Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

841

2.11.2010, 20.15 Uhr (Zyklus A 85. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Mandelring Quartett (Neustadt a.d.W.)

Schmidt, Nanette, Violine
Schmidt, Sebastian, Violine
Glassl, Roland, Viola
Schmidt, Bernhard, Violoncello

Im Jahr 1983 wurde das Mandelring Quartett von den Geschwistern Schmidt zusammen mit einer befreundeten Bratschistin gegründet. Es benannte sich nach dem Probenort, einem ehemaligen Weingut an einer Ringstrasse im Ortsteil Neustadt-Hambach, gesäumt von Mandelbäumen, wo die Geschwister Schmidt aufgewachsen sind. Umbesetzt wurde 1998 die Position der Bratsche. Das Ensemble machte früh mit einer CD-Einspielung von Schuberts „Der Tod und das Mädchen” auf sich aufmerksam. Wettbewerbsgewinne (ARD, Evian und Borciani) in den Jahren 1991 bis 1994 brachten das Quartett schnell in die grossen Konzertsäle der Welt. Mittlerweile hat das Mandelring Quartett in fast 50 Ländern der Erde konzertiert und ist heute eines der international führenden Streichquartette. Zum Markenzeichen des Ensembles wurde seine phänomenale Homogenität in Klang, Tongebung und Phrasierung. Seine Vielseitigkeit zeigt sich nicht nur im umfangreichen Repertoire, sondern auch in den Programmen des HAMBACHERMusikFESTes, eines internationalen Kammermusikfestivals, das 1997 von ihm in seiner Heimat gegründet wurde und unter seiner künstlerischen Leitung steht. 2010 begann das Quartett einen eigenen Konzert-Zyklus in der Berliner Philharmonie und setzt damit neue musikalische Akzente in der Hauptstadt. Auch zahlreiche CD-Aufnahmen, die mehrfach den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhielten, zeigen die herausragende Qualität und das breite Repertoire des Quartetts. So wurde die jüngst abgeschlossene Aufnahme der Streichquartette von Schostakowitsch (5 Cds) mit vielen Preisen ausgezeichnet und von der Fachpresse als eine der herausragenden Gesamteditionen unserer Zeit beurteilt.

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 10, As-dur, op. 118 (1964)

Andante –
Allegretto furioso –
Adagio –
Allegretto

Streichquartett Nr. 11, f-moll, op. 122 (1966)

Introduktion: Andantino –
Scherzo: Allegretto –
Rezitativ: Adagio –
Etüde: Allegro –
Humoreske: Allegro –
Elegie: Adagio –
Finale: Moderato

Streichquartett Nr. 12, Des-dur, op. 133 (1968)

Moderato
Allegretto

Schostakowitsch: Streichquartette der mittleren Sechzigerjahre

15 Sinfonien und 15 Streichquartette hat Schostakowitsch zwischen 1926 und 1974 geschrieben. Die Entstehung verlief aber keineswegs parallel, und auch im Formalen sind Unterschiede zwischen den beiden Gattungen auszumachen. Mit der 1. Sinfonie lieferte der Komponist 1926, noch keine zwanzig Jahre alt, sein Gesellenstück ab. Das 1. Streichquartett hingegen sollte erst 1938 entstehen, als bereits fünf Sinfonien, darunter wichtige wie die 4. und die 5., vorlagen. Die meisten Streichquartette, nämlich sieben, entstanden zwischen 1960 und 1970 (Nr. 7 bis 13), darunter die drei heute aufgeführten 1964-68. Die beiden letzten wurden erst nach der 15. Sinfonie 1973 und 1974 komponiert. Obwohl Schostakowitsch in der Sinfonie teilweise an der Viersätzigkeit festhielt (Nr. 5, 7, 10 und 15), suchte er dort auch andere Grossformen, etwa durch Einbezug von Chor (Nr. 2 und 3; 13) und Solostimmen (Nr. 13 und 14). Wenn er dafür Vorbilder gebraucht hätte, könnte man am ehesten an Beethoven und Mahler denken, doch haben im Sinne des Sozialistischen Realismus auch die Bedürfnisse des Staates mitgespielt, wie etwa die Sinfonien 2 und 3 belegen. An ein Streichquartett mit einer Singstimme, wie es Schönbergs 2. Quartett als mögliches Vorbild nahe gelegt hätte, scheint Schostakowitsch nie gedacht zu haben. Es bleibt, auch wo ein Bezug auf politische und tragische Ereignisse besteht (Quartett Nr. 8), immer beim reinen Quartettsatz. Was der Komponist an Satzvarianten verwendet, ist auf den ersten Blick weniger auffällig als in den Sinfonien. Bei fünf Quartetten hält er an traditioneller Viersätzigkeit, manchmal sogar in der konventionellen Folge der Satzcharaktere, fest. Manchmal erweitert er sie zur Fünfsätzigkeit (Nr. 4, 8, 9) oder reduziert auf weniger Sätze (5, 7, 14). Unter den letzten fünf Quartetten ist allerdings keines mehr viersätzig; die Satzzahl variiert von einem bis sieben. (Aber sieben Quartettsätze hatte es ja bereits bei Beethoven gegeben.) Besonders auffällig sind die Quartette Nr. 13 (ein einziges Adagio von 20 Minuten Dauer) und Nr. 15 mit sechs Adagio-Sätzen. Der Komponist hat vieles, was ihn betraf und niederdrückte, auch in den Sinfonien zum Ausdruck gebracht, hat hier allerdings manchmal, was man ihm immer wieder zum Vorwurf gemacht hat, zumindest vordergründig den Vorstellungen der Machthaber nachgeben müssen. Die Streichquartette dagegen darf man, ohne gleich immer eine konkrete Verarbeitung seiner Sorgen und Leiden unterstellen zu wollen, als diejenigen Werke ansehen, die am ehesten seine Stimmungen und seine psychische Verfassung wiedergeben. Kein Wunder, dass sie oft elegisch und trauernd gehalten sind. Doch entfalten sie auch dort, wo sie konkrete Bezüge auf Persönliches, wie etwa im 11. Quartett der Tod eines Freundes, oder auf tragische Ereignisse im bereits erwähnten 8. Quartett aufweisen und generell Fragen des Lebens stellen, fast durchweg den Eindruck von absoluter Musik.

Nur gerade elf Tage brauchte Schostakowitsch im Juli 1964, um das 10. Quartett niederzuschreiben. Er widmete es seinem jüngeren Freund, dem polnischen Komponisten und Pianisten Moissej Wainberg (Mieczysław Weinberg, 1919-1996, 1939 nach Russland geflohen), der erst jetzt richtig entdeckt wird (Uraufführung seiner Oper „Die Passagierin“ von 1968 und Aufführungen anderer Werke bei den Bregenzer Festpielen 2010). Dessen damals neun Quartette (von insgesamt 17) hat Schostakowitsch zu diesem Zeitpunkt mit dem zehnten zumindest an Zahl überboten. Im Gegensatz zum 9. Quartett mit seinen fünf attacca ineinander übergehenden Sätzen, das kurz zuvor entstanden war und mit dem zusammen es am 20. November vom Beethoven-Quartett uraufgeführt wurde, weist das 10. Quartett einzig zwischen dem 3. und 4. Satz die Bezeichnung attacca auf. Die Satzfolge ist Langsam - Schnell - Langsam - Schnell. Auf eine leichte, zurückhaltende Sonatine folgt ein wildes Scherzo, das in seiner harten Motorik an das Stalin-Porträt in der 10. Sinfonie erinnert. Nach diesem kurzen aggressiven Zwischenspiel beruhigt eine langsame Passacaglia (mit einem neun- statt achttaktigen Thema) die Gemüter wieder. Das Finale nimmt am meisten Raum ein und weist einen ebenfalls bei Schostakowitsch typischen Charakter auf: Ein nicht allzu schnelles ostinatohaftes Thema im Staccato wird, von wenigen Unterbrüchen abgesehen, ständig wiederholt, bis es nach dem Zitat des Hauptthemas aus dem ersten Satz zum Schluss beruhigt pianissimo ausläuft.

Das 11. Quartett ist dem Andenken Wassili Schirinskis gewidmet, eines Jugendfreunds, der auch als langjähriger 2. Geiger im Beethoven-Quartett (es hatte bis dahin alle Quartette Schostakowitschs ausser dem ersten uraufgeführt) mit dem Komponisten eng verbunden war. Es ist kein umfangreiches und heroisches Trauerstück geworden, sondern bildet in originell aphoristischer Suitenform eine Huldigung an den vielseitigen Musiker Schirinski. Die kurzen, attacca ineinander übergehenden Stücke enden jeweils morendo im Pianissimo. Natürlich ist die Elegie Trauermusik, aber auch andere Sätze wie das Rezitativ mit seiner Choralanspielung nehmen diese Trauer auf. Wieder andere wie das durchweg leise gehaltene Scherzo, die Etüde oder die Humoreske (ein Satztitel, der in einem Werk der Trauer irritiert) spielen mit Facetten des Lebens und des Lebensendes, von Lebenssinn und Vergeblichkeit. Schostakowitsch geht von einem in der Introduktion vom Cello vorgestellten mottoartigen Motiv aus. Das Werk verzichtet auf reine Tonalität und signalisiert Schostakowitschs damaliges Interesse an anderen Kompositionstechniken: Er beginnt sich intensiv mit der Zwölfton- und Reihentechnik auseinanderzusetzen.

Dies gilt gerade auch für das 12. Quartett, welches Konsolidierung und Neubeginn bildet und die Reihe der letzten Quartette einleitet. Dass Schostakowitsch die Beschäftigung mit der Zwölftontechnik aber nicht zum Dogma machte, zeigt der Beginn. Das dreimal wiederholte Cellothema ist zwar zwölftönig, doch es wird nicht reihenmässig genutzt, sondern eben thematisch und als Anlass für Zahlensymbolik. Auch die Tonalität verschwindet letztlich nicht: Das Werk beginnt und endet in Des-dur. Hinter der Zweisätzigkeit mit einem gegenüber dem 1. Satz dreimal längeren zweiten verbirgt sich eine komplexe Struktur. Hans Keller hat, indem er den 2. Satz in vier Teile (II–V) aufgliedert, fünf Teile festgestellt und das ganze Werk so analysiert: I 1. Satz, Exposition (Moderato) // 2. Satz: II Scherzo (Allegretto) / III Langsamer Satz (Adagio) / IV Durchführung (Moderato) / V Finale als Reprise (Moderato – Allegretto). Schostakowitsch sah im 1. Satz «die Welt hoher Ideale. Der 2. Satz stellt ein beunruhigendes Scherzo dar, eine Agonie, die unfähig ist, die Widersprüchlichkeit des Lebens zu lösen». Er nannte das Stück dem Primgeiger des Beethoven-Quartetts und Widmungsträger Dmitrij Zyganow gegenüber eine Sinfonie, keine Kammermusik.