Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

853

1.11.2011, 20.15 Uhr (Zyklus B 86. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Amar Quartett (Zürich)
Silvia Simionescu, Viola/Mattia Zappa, Violoncello

Licco Amar hiess der Primgeiger jenes berühmten, 1921-1929 existierenden Quartetts, in dem Paul Hindemith die Bratsche spielte. Aus Anlass des 100. Geburtstages Hindemiths nahm das neue Amar-Quartett diesen Namen an, denn es möchte dem heute zu sehr vernachlässigten Oeuvre Hindemiths besondere Beachtung schenken. Das 1987 gegründete, seit 1996 in der heutigen Besetzung spielende Ensemble besteht aus vier jungen, zwischen 1971 und 1977 geborenen Schweizer Musikern. Geiger und Geigerin wechseln sich, wie in vielen jungen Quartetten üblich, am ersten Pult ab. Seit 1998 arbeitet das Quartett regelmässig mit dem Alban Berg Quartett in Köln. Im gleichen Jahr erhielt es in Cremona und in Bubenreuth Preise in Wettbewerben und gewann 1999 den Kammermusik-Wettbewerb des Migros-Kulturprozents. Für seine Konzerttätigkeit wurden ihm vier Stradivari-Instrumente der Stiftung Habisreutinger anvertraut.

Erwin Schulhoff
1894-1942

Streichquartett Nr. 1 (1924)

Presto con fuoco
Allegretto con moto e con malinconia grotesca
Allegro giocoso alla Slovacca
Andante molto sostenuto

Streichsextett (1920/24)

Allegro risoluto
Tranquillo (Andante)
Burlesca. Allegro molto e con spirito
Molto adagio

Johannes Brahms
1833-1897

Streichsextett Nr. 2, G-dur, op. 36 (1864)

Allegro non troppo
Scherzo: Allegro non troppo – Presto giocoso – Animato
Poco Adagio – Più animato – Adagio
Poco allegro – Animato

(zu Schulhoff, Streichquartett Nr. 1)

Am 8. Juni dieses Jahres [1994] gedachte man des hundertsten Geburtstages des bis vor kurzem vergessenen und verdrängten Erwin Schulhoff. Als Sohn eines deutsch-jüdischen Kaufmanns wurde er in Prag geboren. Schon in jüngsten Jahren wurde sein Talent von Dvo6rák bestätigt. Später studierte er in Prag, Wien und Leipzig Klavier und Komposition, u.a. bei Reger. Unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs, in dem er als österreichischer Soldat diente, wurde Schulhoff zum überzeugten Sozialisten. 1932 vertonte er "Das kommunistische Manifest" als Oratorium, wollte 1933 nach Moskau auswandern, komponierte in den dreissiger Jahren im Stil des Sozialistischen Realismus und wurde im Mai 1941 wunschgemäss sowjetischer Staatsbürger. Zur Auswanderung in die UdSSR kam es nach dem Überfall der Nazis nicht mehr. Im Juni 1941 wurde er zusammen mit seinem Sohn Petr in Prag interniert, später in das Internierungslager Wülzburg in Bayern überführt, wo er, an seiner 8. Sinfonie schreibend, von Unterernährung geschwächt, am 18. 8. 1942 an Tuberkulose starb. Seine originellsten, in den zwanziger Jahren entstandenen Werke zeigen ihn, den musikalischen Experimentator und Revolutionär, als wichtigen Vertreter der Neuen Musik. Er stand dem Dadaismus nahe (Vertonung von Arps "Wolkenpumpe" 1922) und setzte sich mit dem Jazz und anderen damaligen Stilrichtungen auseinander. Seine Musik galt in Nazideutschland als entartet - und Schulhoff wurde vergessen. Seine (sieht man von Jugendkompositionen ab) drei Werke für Streichquartett entstanden 1923-25. Auf die "Fünf Stücke", eine Art Tanzsuite, folgte 1924 das 1. Quartett; die ersten drei Sätze sind ebenfalls tänzerisch, im Stil neofolkloristisch. Der langsame Satz, an den Schluss gerückt, ist "ein melancholisches Notturno, dessen Musik den Raum zur leisen Meditation über die irdische Freude des menschlichen Lebens eröffnet" (J. Bek).