Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

831

1.12.2009, 20.15 Uhr (Zyklus B 84. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Tokyo String Quartet (New York)

Beaver, Martin, Violine 1
Ikeda, Kikuei, Violine 2
Isomura, Kazuhide, Viola
Greensmith, Clive, Violoncello

Das Toyko String Quartet wurde von Studenten der Musikhochschule Tokio während ihres Studiums bei Mitgliedern des Juilliard String Quartets (Robert Mann, Raphael Hillyer und Claus Adam) an der Juilliard School New York 1969, also vor 40 Jahren, offiziell gegründet. 1970 gewann es den ARD-Wettbewerb in München, was eine weltweite Karriere einleitete. Bald galt es als eines der hervorragendsten Quartette überhaupt, bald erschienen auch gerühmte Platten, so die Einspielung der Quartette op. 50 von Haydn (1973). Seither hat es über 40 Aufnahmen gemacht, darunter Gesamtaufnahmen von Beethoven, Schubert und Bartók. Zum Jubiläum gibt das Quartett in diesem Jahr eine Reihe Konzerte in der Oji Hall von Tokio unter dem Motto „Yesterday (Debütprogramm in New York von 1970 mit Beethoven, Berg, Bartók) – Today (Programm gemäss Publikums-Abstimmung per Internet) – Tomorrow (Musik eines jungen japanischen Komponisten)“. Die vier Quartettmitglieder spielen Stradivari-Instrumente, die, weil sie in Paganinis Besitz waren, „Paganini Quartett“ genannt werden. Von der ursprünglichen Besetzung ist heute noch der Bratschist dabei. Kikuei Ikeda kam 1974 hinzu, Clive Greensmith 1999, Martin Beaver als letzter 2002. Das Ensemble ist mehrfach in unseren Konzerten aufgetreten: 1981, 1983 und 1989 – das letzte Mal also genau in der Mitte seiner Karriere.

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 8, B-dur, op. post. 168, D 112 (1814)

Allegro ma non troppo
Andante sostenuto
Menuetto: Allegro – Trio
Presto

Alban Berg
1885-1935

Streichquartett op. 3 (1909/10/24)

Langsam
Mässige Viertel

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 3, B-dur, op. 67 (1875)

Vivace
Andante
Agitato (Allegretto non troppo) – Trio
Poco Allegretto con Variazioni – Doppio Movimento

Am 5. September 1814 notierte Schubert, er habe den Kopfsatz des B-dur-Quartetts „in 4½ Stunden verfertigt“. Der Anlass für den Schaffenseifer könnte damit zusammenhängen, dass Schubert Anfang September sein Praktikum als Schulgehilfe beendet und sein Diplom erhalten hatte; zudem bestanden reelle Aussichten darauf, dass seine im Frühsommer geschriebene F-dur-Messe (D 105) aufgeführt würde. Am 13. September scheint das Quartett beendet gewesen zu sein. Das Werk wird unter den frühen Quartetten Schuberts positiv beurteilt. Man gesteht ihm echt schubertsche Töne zu und die auch hier noch geltenden Vorbilder Haydn und Mozart erscheinen in einen eigenen Stil eingebunden. Dazu kommt eine vollkommene Beherrschung der formalen Probleme. Bemerkenswert sind die chromatischen Elemente des mit einer Quinte beginnenden Kopfsatzes. Dieser Gedanke scheint nicht so sehr das Hauptthema des Satzes zu sein, eher eine Art Einstimmung. Das Andante in g-moll ist in seinen scheinbaren Liedparaphrasen und überraschenden Einbrüchen von Forte-Akkorden am Schluss „echter“ Schubert, auch wenn noch Mozart hineinblickt. Das Menuett ist ein kräftiger, geradezu ländlich-alpenländischer Tanz, dem im Trio lyrische Kantilenen gegenüberstehen. Das Presto-Finale hat ein unruhiges, weniger spielerisches als drängendes Hauptthema. Da es mit Motiven und Spieltechniken arbeitet, die später im Scherzo der grossen C-dur-Sinfonie wirksam werden, trägt es ebenfalls dazu bei, dass man hier bereits den späteren Schubert zu vernehmen glaubt. „In diesem Quartett ist damit zum erstenmal eine wirklich innere Geschlossenheit erreicht, und zugleich tritt überall der Wille zu persönlichem Ausdrucksstil in Erscheinung“ (Walther Vetter 1934).

Das Streichquartett op. 3 ist das letzte Werk, das Alban Berg während seines 1910 beendeten Studiums bei Schönberg und unter dessen Aufsicht – „direkt von Schönberg empfangen“ nannte es Berg – komponiert hat. Er widmete es Helene Nahowski, die gegen den Willen ihrer Familie bald darauf seine Frau werden sollte. Die Uraufführung fand am 24. April 1911 in Wien durch ein ad hoc-Quartett statt. Den Durchbruch sollte das Werk aber erst nach der Aufführung vom 2. August 1923 durch das Havemann-Quartett vor versammelter Kritik beim Salzburger Kammermusikfest erlangen. Weitere offenbar sehr erfolgreiche Aufführungen folgten. Dies veranlasste Berg 1924 wohl auch zur Revision des Werks für die Universal Edition. Die beiden Sätze sind im Tempo angeglichen, etwa gleich lang und im Material eng verwandt. Noch 1935 hat Berg daran gedacht, einen kurzen Mittelsatz einzuschieben, um die beiden (zu) ähnlichen Sätze zu trennen. Sie beginnen beide mit einer heftigen Geste der 2. bzw. der 1. Violine. Die Themen, welche zudem alle untereinander motivisch verbunden und verwandt sind, machen es einem nicht leicht, beim Hören der Satzform zu folgen, obwohl es sich um einen Sonatensatz und um ein Sonatenrondo handelt. (Wie wichtig strenge Formen für Berg waren, zeigen seine anderen Werke, etwa Wozzeck.) Die Themen selber verschleifen diese Formen für das Ohr geradezu, zumal sie intensiv verarbeitet werden. So ist für den Hörer ohne Partitur ein vor allem rhythmisch auffälliges Motiv viel leichter verfolgbar, das gleich am Beginn pianissimo in Bratsche und Cello auftaucht. Eindrücklich sind Klanglichkeit und Farbigkeit des Stücks; Berg fordert mit genauen Vortragsvorschriften dafür mannigfache Spieltechniken. Dass ihm neben den expressiven Ausbrüchen durchaus auch der Wohlklang wichtig war, zeigt er im Brief an seine Frau nach der erwähnten Salzburger Aufführung: „Es war künstlerisch der schönste Abend meines Lebens. (...) Trotz meiner grossen Aufregung (...) schwelgte ich in dem Wohlklang und der feierlichen Süsse und Schwärmerei dieser Musik. Du kannst Dir’s nach dem, was Du bisher gehört hast, nicht vorstellen. Die sogenannt wildesten und gewagtesten Stellen waren eitel Wohlklang im klassischen Sinn.“

Waren seine beiden ersten Streichquartette (op. 51/1 und 2 in c- und a-moll von 1865 bis 1873), vor denen Brahms laut einer Äusserung einem Freund gegenüber „bereits über 20 Quartette“ komponiert haben soll, durch romantische Expressivität und Leidenschaftlichkeit bestimmt, so kann das dritte als geradezu klassisch oder sogar klassizistisch gelten. Es ist schlichter und weniger von motivischer Arbeit geprägt als die beiden Vorgänger und dazu vorwiegend heiter; es überrascht mit mehr Freiheit und Anspielungen. Brahms dürfte nach dem endlich gelungenen Abschluss der 1. Sinfonie richtig entspannt gewesen sein. Er musste nun weder sich noch der musikalischen Welt beweisen, was er alles beherrscht und was für eine anstrengende Sache anspruchsvolles Komponieren ist. Das Quartett entstand im Sommerurlaub 1875 im hübsch gelegenen Ziegelhausen am Neckar östlich von Heidelberg, wo Brahms auch an der 1. Sinfonie gearbeitet hatte. Im Mai 1876 spielte das Joachim-Quartett das Werk im privaten Rahmen bei Clara Schumann in Berlin, im Herbst öffentlich ebenfalls in Berlin; kurz danach folgte das Hellmesberger-Quar-tett in Wien. Schon der Beginn mit einer (bewussten?) Anspielung auf die Hornrufe von Mozarts Jagdquartett KV 458 oder vielleicht auch als Selbstzitat aus dem Scherzo des Streichsextetts op. 18, beides Werke in B-dur, gibt den Grundton an. Rhythmisch wird das Spielerische durch die Gegenüberstellung und zeitweise Überlagerung von 6/8- und 2/4-Takt geleistet. Das romanzenhafte Andante in F-dur zeigt dreiteilige Liedform, wobei der Mittelteil, meist in d-moll, freier und dramatischer ist. Besonders angetan war Brahms vom dritten Satz, den er als zärtlich und leidenschaftlich zugleich auffasste. Es handelt sich eher um ein Intermezzo als um ein echtes Scherzo, das zudem Elemente aus dem bereits scherzohaften Hauptthema des Kopfsatzes übernimmt. Auffällig ist die führende Rolle der Bratsche, um deretwillen sogar Geigen und Cello mit Dämpfer zu spielen haben. Dafür hat sie am Beginn des a-moll-Trios zu schweigen, als ob Brahms auf die Bezeichnung dieses Teils anspielen wollte. Bald darf sie aber auch hier ihre Führungsrolle wieder übernehmen. Die Klanglichkeit dieser Instrumentation gibt dem Satz etwas Notturnohaftes. Das Finale mit Thema und acht Variationen, in denen Brahms seine Meisterschaft in dieser Form beweist, erhält auch umfangmässig das grösste Gewicht im Quartett. Anspielungen fehlen auch hier nicht: Taucht da nicht in der 7. Variation das Jagdthema aus dem Kopfsatz wieder auf und spielt im Variationenreigen mit?

rs