Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

859

7.2.2012, 20.15 Uhr (Zyklus B 86. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Konstantin Wolff, Bass-Bariton
Alexander Schmalcz, Klavier

Konstantin Wolff, 1978 in Giessen geboren, studierte bei Donald Litaker an der Musikhochschule Karlsruhe. 2004 gewann er den Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Preis der Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Sein Operndebüt gab er 2005 in Lyon unter William Christie in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» (Mercurio). In der Folgezeit sang er Hauptrollen u. a. in Händel-Opern in Zürich, Britten in Lyon, Monteverdis «Orfeo» in Aix-en-Provence, Cavallis «La Calisto» und Merniers «Frühlings Erwachen» in Brüssel. 2010/11 wirkte er bei der Uraufführung von Marc-André Dalbavies Gesualdo am Opernhaus Zürich mit. Dazu kamen im Festspielhaus Baden-Baden Così fan tutte (Don Alfonso) sowie ein konzertanter Don Giovanni (Masetto) an der Seite von Rolando Villazon, Joyce di Donato und Diana Damrau. In Händels Rodelinda sang er unter Nikolaus Harnoncourt am Theater an der Wien. Zu seinem Konzertrepertoire gehören zahlreiche Werke Händels, Bachs, Haydns «Schöpfung», Beethovens Neunte Sinfonie, Mendelssohns «Paulus» und die Requien von Mozart, Dvořák und Fauré. Konstantin Wolff arbeitete mit Dirigenten wie Ton Koopman, René Jacobs, Claudio Abbado, Simon Rattle, Marc Minkowski oder Riccardo Chailly zusammen. Er ist auch als Liedinterpret gefragt und gab gemeinsam mit Trung Sam zahlreiche Liederabende, u.a. bei der Schubertiade Schwarzenberg. 2008 erschien sein erstes Rezital «Victor Hugo en musique». Unterdessen sind weitere CDs und DVDs erschienen bzw. geplant.

Alexander Schmalcz erhielt seinen ersten Klavierunterricht als Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Später studierte er in Dresden, Utrecht und London, wo u. a. Graham Johnson sein Lehrer war. 1996 gewann er den Gerald Moore Award und den Megan Foster Accompanist Prize. Er tritt in den wichtigsten Musikzentren Europas und bei den bedeutenden Festivals auf. Neben Sängern begleitet er auch Instrumentalisten wie Albrecht Mayer (Oboe) oder Dimitri Ashkenazy (Klarinette). Zahlreiche seiner Konzerte wurden über NHK, BBC, BR, SWR und den Niederländischen Rundfunk verbreitet. Seit 1999 unterrichtet er an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf und weltweit in Meisterkursen. Die 2011 bei harmonia mundi veröffentlichte CD «Nacht und Träume» mit Schubert-Liedern, interpretiert von Matthias Goerne, hat ein überaus positives Presseecho erfahren.
Seit der Spielzeit 2010/2011 ist Alexander Schmalcz Kurator einer von den Hamburger Symphonikern durchgeführten Reihe von Liederabenden.

Franz Schubert (1797-1828)

Fünf Lieder nach Texten von Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus D 674 (1819) *
Grenzen der Menschheit D 716 (1821) *

Meeres Stille, op. 3/2, D 216 (1815) *

Sehnsucht D 123 (1814) *

Willkommen und Abschied op. 56/1 D 767 (1822)

Franz Liszt (1811-1886)

Tre Sonetti di Petrarca (Francesco Petrarca) S 270 (1838/39 oder 1842-46, veröffentlicht 1847, rev. 1861) *

Pace non trovo (Sonett 104)

Benedetto sia ’l giorno (Sonett 47)

I’ vidi in terra angelici costumi (Sonett 123)

Franz Liszt

Kling leise, mein Lied (Johann Rumpelmeyer) S 301/1 (1848) *

Die drei Zigeuner (Nikolaus Lenau) S 320 (1860) *

Es war ein König in Thule (Johann Wolfgang von Goethe) S 278 (1842, rev. 1856) *

Über allen Gipfeln ist Ruh (Johann Wolfgang von Goethe) S 306 (1848, rev. 1859) *

Gustav Mahler (1860-1911)

Sechs Lieder aus «Des Knaben Wunderhorn»

Trost im Unglück (1892) *

Rheinlegendchen (1893)

Des Antonius zu Padua Fischpredigt (1893)

Selbstgefühl (1888-91) *

Starke Einbildungskraft (1888-91) *

Lob des hohen Verstands (1896)

Nachlese zum Liszt- und Mahlerjahr oder: Anfang und Ende vom Lied

Mit Schubert beginnt – noch neben den Liedern Beethovens, der selbst wenig von der Liedkomposition hielt – die Blüte des deutschen romantischen Lieds. Und sie beginnt mit einem auch später nie wirklich übertroffenen Höhepunkt. Erstaunlich in Schuberts Schaffen ist, wie – im Gegensatz etwa zu den Instrumentalwerken – gleich in früher Zeit hochbedeutende Liedkompositionen entstehen (natürlich, wie während seines ganzen Liedschaffens, neben schwächeren). Unter seinen rund 600 Liedern finden sich, teils in mehrfachen Fassungen, vertont zwischen 1814 und 1826, 57 Goethe-Gedichte. Viele gehören zu den bekanntesten wie «Heidenröslein» oder «Erlkönig». Die Auseinandersetzung mit Goethetexten begann am 19. Oktober 1814 mit «Gretchen am Spinnrade», das man «das Wunder des ersten modernen deutschen Klavierliedes» genannt hat (MGG, alte Ausgabe, 12, 158). Es verwundert nicht, dass Schubert «Erlkönig» (Herbst 1815) und das Gretchen-Lied zu seinen Opera 1 und 2 bestimmt hat. Ihm folgten – wie oft bei Schubert – noch im gleichen Jahr weitere Vertonungen desselben Dichters, darunter am 3. Dezember die heute aufgeführte «Sehnsucht» (1810 auch von Beethoven vertont). Neue folgten 1815 und 1816, so dass 1816 Schuberts Freund Spaun ein Konvolut mit 16 Liedern Goethe zukommen lassen konnte. Der aber, der «Ton- und Gehörlose, obgleich Guthörende», wie er sich selbst bezeichnete, schaute sie wohl nicht einmal an. Darunter war neben «Gretchen am Spinnrade», «Erlkönig», «Heidenröslein», «Der Fischer» aus der heutigen Auswahl die «sehr langsam, ängstlich» vorzutragende «Meeres Stille». Aus der mittleren Schaffensperiode stammen die drei übrigen Goethe-Vertonungen des Programms. Unter ihnen sticht – wie bereits das Goethe-Gedicht exzeptionell ist – «Prometheus» hervor. Die kühne Protesthaltung des Titanen findet in der rezitativischen Gestaltung adäquaten Ausdruck, ermöglicht jedoch neben dem Herausschleudern der Kritik auch lyrisch-gebundene Passagen, seien sie spöttisch wie bei «Ihr nährt kümmerlich» oder wehmütig bei «Da ich ein Kind war». Gross ist der Kontrast zur Ergebenheit, wie sie im vorangehenden «Grenzen der Menschheit» in feierlichem Ton erklingt. «Willkommen und Abschied» nimmt die lebhafte Energie des frühen Goethe-Liedes «Rastlose Liebe» (D 138, 1815) auf.

Die Mitte des romantischen deutschen Liedes repräsentiert die Komponistengeneration von Mendelssohn und Schumann bis Brahms. An Liszt denkt man weniger, gilt er doch vor allem als Klavierkomponist. Vielleicht kommen einem noch Orchesterwerke wie Les Préludes in den Sinn; im Vokalen waren in Folge des 200. Geburtstags in letzter Zeit religiöse Werke (Messen und Oratorien) vermehrt zu hören. Erst mit der Zeit erinnert man sich vielleicht an einige Lieder wie «Es muss ein Wunderbares sein» (1857) oder Heines «Loreley» (1841) – dabei hat Liszt über 80 Lieder geschrieben. Kennern von Liszts Klaviermusik sind drei Petrarca-Sonette für Klavier solo vertraut. In der Tat gehen diese Stücke (separat publiziert 1846 bei Haslinger Wien, 1858 revidiert und in die «Années de pèlerinage», 2. Band Italie, aufgenommen) auf die gleichen Wurzeln zurück wie die Liedfassung (Tenorfassung publ. 1847 bei Haslinger Wien). (Die hier verwendete Nummerierung der Sonette ist die von Liszt verwendete; spätere Petrarca-Ausgaben zählen anders.) Liszt hat einen Grossteil seiner Werke immer wieder umgearbeitet oder neue Fassungen davon erstellt, so auch in diesem Fall. Die Petrarca-Gesänge gehören zu Liszts frühen Liedern; sie entstanden unter dem Eindruck der Italienreise von 1837-39 wohl kurz danach, jedenfalls vor 1846 – eine Zeit, in der Liszt auch mehrere Schubert-Lieder für Klavier solo bearbeitet hat, darunter «Meeres Stille». Auf jener Reise mit Marie d’Agoult kam übrigens am 24. Dezember 1837 in Como ihre gemeinsame Tochter Cosima zur Welt. Eine 2. Fassung mit einer deutschen Textversion des Komponisten Peter Cornelius stammt von 1883. Die drei Sonett-Vertonungen gehören zu Liszts bedeutendsten Liedkompositionen. Sie beleuchten die Texte zwischen Verinnerlichung und Pathos schwankend. Übrigens hat auch Schubert 1818 drei Petrarca-Sonette vertont (D 628-630). Die meisten der Liszt-Lieder greifen auf deutsche Texte zurück. Goethes «Wandrers Nachtlied II» ist eines der bekanntesten; es lässt sich durchaus mit Schuberts Vertonung vergleichen. Eine religiöse Note kommt am Anfang und Schluss durch einen Choral zustande. Das hübsche Ständchen «Kling leise, mein Lied» liegt (auch textlich) in zwei Versionen vor. Bei Lenaus balladenhaften «Drei Zigeunern» erinnern Anklänge an Zigeunermusik wie Zymbalklänge, die «Zigeuner-Tonleiter» und die Gliederung in die Teile Lassu und Frisk an Liszts Ungarische Rhapsodien. Hier haben wir Liszt, wie wir ihn zu kennen glauben.

Ans Ende des romantischen deutschen Lieds am Beginn des 20. Jahrhunderts darf man Mahler stellen, setzt er doch in Sinfonie und Lied, die bei ihm nicht zu trennen sind, eindeutig einen Schlusspunkt am Bruch zur modernen Musik. Neben ihm wären Hugo Wolf, der nach 1897 nicht mehr komponiert hat, und Richard Strauss zu nennen, welcher erst 1948 mit den «Vier letzten Liedern» die Romantik definitiv beendet hat. Und natürlich wurden an der Wende zum 20. Jahrhundert und in dessen erster Hälfte noch eine grosse Zahl bedeutender Lieder von spät-, neu- und postromantischen Komponisten geschrieben. Doch Mahler bildet in seiner eigenen Auffassung von Romantik und romantischen Texten tatsächlich einen Schlusspunkt. Dazu bot ihm die Wunderhorn-Sammlung von Achim von Arnim und Clemens Brentano das geeignete (Roh-)Material. Wie schon die Sammler, Brentano vor allem, mit den Texten frei umgingen, so auch Mahler. Er benutzte je nach Bedarf Textpassagen, die er für geeignet hielt, liess manches aus, ergänzte, änderte und fügte neu zusammen (etwa in «Wo die schönen Trompeten blasen»). Die Vertonungen von Texten aus «Des Knaben Wunderhorn» stammen aus den Jahren 1888 bis 1901. Die ersten neun, entstanden bis 1891, erschienen 1892 als reine Klavierlieder. Zu ihnen gehören die heute aufgeführten «Selbstgefühl» und «Starke Einbildungskraft». Weitere 15 schrieb Mahler ab 1892 bis Juni 1901 («Der Tamboursgsell»), fünf unter dem Titel «Humoresken» davon gleich zu Beginn ab Januar 1892 (im März/April orchestriert), darunter das heute zu hörende «Trost im Unglück». Auch die übrigen erhielten eine Orchesterfassung; manche fanden Aufnahme in den Sinfonien, sei es vokal oder rein instrumental, so «Des Antonius zu Padua Fischpredigt» (dessen Text auf Abraham a Sancta Clara zurückgeht) in der 2. Sinfonie. Dies hatte auch zur Folge, dass die ursprüngliche Klavierbegleitung lange vergessen war, denn die Universal Edition brachte nach Mahlers Tod 1914 eine eigene Klavierversion heraus, die sich an den Orchesterfassungen orientierte. So waren sie jahrzehntelang zu hören. Erst die Neue kritische Gesamtausgabe hat dem Original 1993 wieder zu seinem Recht verholfen.