Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

857

17.1.2012, 20.15 Uhr (Zyklus A 86. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Borodin-Quartett (Moskau/Aldeburgh)

«Moskauer Philharmonisches Quartett» hiess das Borodin-Quartett, das traditionsreichste und bekannteste russische Quartett unserer Zeit, vor 1955. Es besteht seit über fünfzig Jahren. Von der ursprünglichen Besetzung ist noch der Cellist dabei. Über den Vater des früheren Bratschers Dmitrij Shebalin bestand ein enger Bezug zu Schostakowitsch. In den siebziger Jahren formierte sich das Quartett durch den Beizug zweier Geiger neu. In den achtziger Jahren begann es regelmässig im Westen zu konzertieren, besonders in England, wo es zeitweise in Aldeburgh, Brittens Wohn- und Festspielort, eine zweite Heimat fand. 1996 kamen zwei weitere Umbesetzungen dazu, die zur Verschiebung des Konzerttermins führten: Ruben Aharonian stammt aus Riga, studierte u.a. bei Leonid Kogan und gewann Preise beim Enescu Wettbewerb (Bukarest), in Montreal und beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Der Bratschist Igor Naidin, Schüler von Yuri Bashmet, arbeitete u.a. mit Mitgliedern des Borodin-Quartetts, Mikhail Kopelman und Valentin Berlinsky, zusammen. Kammermusikerfahrung sammelte er als Mitbegründer im Quartetto Russo. Neben dem russischen Repertoire, u.a. mit allen 15 Quartetten Schostakowitschs, widmet sich das Borodin-Quartett besonders gerne Beethoven und der Romantik.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 8, e-moll, op. 59, Nr. 2 «2. Rasumovsky-Quartett» (1806)

Allegro
Molto adagio
Allegretto - Maggiore (Thème russe)
Finale: Presto

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 3, F-dur, op. 73 (1946)

Allegretto
Moderato con moto
Allegro non troppo
Adagio –
Moderato

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 8, e-moll, op. 59, Nr. 2 «2. Rasumovsky-Quartett»)

Das Opus 59 ist offensichtlich als Zyklus konzipiert. Zu dessen für das damalige Publikum schwierigen Zügen hat sicher der sinfonische Tonfall beigetragen, zu dem, angeregt durch die Qualitäten des Schuppanzigh-Quartetts, weitere Elemente wie spieltechnische Ansprüche, die Harmonik und die Rhythmik hinzutreten. Im Gegensatz zum F-dur-Quartett (Nr. 1) bleibt das zweite der Rasumowsky-Quartette stärker der Tradition verpflichtet. Es wirkt wie die Antithese zum kühnen ersten – das dritte in C-dur würde dann die Synthese bilden. Auf den düsteren Kopfsatz, einen Vorgriff auf op. 95 in f-moll, folgt ein zunächst scheinbar lichter Adagio-Choral – Czerny berichtet, er sei Beethoven beim Anblick des Sternenhimmels eingefallen. Durch Beifügen von Gegenstimmen und rhythmischen Kontrapunkten löst sich der Choral-Charakter immer mehr auf. Im fünfteiligen rhythmisch pointierten Scherzo fällt im Trio das aus Mussorgskys Boris Godunow bekannte Thème russe ins Ohr. Beethoven fand es in einer Sammlung russischer Volkslieder von Iwan Pratsch, die erstmals 1790 in St. Petersburg erschienen war. Das Finale weist, nicht nur mit dem Beginn in C-dur, auf das dritte Quartett, die Synthese des Opus, voraus.

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 3, F-dur, op. 73)

Das dritte Quartett dürfte neben dem siebten das beliebteste und eingänglichste Schostakowitschs sein. Er komponierte es in einer wenig ergiebigen Phase seines Schaffens; es ist das einzige vollendete Werk des Jahres 1946. Nach den dramatischen und unruhigen Jahren des Krieges, die der Komponist in seiner 7. und 8. Sinfonie so heroisch-wuchtig und eindrücklich dargestellt hat, verwundert uns dies kaum, jedenfalls weniger als die sowjetischen Zeitgenossen, die von ihm 1945 eine Siegessinfonie erwartet hatten - und heraus kam die spritzig-witzige 9. Sinfonie. So sah Schostakowitsch auch keinen Anlass für ein heroisches Quartett. Hinzu mochte kommen, dass nach den Jahren, in denen er als Komponist geradezu zu einem Volkshelden geworden war, eine Neuorientierung nötig wurde, und zwar eine, die auch der Kritik Stalins und der Partei vor dem Kriege (1935 im Anschluss an die Lady Macbeth von Mzensk) gerecht wurde. Trotz alledem ist das 3. Quartett kein leichtgewichtiges Werk: Scheinbar einfache Melodien durchlaufen alle zwölf Töne, chromatische Themen stehen neben schreiender Bitonalität; das Adagio, als Threnodie bezeichnet, will ernst genommen werden. Und doch wirkt das Groteske, etwa in der Parodie auf einen preussischen Parademarsch im 3. Satz, fast stärker.

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Auch Schostakowitsch orientiert sich in seinem 3. Quartett zwar am späten Beethoven, nimmt aber noch mehr den Charakter der eigenen, kurz zuvor abgeschlossenen locker-heiteren 9. Sinfonie, der ersten nach dem Krieg, wieder auf. Dies ist vor allem im Kopfsatz mit seinem tänzerischen Thema zu spüren. Ständig wechselnde Farben bestimmen die Klangwelt des scherzohaften Rondino, das dann aber unerwartet ruhig abschliesst. Darauf folgt - echte Kriegsreminiszenz oder „nur“ Parodie? - mit einem Pseudozitat eines preussischen Militärmarsches das eigentliche Scherzo. Die Groteske, ein Lieblingsstilmittel Schostakowitschs, die ohne Mahler nicht denkbar wäre, zeigt die Doppelbödigkeit an, die auch bei einem scheinbar heiteren Werk bei ihm nicht fehlt. So bekommt der doppelt geführte Schlusssatz, ein attacca ins eigentliche Finale übergehende Threnos-Adagio in Passacaglia-Form und ein umfangreiches Moderato, das auf die früheren Sätze motivisch zurückgreift, bei aller Heiterkeit noch mehr Gewicht und eine neue Tiefgründigkeit, insbesondere im pianissimo verklingenden Schluss, die zeigt, dass das Werk nicht eine locker-leichte Bewältigung der überwundenen Kriegsgefahr ist.