Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

838

9.3.2010, 20.15 Uhr (Zyklus A 84. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Brentano String Quartet (Princeton)

Steinberg, Mark, Violine 1
Canin, Serena, Violine 2
Amory, Misha, Viola
Lee, Nina, Violoncello

Bald nach seiner Gründung im Jahre 1992 wurde das Brentano String Quartet für seine technische Brillanz, seine Musikalität und stilistische Eleganz gerühmt. Neben einer Reihe anderer Preise gewann es den Cleveland Quartet Award und den Naumburg Chamber Music Award (1995). Sein Europadebüt war 1997 in London mit einer weiteren Preisverleihung der Royal Philharmonic Society verbunden. 1999 wurde es das erste Quartet in residence an der Universität Princeton; von 1995-2003 übte es diese Funktion auch an der New York University aus, zudem 2000/01 an der Wigmore Hall in London. Das Brentano Quartett ist mit der Pianistin Mitsuko Uchida in Amsterdam, Washington, New York, in Europa und Japan aufgetreten. Hier die Auftritte in aller Welt und bei zahlreichen Festivals aufzuführen erübrigt sich. Seinen Namen hat das Quartett nach Antonie Brentano gewählt, die vermutlich Beethovens „unsterbliche Geliebte“ war. Das Quartett pflegt, wie man aus der Namenswahl erschliessen könnte, nicht nur das klassische und romantische Repertoire, sondern auch die Moderne. Mehrere Komponisten haben Werke für das Ensemble geschrieben, so Bruce Adolphe, Steven Mackey, Charles Wuorinen und Stephen Hartke. An Platteneinspielungen liegen vor: Haydn (op. 71), Mozart (KV 464 und Quintett KV 593) sowie Werke von Adolphe, Mackey und Wuorinen. 2005 spielte das Quartett bei uns Mozart (KV 464), Webern (op. 28) und Beethoven (op. 132). Die BaZ berichtete damals: „Sie treten locker auf und wirken jugendlich. Und spielen mit einer routinierten Sicherheit, der gleichwohl nichts Gelangweiltes anhaftet. Das Brentano-Quartett begeisterte.“

Robert Schumann
1810-1856

Streichquartett Nr. 2, F-dur, op. 41, Nr. 2 (1842)

Allegro vivace
Andante, quasi variazioni
Scherzo: Presto
Allegro molto vivace

Stephen Hartke
1952-

"Night Songs for a Desert Flower" for String Quartet (2009)

Madrigal. Allegretto grazioso ed amoroso
Lament. Mesto
Intermezzo. Lontano, dolcissimo
Réjouissance. Allegro vivace

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 14, cis-moll, op. 131 (1826)

Adagio ma non troppo e molto espressivo
Allegro molto vivace –
Allegro moderato / Adagio / Più vivace –
Andante ma non troppo e molto cantabile –
Presto –
Adagio quasi un poco andante –
Allegro

Drei Werke aus dem Kammermusikjahr 1842, zwei Streichquartette und das Klavierquartett, waren bzw. sind – rund ein Vierteljahr vor der 200. Wiederkehr von Schumanns Geburtstag – Teil unserer Konzertprogramme. Bereits zuvor hatte Schumann Interesse an der Komposition von Streichquartetten geäussert. Am 11. Februar 1838 schrieb er an Clara: „Auf die Quartette freue ich mich selbst, das Klavier wird mir zu enge, ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann, namentlich ist es sonderbar, wie ich fast alles kanonisch erfinde.“ Es mag sein, dass bereits damals das eben entstehende op. 44 Mendelssohns für Schumann ausschlaggebend war, sicher war es das 1842. Denn Schumann machte vor der Komposition eingehende Studien von Vorbildern, zu denen natürlich Haydn, Mozart und Beethoven gehörten. Intensiv jedoch setzte er sich mit den 1839 im Druck erschienen Quartetten op. 44 seines Freundes Mendelssohn auseinander. Folgen davon sind nicht nur die Komposition, sondern wohl nicht zufällig die Anzahl von drei Werken und natürlich die Widmung der drei Quartette op. 41 an Mendelssohn. Und Schumann schloss sich – mehr als in anderen seiner Werke – mehr diesem Vorbild an als etwa Beethoven. Obwohl Mendelssohn, dem Schumann die drei Werke am 29. September 1842 durch Ferdinand David und seine Quartettfreunde aus dem Gewandhausorchester vorspielen liess, das 1. Quartett besonders gefiel, trägt vielleicht doch gerade das zweite Quartett, das kürzeste der Reihe, am meisten von Mendelssohn in sich. Es ist allerdings nicht der virtuose, übermütig-heitere Scherzo- und Elfenton, den wir hier vorfinden, sondern eine auch Mendelssohn durchaus eigene Besinnlichkeit verbunden mit einer keineswegs oberflächlichen Eleganz und Schönheit des Tones. Gleich der erste Satz, zwar Allegro vivace überschrieben, trotzdem eher ruhig gehalten, beginnt mit einer auf und ab schwingenden lyrischen Melodie. Der träumerische zweite Satz (As-dur) ist ein Variationensatz, doch nennt ihn Schumann quasi variazioni, weil er kühn mit der Variationsform umgeht. Ausgehend von einem 1832 entstandenen Larghetto (Nr. 13 aus den Albumblättern op. 124), von dessen drei „Strophen“ die dritte das eigentliche Thema für vier weitere Variationen liefert, kehrt Schumann zu den beiden ersten Strophen zurück und schliesst den Satz mit einer Coda, die ihrerseits wieder auf eine der Variationen zurückgreift. Unruhig, ja dramatisch gibt sich das Scherzo (c-moll), während das C-dur-Trio, am Schluss des Satzes wieder aufgenommen, mit dem Cello und den antwortenden übrigen Streichern Heiterkeit aufkommen lässt. Die heitere Klangfreude eines Perpetuum mobile bestimmt trotz intensiver thematischer Arbeit das Finale. Ein Melodieteil klingt an ein bei Schumann beliebtes und immer wieder zitiertes Thema an: Das Schlusslied aus Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“, speziell die Phrase „Nimm sie hin denn meine Lieder“. Ob hier für einmal nicht an Clara, sondern an Freund Mendelssohn gedacht ist?

Der in Europa kaum bekannte Stephen Hartke gilt in den USA als einer der führenden Komponisten seiner Generation. Er wurde in Orange, New Jersey, geboren und wuchs in Manhattan auf. Hier begann seine musikalische Aktivität als Knabensänger, der in Institutionen wie dem New York Philharmonic oder der Metropolitan Opera auftrat. Bereits mit zehn Jahren begann er zu komponieren. Er studierte in Yale und an der University of California Santa Barbara. Er unterrichtete als Fulbright Professor in São Paulo, ab 1987 an der University of Southern California. Hartke gilt als musikalischer Kosmopolit, der unzählige Musikrichtungen bestens kennt, sich aber etwa von der europäischen Avantgarde absetzte. Sein wichtigster Lehrer war George Rochberg; nachhaltig beeinflusst haben ihn Charles Ives und Igor Strawinsky. Bedeutend wurden für ihn auch die von ihm so genannten drei „M“: Guillaume de Machaut, Claudio Monteverdi und Olivier Messiaen. Neben einer grossen Zahl weiterer Preise erhielt Hartke 2003 den mit 225’000 Dollar dotierten Charles Ives Living Award, ein Beweis dafür, welche Bedeutung man ihm in den USA zumisst. Sein Oeuvre umfasst neben der Oper The Greater Good (UA 2008) Orchesterwerke, darunter drei Sinfonien und Konzerte für Violine und Klarinette, Vokales sowie Kammermusik in den verschiedensten Besetzungen. Seine Werke sind auf mehreren CDs verschiedener Labels gut dokumentiert. Zu seinem rund 18-minütigen Quartett, das im Auftrag der Harvard Musical Association and Carnegie Hall für das Brentano String Quartet entstand, schreibt Hartke: „Night Songs for a Desert Flower is, at heart, a book of madrigals for string quartet. I began the work thinking that I would be exploring the fundamentally abstract nature of the medium, but quickly found that its intensely focused emotional qualities pushed me towards a work in which the structure of the movements was determined much more by the emotional element in the same way that the madrigal responds to the expressive demands of the text set. As in madrigal cycles, there is a drama played out here, with the main arc contained within the first three movements. The last movement offers a dance of celebration followed by a brief envoi in a coda that disappears into the night.“

Die drei grossen späten Quartette Beethovens 132, 130 (inkl. op. 133) und 131 – dies die Entstehungsreihenfolge – weisen einige Besonderheiten und Gemeinsamkeiten auf. Als einzige Beethovenquartette gehen sie mit fünf, sechs resp. sieben Sätzen über die Viersätzigkeit hinaus. Zudem sind sie durch Motivverwandtschaft, die von einer Keimzelle aus vier Tönen in zwei gegenläufigen Halbtonschritten (dis – e / c – h) ausgeht, verbunden. Das mag beim Hören unbemerkt bleiben, doch zeigt die Analyse die geheime Klammer auf. Im cis-moll-Quartett tritt das Motiv zu Beginn der Fuge in den Tönen zwei bis fünf (his – cis / a – gis) auf. Hatte die Originalfassung des op. 130 mit einer Fuge geendet, so beginnt op. 131 ebenfalls mit einer solchen, wenn sie auch keine "Grosse" und keine so schwierige ist. Einheitlich geschlossen wirkt das "wohl Schwermütigste, was je in Tönen ausgesagt worden ist", wie sich Richard Wagner ausgedrückt hat. Der 2. Satz im 6/8-Takt übernimmt den Oktavsprung vom Ende der Fuge einen Halbton höher, der improvisationsartig wirkende 3. Satz reduziert ihn auf die Quinte. Mit nur elf Takten, von denen die letzten vier Adagio zu spielen sind, bildet er die Überleitung zum Werkzentrum, der umfangreichen tiefgründigen Variationenfolge. Der fünfteilige 5. Satz ist ein Scherzo mit Trio im Schema ABABA. Er geht nach der teilweise sul ponticello zu spielenden Coda attacca in ein 28-taktiges Adagio über. Es ist zwar selbständig gehalten, bildet aber eine Art langsame Einleitung zum Finale. Hier ist am Beginn mit den Tönen gis – a / cis – his wieder das Grundmotiv fassbar. Mit drei heftigen fortissimo-Akkorden endet das komplexeste der Beethoven-Quartette.

rs