Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

861

20.3.2012, 20.15 Uhr (Zyklus B 86. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Pacifica Quartet (Urbana-Champaign)

Das 1994 gegründete amerikanische Pacifica Quartet erlangte mit drei bedeutenden Kammermusik-Preisen sehr schnell internationale Anerkennung: 1996 erhielt es den Grand Prize der Coleman Chamber Music Competition, 1997 folgte der Wettbewerb der Concert Artists Guild und 1998 wurde dem Quartett der begehrte Naumburg Chamber Music Award verliehen. Weitere Preise und Auszeichnungen folgten: 2002 ermöglichte der Cleveland Quartet Award von Chamber Music America dem Pacifica Quartet Konzerte in den wichtigsten Konzertsälen der USA. Ab Herbst 2003 waren die Musiker für zwei Jahre Resident Quartet der Lincoln Center Chamber Music Society. Seit 2004 sind die Pacificas Quartet in residence an der bedeutenden University of Illinois in Urbana-Champaign. Das Pacifica Quartet hat eine weithin beachtete Einspielung mit Kammermusik von Dvorak und die Gesamtaufnahme der Streichquartette von Easley Blackwood vorgelegt. Die Gesamtaufnahme der Streichquartette von Mendelssohn erntete großes Lob der Kritik. 2006 erschien eine CD mit Werken von Paul Hindemith, Ruth Crawford Seeger und Leos Janacek. Das Quartett hat alle fünf Streichquartette von Elliott Carter – nach früheren zyklischen Aufführungen seit 2002 – am 30.1.2008 in Anwesenheit des Komponisten im Lincoln Center New York und danach in anderen amerikanischen Städten und in Tokio aufgeführt; 2009 folgen London und Lissabon (Gesamtaufnahme auf Label Naxos).

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 9, Es-dur, op. 117 (1964)

Moderato con moto –
Adagio –
Allegretto –
Adagio –
Allegro

Elliott Carter
1908-2012

Streichquartett Nr. 5 (1994-95)

Introduction
Giocoso
Interlude I
Lento espressivo
Interlude II
Presto scorrevole
Interlude III
Allegro energico
Interlude IV
Adagio sereno
Interlude V
Capriccioso

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 14, d-moll, op. post., D 810 «Der Tod und das Mädchen» (1824/26)

Allegro
Andante con moto
Scherzo: Allegro – Trio
Presto

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 14, d-moll, op. post., D 810 «Der Tod und das Mädchen»)

Im Februar und März 1824 war Schubert in einer Art Schaffensrausch «unmenschlich fleissig» (Schwind). Neben dem am 1. März beendeten Oktett kündigt er drei Streichquartette an. Nur das a-moll-Quartett erlebt am 24. März seine Uraufführung und erscheint im Druck. Doch auch das d-moll-Werk muss damals entstanden sein, wird aber erst 1826 geprobt (Schubert nimmt dabei noch Korrekturen vor) und am 1. Februar erstmals aufgeführt. Hat Schubert das düstere Werk – alle vier Sätze stehen in Moll – wegen seiner Kühnheit zurückbehalten? Denn was er im Harmonischen und mehr noch im Ausdruck erreicht, ist selbst im Vergleich mit Beethovens Spätwerk neuartig. Schon in der Wahl der Variationenvorlage ist Todesnähe erkennbar. Das Todesmotiv tritt in Verbindung mit dem für Schubert so typischen Wanderrhythmus des Daktylus: lang-kurz-kurz. Der Tod kommt als Wanderer, Verkörperung von Fremdsein und Ausgeschlossensein (Denken wir an den wandernden Müllerburschen und an den Wanderer der Winterreise!), daher. Im Lied sanft und friedlich (Bin Freund und komme nicht zu strafen...), lange nicht so traurig wie der Leiermann am Ende der Winterreise, zeigen einige Variationen seine gewalttätige Macht. Noch gewaltsamer ist sein Auftritt in der Reiterhektik des Finale, wo plötzlich des Knaben Frage Siehst Vater du den Erlkönig nicht? aufscheint. So endet das Quartett in einer Art Totentanz und erreicht eine existenzielle Ausdruckskraft, die um 1824/26 ebenso schauerlich wirken musste wie die Lieder der Winterreise.

(zu Carter, Streichquartett Nr. 5)

Elliott Carter, fast auf den Tag ein Altersgenosse von Olivier Messiaen, darf einer der grössten modernen Komponisten der USA genannt werden. Er macht nicht durch spektakuläre, die Publizität suchende Auftritte auf sich aufmerksam, sondern durch seine gediegene, sorgfältige, aber nichtsdestoweniger lebendige Musiksprache. Er will – bei aller Radikalität – nicht aufbegehren, sondern kommunizieren. Er sucht die «fokussierte Freiheit» des Diskurses, nicht die Konfrontation. Mit Basel ist Carter durch eine enge Beziehung zu Heinz Holliger verbunden. Das fünfte seiner Streichquartette (Dauer: gut zwanzig Minuten) will zu den vorangehenden, äusserst kontrastierenden Quartetten Ergänzung und Unterschied zugleich sein. Carter wählte dafür eine neue, eigene Form. Sechs suitenartige Sätze (gerade Satzzahl) werden durch eine Einleitung und fünf Interludien getrennt. Dabei sind die Suitensätze sorgfältig durchgearbeitete Charakterstücke: «ein flüchtiges Giocoso, ein Lento espressivo mit langsam sich verlagernden Akkorden, ein hastiges, scherzoähnliches Presto scorrevole, ein rhetorisch ausdrucksvolles Adagio sereno mit hohen Flageoletttönen und schliesslich eine eigentümliche Pizzicato-Coda mit der Bezeichnung Capriccioso» (B. Northcott). Einleitung und Zwischenspiele dagegen wirken, obwohl sie genau notiert sind, frei, ja zufällig. Wie wenn Musiker während der Pausen einer Probe einzelne Passagen ihres Parts spielen, werden Elemente aus den Suitensätzen aufgenommen. So wird das gleiche musikalische Material «im Zusammenhang der Ordnung und der (scheinbaren) Unordnung hörbar».