythmen sprechen unmittelbar an. Es erheben sich höchstens einige Fragen, was denn das «Amerikanische» an diesem Stück ausmacht. Sind es wirklich Melodien, die der Komponist der Volksmusik abgelauscht hat, die er sich von Schwarzen und Indianern hat vorsingen und vortanzen lassen? Oder sind es eher einzelne melodische Besonderheiten wie die Pentatonik mit Verminderung der 7. Stufe in Moll, die Rhythmik mit ihren Synkopen oder einfach die ländliche Stimmung, bei der Anklänge an Vogelrufe nicht fehlen? Einer stammt vom schwarzflügligen roten Tanagra, den Dvořák gleich nach Ankunft auf dem Land mit Interesse gehört hatte und denn auch zitiert. Auffällig ist der Beginn des Finale, wo der Komponist über dreissig Takte einen ostinaten Rhythmus vorbereitend einsetzt, bevor er das eigentliche Thema durchbrechen lässt. Was die Verwendung von originalen Melodien betrifft, teilte Dvořák 1900 Oskar Nedbal mit: «Aber lassen Sie den Unsinn, dass ich Originalmelodien gebraucht habe, aus. Ich habe nur im Geist dieser Nationalmelodien komponiert.»

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b))

Die Tonart d-moll gibt Mozart immer Anlass zu besonderer Intensität, so auch hier. Im Sotto voce-Einsatz wird zuerst die Erregung zurückgedrängt, doch kommt sie bald im Forte zum Ausbruch, und auch die Bewegung steigert sich ständig. Die Schönheit des Andante bringt Beruhigung; es ist aber kleingliedrig und von Pausen durchbrochen. Die Schroffheit des Menuetts kippt im Trio in fast unwirkliche Eleganz und Leichtigkeit, so als hätten wir es mit einer Serenade zu tun. Das Finale orientiert sich zwar an Haydns Finalthema aus op. 33/5, aber Mozarts d-moll ist weit entfernt von Haydns G-dur-Leichtigkeit. - -

Das d-moll-Quartett weist im typisch mozartschem Mollcharakter voller Erregung und in dunkler Klangsprache - wozu im Kopfsatz Intervallsprünge und herbe Dissonanzen treten - Neuartiges auf. Im Menuett kontrastiert die dunkle Färbung mit dem heiteren Serenadenton des Trios. Das Variationen-Finale greift sowohl im Siciliano-Rhythmus wie in der Melodik unüberhörbar auf Haydn selbst zurück: auf seine Finalvariationen in op. 33/5, werden aber harmonisch und modulatorisch neu gedeutet.

(zu Bartók, Streichquartett Nr. 6, Sz 114)

Bartók, lange Zeit ein Meister in der Synthese von Kunst- und Volksmusik, wandte sich im sechsten, vom Komponisten als Gast Paul Sachers in Gstaad im August 1939 begonnenen Quartett von diesem Prinzip ab. Die Zeit verlangte wohl anderes, wie die verschiedenen, stetig wachsenden Abhandlungen derselben Mesto-Musik zu Beginn der vier Sätze zeigen. Obwohl parodistisch-groteske Elemente in den Mittelsätzen nicht fehlen, ist es der Trauerton, der den Charakter des Werks bestimmt. Die Rückkehr zur Viersätzigkeit und zur Tonalität sind äussere Zeichen für den neuen Standort in Bartóks Leben und Schaffen. Das Auskosten des Mesto-Charakters bis hin zum Verstummen bedeutet nicht nur den Schluss von Bartóks Quartettschaffen, sondern auch, was der Komponist nicht wissen konnte, des letzten in Europa geschriebenen Werks.