Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

865

6.11.2012, 19.30 Uhr (Zyklus A 87. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Carmina Quartett (Zürich)
Xavier de Maistre, Harfe

Enderle, Matthias, Violine 1
Frank, Susanne, Violine 2
Champney, Wendy, Viola
Goerner, Stephan, Violoncello

Zwölfmal ist das Carmina Quartett in unseren Konzerten mit grossem Erfolg aufgetreten, oft im Zusammenspiel mit bedeutenden weiteren Musikern. Grosse musikalische Intensität, selbstverständliche Perfektion und ein waches Interesse für stilistische Werktreue kennzeichnen das 1984 in der Schweiz gegründete Quartett seit jeher. Früh ebneten spektakuläre Wettbewerbserfolge den Weg auf die Konzertpodien der Welt. Zu den Mentoren des Quartetts gehörten das Amadeus- und das La Salle Quartett, Sandor Végh und Nikolaus Harnoncourt. Die Zusammenarbeit mit ihnen förderte ein Verständnis für die historische Spielweise, die seither undogmatisch und lebendig die Interpretationen des Carmina Quartetts prägt. Das Quartett pflegt ein grosses Repertoire, das Raritäten aller Epochen einschliesst, und spielt regelmässig Uraufführungen zeitgenössischer Schweizer Komponisten. Seine CD-Aufnahmen lösten bei Kritik und Publikum einhellige Bewunderung aus und wurden mit renommierten Auszeichnungen bedacht. Die neuesten Aufnahmen mit Sabine und Wolfgang Meyer enthalten die Klarinettenquintette von Brahms und Mozart; das Klavierquintett und das «Amerikanische» Streichquartett von Dvořák werden folgen.

Xavier de Maistre, Harfe

1973 in Toulon geboren, wurde Xavier de Maistre zuerst am Konservatorium seiner Heimatstadt ausgebildet und vervollständigte seine Studien in Paris. Gleichzeitig studierte er Politische Wissenschaften in Paris und später in London. 1995 wurde er Soloharfenist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks; 1998 gewann er die renommierte USA International Harp Competition in Bloomington. 1999 erfolgte das Engagement als Soloharfenist bei den Wiener Philharmonikern, das er 2010 aufgab, um sich ganz seiner Solokarriere zu widmen. Als Solist konzertiert Xavier de Maistre regelmässig in bedeutenden Konzerthäusern Europas, Japans und der USA und tritt mit zahlreichen renommierten Orchestern auf. Seit 2001 ist er Professor an der Musikhochschule Hamburg.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. 74 «Harfenquartett» (1809)

Poco Adagio – Allegro
Adagio ma non troppo
Presto – Più presto quasi prestissimo –
Allegretto con Variazioni – Un poco più vivace – Allegro

E. T. A. Hoffmann
1776-1822

Quintett c-moll für Harfe, 2 Violinen, Viola und Violoncello, AV 24 (1807)

Allegro moderato
Adagio
Allegro

Claude Debussy
1862-1918

Deux Danses pour harpe chromatique et cordes, L. 103 (1904)

Danse sacrée
Très modéré – En animant peu à peu – 1° Tempo –
Danse profane
Modéré – Animez – 1° Tempo – Retenu – Le double moins vite – 1° Tempo – Retenu

André Caplet
1878-1925

Conte fantastique d’après „Le Masque de la Mort Rouge“ d’ Edgar Allan Poe pour harpe et quatuor à cordes (1908/1923)

Modéré – Animé – Rythmé – Modéré – Largement – Animé

Harfenklänge

Die Harfe ist ein seltener Gast in unseren Konzerten (bisher sechs Mal). Dabei bildet die Verbindung von angerissenen («geschlagenen») und gestrichenen Saiten eine reizvolle Besetzung für originelle Klänge. Ob Beethoven, der die Harfe nur zweimal eingesetzt hat, konkret an dieses Instrument gedacht hat, als er im Sommer 1809 ein leichteres, doch klanglich apartes 10. Streichquartett komponierte, ist nicht belegt – der Name «Harfenquartett» jedenfalls stammt nicht von ihm. Der Beginn des Kopfsatz-Allegro, dem ein motivisch vorbereitendes Poco Adagio vorangeht, evoziert mit arpeggierenden Pizzicati tatsächlich Harfenklänge. Doch hat das Quartett durchaus auch kräftige Züge: In der Durchführung des Kopfsatzes entfalten die Harfenklänge zusammen mit Elementen des Hauptthemas in den Streichern dramatische Kraft und entfernen sich von der anfänglichen Heiterkeit – beides liegt im Potential dieser neuen Klanglichkeit. Auch das Adagio in As-dur setzt neben Kantilenen auf Expressivität; auch die Pizzicati tauchen nochmals auf. Das nicht ausdrücklich als Scherzo bezeichnete Presto in c-moll wird von einem ständig wiederholten Motiv – man denkt an die «Fünfte» – beherrscht, und der zweifache Trioteil, zum Prestissimo gesteigert, lässt durch sein Dauerfortissimo Heiterkeit vergessen. Erst das attacca anschliessende Variationenfinale mit einem liebenswürdigen Thema führt zu Beruhigung und bekräftigt den Hauptcharakter des Werks.

1795 schrieb der später als Schriftsteller berühmte und als Jurist tätige E. T. W. Hoffmann an seinen Schulfreund Theodor Gottlieb von Hippel: «Wenn ich von mir selbst abhinge, würd’ ich Componist.» Da trug er noch seinen wirklichen dritten Vornamen Wilhelm. Erst 1805 hat er ihn, aufgrund des Wunsches, Musiker und Komponist zu sein, aus Verehrung für Mozart in Amadeus geändert – doch das wurde amtlich nie anerkannt. Schriftsteller wurde Hoffmann erst, nachdem der Musikertraum geplatzt war. Denn weder als Dirigent noch als Musikdirektor, etwa in Bamberg, war ihm Erfolg beschieden; auch als Komponist gelang diesem vielbegabten «Capellmeister Kreisler» – die literarische Figur, in der er sich selber sah – trotz Erfolgen der Durchbruch nicht. Wie kam er dazu, ein Harfenquintett zu komponieren? Einmal abgesehen von der wichtigen Rolle der Harfe in der Frühromantik (etwa bei Spohr, der mit einer Harfenistin verheiratet war) hatte auch der verehrte Mozart für dieses Instrument komponiert (KV 299). Schon 1795 hat Hoffmann angefangen Harfe zu spielen (Brief an Hippel): «Weisst Du, dass ich auf der Harfe spiele? – Schade ist’s nur, dass ich mich nicht zwingen kann auf der Harfe nach Noten zu spielen, sondern nur immer fantasire, wodurch ich aber viel Fertigkeit gewinne.» 1807 bot Hoffmann sein offenbar kurz zuvor entstandenes Quintett einem Verleger, 1808 auch Hans Georg Nägeli in Zürich an. Mochte er auch von Mozart und frühromantischen Komponisten beeinflusst sein, war er doch eigenständig und eigenwillig genug, eigene Konzeptionen vorzulegen. Im Harfenquintett ist die Reduzierung der verschiedenen Themen auf eine neue Art Monothematik, die deutlich über Früheres hinausgeht, erstaunlich, was auf eine übergeordnete Werkeinheit hinzielt. Man hat dabei eine Permutationstechnik ausgemacht, die vor allem im Finale – es beginnt mit einer Art «beschwingtem B-A-C-H-Motiv» – Bedeutung gewinnt.

Debussy hat sich aufgrund von Kompositionsaufträgen der Harfe zugewandt. Beim ersten steht ein Konkurrenzkampf dahinter: Die beiden führenden Pariser Klavierbaufirmen entwickelten Ende des 19. Jahrhunderts neue Harfentypen, Pleyel eine chromatische Harfe mit gekreuzten Saiten, Erard eine Doppelpedalharfe. Beiden gelang es 1904/05, je einen führenden Komponisten für ihre Sache zu gewinnen: Pleyel Debussy mit seinen «Deux Danses», Erard Ravel mit «Introduction et Allegro» für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett. Debussys attacca verbundene Danses sind in gemässigtem Tempo gehalten, wobei in der Danse profane die häufigeren Tempowechsel auch raschere Bewegungen zulassen. Die Harfe ist in diesem nicht eigentlich als Kammermusik gedachten Werk weitgehend solistisch behandelt, während die Streicher die Akkorde als Grundlage für das virtuosere (Figuren-)Spiel der Harfe liefern, doch auch zur thematischen Entwicklung beigezogen werden.

Edgar A. Poe’s Arabeske «The Masque of the Red Death» (1842) beginnt so: Der ‚Rote Tod’ hatte lang das Land verheert. Nicht eine Pestilenz je war so voll Verderben, so scheusslich graus gewesen. (...) Doch der Fürst Prospero war glücklich und beherzt und von besonderem Kunstsinn. Als seine Lande halb entvölkert waren, forderte er wohl tausend gesunde und frohmutige Freunde unter den Rittern und Damen seines Hofes vor sein Angesicht, und mit ihnen zog er sich in die tiefe Abgeschiedenheit einer seiner befestigten Abteien zurück. (...) Der Fürst hatte Fürsorge getroffen für jede Art Zerstreuung. Possenreisser waren zur Stelle, Improvisatoren, Ballett-Tänzer auch und Musikanten, da gab es Schönheit, da gab es Wein. All dies und Sicherheit waren drinnen. Draussen war und blieb der ‚Rote Tod’. Es ging gegen Ende des fünften oder sechsten Monds seiner Zurückgezogenheit, da vereinte Fürst Prospero, indessen draussen die Pestilenz am wildesten wütete, all seine tausend Freunde auf einem Maskenball von allerhöchster Pracht. Es war ein zügellos wollüstliches Schauspiel, dieses Maskenfest. Klar, dass den vermauerten Zugängen zum Trotz der Tod maskiert ebenfalls erscheint. Mit jedem Stundenschlag nimmt seine Macht zu und sein Terror erfasst die Anwesenden immer stärker. Am Ende fällt ihm alles zum Opfer.

André Caplet, erfolgreicher Rompreisgewinner (vor Ravel) und Dirigent aus Le Havre, war später Mitarbeiter Debussys, für den er orchestrierte. Als Komponist war er vor allem nach seiner im 1. Weltkrieg erlittenen Lungenverletzung aktiv. Schon 1908 schrieb er eine «Etude symphonique pour harpe chromatique principale et orchestre»; 1923 überarbeitete er sie für Harfe und Streichquartett, diesmal für die Harfe Erards. Der Partitur stellte er Zitate aus Poes Arabeske voran – im Stück selber hören wir das Klopfen des Todes an die Tür und die zwölf Glockenschläge der alten Uhr. Caplet nutzt die Möglichkeiten klanglicher Wirkungen in der Spieltechnik der Streicher. Die Harfe stellt wohl die Hauptperson dar, wie sie, zuerst nur latent, später real anwesend, laut Debussy «organise la terreur». Ohne in Details die Handlung instrumental darstellen zu wollen, gelingt es Caplet, zwischen erzählender Darstellung und der Stimmung zu vermitteln, wie unheimliche Spannung und Schrecken zunehmen. Was er ausdrücken wollte, sagt er im der Partitur vorangestellten Satz: «Dans une atmosphère lourde d’angoisse et d’épouvante, c’est, brusque et hideuse, l’apparition du Masque de la Mort rouge, dont le rictus diabolique dénonce la joie rageuse et impitoyable de tout livrer à l’anéantissement.»