Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

843

23.11.2010, 20.15 Uhr (Zyklus A 85. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Christoph Prégardien, Tenor
Michael Gees, Klavier

Prégardien, Christoph, Tenor

Gees, Michael, Klavier

Der 1956 geborene Christoph Prégardien begann seine musikalische Laufbahn bei den Limburger Domsingknaben. Er studierte Gesang in Frankfurt, Mailand und Stuttgart. Sein Repertoire umfasst ein breites Spektrum, das die alte Musik mit den grossen Passionen und Kantaten (mit Schwergewicht bei Bach), die geistlichen und weltlichen Werke der Klassik und Romantik (Mozart, Schubert) und die Oper von Monteverdi (Ulisse) über Haydn (CDs u.a. mit Harnoncourt), Mozart und Rossini bis Verdi (Fenton im Falstaff) umfasst. Er hat aber seine lyrische Stimme nie überfordert und sich mit grossem Erfolg dieses Repertoires angenommen. Besonders gefragt ist er allerdings seit langem als Liedsänger. Von Beethoven über Schubert und Schumann bis hin zu Britten (Nocturne, in Basel 1998 zu hören), Wilhelm Killmayer (Hölderlin-Zyklen etc.) und Wolfgang Rihm pflegt er diese Gattung seit Jahren mit grösstem Erfolg. Unzählige Platteneinspielungen haben seinen Namen bekannt und beliebt gemacht. Sie erhielten zahlreiche Preise. 2008 ist Christoph Prégardien mit Andreas Staier in unseren Konzerten mit seinem Schwanengesang-Programm aufgetreten, das im selben Jahr auch auf CD erschienen ist. Mit Staier hatte er 1991 bereits «Die schöne Müllerin» aufgenommen – eine damals begeistert besprochene Interpretation. Und ebenfalls 2008 ist – wieder hoch gerühmt – eine neue Aufnahme der «Müllerin» erschienen, diesmal mit Michael Gees. Im September 2010 kam die neuste Aufnahme auf den Markt: Prégardien singt zusammen mit seiner Nichte, der Sopranistin Julia Kleiter, Wolfs «Italienisches Liederbuch». Der Sänger unterrichtete 2000-2005 an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich, seit 2004 ist er Professor an der Musikhochschule Köln.

Michael Gees ist ebenfalls in der Saison 2008/09 erstmals bei uns aufgetreten, damals mit Prégardiens Nichte Julia Kleiter. Der 1953 als Sohn zweier Sänger geborene Gees hatte schon mit drei Jahren kein lieberes Spielzeug als das Klavier. Bereits als Kind gewann er Wettbewerbe. Doch was ganz nach einer grossen Solistenkarriere aussah, ging nach einem Ausbruch aus der Welt der Wettbewerbe und des Karrieredenkens in andere Richtungen. Gees wandte sich der subtilen Kunst der Liedbegleitung zu und suchte andere Formen der Musikvermittlung. Als Liedpianist konzertiert er heute weltweit. Dabei ergeben sich oft originelle und einfühlsam zusammengestellte Programme. Daneben ist – neben der erwähnten «Müllerin» – eine Reihe von Einspielungen entstanden. Die Stuttgarter Zeitung schrieb über ein Konzert mit Gees: «Überhaupt, dieser Michael Gees. Gäbe es nur mehr Liedbegleiter wie ihn, dann gäbe es auch mit Sicherheit weniger langweilige Liederabende.” Und in der BaZ hiess es nach dem Basler Konzert: «Er spielte so einfallsreich, feinfühlig, inspirierend und brillant, dass man ihn gar nicht als Begleiter, sondern als Partner der Sängerin bezeichnen möchte.»

Franz Schubert
1797-1828

Die schöne Müllerin, Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller, D 795 (1823)

Das Wandern
Wohin?
Halt!
Danksagung an den Bach
Am Feierabend
Der Neugierige
Ungeduld
Morgengruss
Des Müllers Blumen
Tränenregen
Mein!
Mit dem grünen Lautenbande
Der Jäger
Eifersucht und Stolz
Die liebe Farbe
Die böse Farbe
Trockne Blumen
Der Müller und der Bach
Des Baches Wiegenlied

Kunstvolle Naivität – Schuberts Müllerin-Novelle

Als Schubert vermutlich im Oktober 1823 (die erste Niederschrift des Lieds Nr. 15 ist so datiert) mit der Vertonung des Liedzyklus «Die schöne Müllerin» begann, hatte er bereits zyklisch Gedichte vertont, etwa die «Gesänge des Harfners» (1816/1822) aus Goethes «Wilhelm Meister». Neuartig war jetzt die Vertonung einer novellenartigen Liederfolge, wie es bereits Beethoven mit «An die ferne Geliebte» 1816 getan hatte. Schubert entnahm die Gedichte den «Sieben und siebenzig Gedichten aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten» des Dessauer Gelehrten und Dichters Wilhelm Müller (1794–1827). Sie waren in jenem Jahr 1821 erschienen, in dem Griechenland sich gegen die Türken erhob, was in Europas politischer und gebildeter Welt eine unerhörte Griechenbegeisterung hervorrief. Da sich der Philologe, Historiker und Dessauer Hofbibliothekar Müller vehement für die Sache der Griechen engagierte, nannte man ihn den «Griechenmüller». Von diesen politischen Ereignissen ist weder in den Texten noch in Schuberts Musik etwas zu spüren. Nur wenig älter als Schubert starb Müller bereits 1827. Heute ist er, obwohl er fünf Gedichtbände hinterliess, nur als Dichter der Texte zur «Müllerin», zur «Winterreise» und zu «Der Hirt auf dem Felsen» bekannt. Seine Texte geben sich einfach und naturverbunden, ja volksliedhaft. Der Einfluss von «Des Knaben Wunderhorn» ist spürbar. Der Müllerin-Zyklus geht laut Ludwig Rellstab auf ein Liederspiel zurück, dessen Stoff offenbar von Goethes «Vier Romanzen von der Müllerin» (1797) inspiriert war und das man im Winter 1816/17 im Stägemannschen Salon in Berlin aufführte. Die meisten Gedichte dazu hatte Müller verfasst, die Musik stammte vom Berliner Liederkomponisten Ludwig Berger (1777-1839). Später überarbeitete Müller die Gedichte und ergänzte sie um einen Prolog und Epilog. Er selbst wollte ursprünglich zu seinen Gedichten Melodien schreiben.

Als Schubert aus den 25 Gedichten der «Novelle» 20 auswählte (Prolog und Epilog sowie drei weitere Gedichte liess er weg) und sie wohl bis November 1823 vertonte, wurde Müllers Wunsch erfüllt – in einem viel höheren Masse, als zu erwarten gewesen wäre. Zwar bleibt auch Schubert vielfach volksliedhaft einfach. So komponiert er fast die Hälfte der Texte als Strophenlieder (Nr. 1, 7, 8, 9, 10, 13, 14, 16, 20), was für sein damaliges sonstiges Liedschaffen ungewöhnlich war. Und doch erreicht er auch in ihnen eine einmalige Qualität in der Wort-Ton-Beziehung, im Erfassen von psychologischen Finessen, die er etwa mit dem einfachen Mittel des Dur-Moll-Wechsels in kleinsten Bereichen zum Ausdruck bringt. Feine Nuancen zeigen in jedem Lied, wie sehr er auf die Situation eingeht. Die Tonartbezüge in und unter den Liedern sind raffiniert. Das Klavier übernimmt eine eigene Rolle der Darstellung: Es gibt über blosse Begleitung hinaus Kommentare ab und deutet die Texte auf seine Weise. Die simple Dreiecksgeschichte um enttäuschte Liebe zwischen dem Müllerburschen, der Müllerstochter und dem Jäger erhält dadurch, dass sie einzig aus der Sichtweise des Burschen gesehen und interpretiert wird, ihren Reiz. Die Naivität, mit der er seine vermeintliche Liebe (die es als gegenseitige Beziehung gar nie gegeben hat) schildert, gibt dem Text und der Musik überraschenderweise die Tiefe des (vermeintlich) Erlebten. Nicht Schubert komponiert naiv, sondern er komponiert die Naivität des Burschen in natürlicher und doch äusserst kunstvoller Weise aus.

Der junge Müller bricht im ersten Lied, das man auch als Vorspiel zur eigentlichen Handlung bezeichnet hat, naiv und ahnungslos auf – Wandern ist schliesslich seine Haupttätigkeit, wenn es darum geht, eine neue Stelle zu finden. Der Bursche ist noch gar nicht am Wandern, sondern stellt es sich bei seinem Abschied erst vor. Was er, da die Welt für ihn noch in Ordnung ist, nicht ahnt, ist, dass es für ihn auf dieser Wanderschaft letztlich keine echte Ruhe geben wird. Erst im letzten Lied wird er sie – an unerwartetem Ort – finden, im Bach. Der Bach wird bereits im ersten Lied eingeführt, hat aber nichts Gefährliches und ist auch noch kein Gesprächspartner. Einzig die Bewegung, die er vorgibt («Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht, / Ist stets auf Wanderschaft bedacht, / Das Wasser.»), könnte Andeutung der künftigen Partnerschaft sein. Der romantisch naturverbundene Bursche hat nur diese einzige echte Beziehung, nur im Bach einen Dialogpartner und Tröster. Der Dialog beginnt im zweiten Lied «Wohin?». Da zeigt der Bach aber auch seine unheimlichen, gefährlichen Seiten: «Es singen wohl die Nixen / Tief unten ihren Reihn.» Das ist das Erste, was der Bach mit seinem Rauschen zum Müller «sagt» – doch der erkennt darin keine Gefahr und geht seinen Weg dem Bach entlang weiter, ohne zu ahnen, was das Ende bringen wird. Das plötzliche H-dur im G-dur-Lied «Wohin?» bei der Stelle «Ich weiss nicht, wie mir wurde» deutet es an, steht doch H-dur bei Schubert nicht selten für Berauschung, also das Unkontrollierbare. Das Rauschen wird zum Berauschen. Im 3. und 4. Lied ist der Dialog mit dem Bach etabliert. Die beiden raschen Lieder 5 und 7 führen nur scheinbar zum Gespräch mit der Müllerin. Einzig floskelhafte Worte tauchen auf: In Nr. 5 sagt das Mädchen «allen eine gute Nacht», in Nr. 7 macht der Müllerbursche Liebeserklärungen («Dein ist mein ganzes Herz»), doch sie gelangen nicht an die richtige Adresse: «Und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben.» Dazwischen wendet sich der Bursche wieder an den Bach: Er soll ihm sagen, ob die Müllerin ihn liebt, da sie es ihm nicht sagen kann oder will. So kommt es gar nie zur Beziehung zwischen den beiden. Das Ende kommt hart schon im Lied 10: «Sie sprach: es kommt ein Regen, ade! Ich geh nach Haus.» Der vermeintliche Durchbruch in Nr. 11 «Mein!» ist Täuschung. Was nachher an Wortwechseln folgt, bleibt wieder an der Oberfläche. Und ob die «Blümlein alle, die sie mir gab», mit denen nun der Müller in Nr. 18 den Dialog sucht, überhaupt je ein Liebeszeichen waren, bleibt unklar. Verwelkt sind sie wie die nur eingebildete Liebe. So findet der Müller erst wieder mit dem Bach einen Dialogpartner. Der aber spricht nur die Gedanken des Müllers selbst (Nr. 19). In der vielleicht schönsten Stelle des ganzen Zyklus kündet er ihm den Tod als Befreiung vom Elend an («Und wenn sich die Liebe dem Schmerz entringt, ein Sternlein, ein neues, am Himmel erblinkt...»). Seine Ruhe findet der Müller wie am Ende von Nr. 19 gewünscht («Ach unten, da unten / Die kühle Ruh! / Ach Bächlein, liebes Bächlein, / So singe nur zu.») in den Tiefen des Baches – und der Bach singt ihm dazu sein Wiegenlied. Erst in diesem himmlisch langen Strophenlied, dem längsten des ganzen Zyklus, spricht der Bach allein, aber es sind wieder des Müllers eigene Gedanken. Wenn wir dieses Schlusslied mit dem der Winterreise vergleichen, wie heiter-hell bleibt das Bild trotz dem todtraurigen Ausgang der Geschichte! Der vom eigenen Versagen geplagte Bursche findet gewiss seine «gute Ruh» – ganz im Gegensatz zum Wanderer der «Winterreise».

rs