Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

866

13.11.2012, 19.30 Uhr (Zyklus A 87. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

In Zusammenarbeit mit CULTURESCAPES Moskau 2012

Jerusalem Quartet (Jerusalem)

Pavlovsky, Alexander, Violine 1
Bresler, Sergei, Violine 2
Kam, Ori, Viola
Zlotnikov, Kyril, Violoncello

Das Jerusalem Quartet, 1993 in Jerusalem gegründet, machte sich im internationalen Musikleben rasch einen Namen: es gewann 1996 den ersten Preis für Kammermusik der Jerusalem Academy und 1997 einen Doppelpreis beim internationalen Wettbewerb von Graz, wo es mit Werken von Kurtág und Bartók glänzte. Von 1999 bis 2001 wurde das Quartett von der BBC gefördert (BBC New Generation Artists) und erhielt 2003 den erstmals verliehenen Borletti-Buitoni Trust Award. Inzwischen ist das Jerusalem Quartet eine feste Grösse des europäischen und amerikanischen Musiklebens geworden und gastierte in der Londoner Wigmore Hall, im Concertgebouw Amsterdam, in Berlin, Dortmund und Köln, ebenso in Brüssel, Paris, München, Luxemburg, Genf, Chicago, New York und Washington, dazu in Australien und Japan. Es nahm an den Vancouver Recital Series, am Verbier Festival und an der Schubertiade Schwarzenberg teil. 2007 gab das Quartett Konzerte in Australien und Japan. Von 2006 bis 2009 war es Quartet-in-Residence im Rahmen der australischen Organisation Musica Viva. Das Jerusalem Quartet arbeitet regelmässig mit Mitsuko Uchida, Jessye Norman, Daniel Barenboim, Tabea Zimmermann, Natalia Gutman, Boris Pergamenschikow und mit dem Vermeer und Pražák Quartett und vielen anderen Künstlern zusammen. Seine Aufnahmen, exklusiv für harmonia mundi, wurden mehrfach mit internationalen Preise ausgezeichnet, darunter Quartette von Haydn, Schubert, Mozart und Schostakowitsch. Gerühmt wurde auch die letzte CD-Aufnahme: Schumanns Klavierquintett und -quartett mit Alexander Melnikov. In dieser Saison spielt das Jerusalem Quartet neben anderen Programmen mehrmals den ganzen Schostakowitsch-Zyklus, u. a. in Tel Aviv, Mexico City, New York (Lincoln Center) und Madrid.

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 4, D-dur, op. 83 (1949)

Allegretto
Andantino
Allegretto
Allegretto

Streichquartett Nr. 5, B-dur, op. 92 (1951)

Allegro non troppo
Andante – Andantino – Andante –
Moderato – Allegretto – Andante

Streichquartett Nr. 6, G-dur, op. 101 (1956)

Allegretto
Moderato con moto
Lento –
Lento – (Allegretto) – Andante – Adagio

Streichquartette – Rückzug ins Private? Oder: pianissimo morendo

Die Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren wie die vor dem Krieg für Schostakowitsch äusserst schwierig. Die KPdSU drangsalierte die Kulturschaffenden, da ihre Werke dem Volk und der Partei nicht gefielen, und stempelte sie als Formalisten, Abweichler und Volksfeinde ab. Werke, die wie die Leningrader Sinfonie (1941) während des Kriegs erfolgreich waren, wurden kritisiert, vor allem die lockere „Sinfonie classique“ Nr. 9 (1946): „In welcher Zwergengestalt erschien uns Schostakowitsch in seiner Symphonie Nr. 9 angesichts der Grösse des Sieges.“ Auf den Komponisten-Kongressen wurden Schostakowitsch und andere gedemütigt. Im Herbst 1948 verlor er seine Professuren in Moskau und Leningrad. Im März 1949 delegierte ihn Stalin persönlich gegen seinen Willen an den Panamerikanischen Kongress für Kultur und Friedenssicherung in New York. „Sein“ Referat allerdings, ein Parteipapier, las dort ein Sprecher auf Englisch mit – gemäss Presseberichten – Inhalten übelster Art vor. Gleichwohl jubelte man Schostakowitsch zu. Wenigstens hörte er im Rahmen des Kongresses Bartóks Streichquartette Nr. 1, 4 und 6.

Ob diese Erlebnisse und Eindrücke ein Grund dafür waren, dass der Komponist Anfang Mai sein 4. Streichquartett zu schreiben begann (vollendet am 27. Dezember), ist nicht nachzuweisen. Vielleicht ist man zu rasch zur Einschätzung bereit, Streichquartette bedeuteten einen Rückzug ins Private. Sinfonien blieben allerdings vorerst zurückgestellt; die grosse 10. mit Stalins groteskem Porträt war erst nach dessen Tod möglich. Gegenüber den Vorgängern ist das neue Quartett ein verinnerlichtes, lyrisches Werk. Es legt alles Pathos ab, wirkt zurückgenommen. Es beginnt präludiumshaft mit einem eher ruhigen, kurzen Allegretto. Über liegenden Basstönen spielen die Geigen einen Zwiegesang, der nach dreissig Takten in einen dynamischen Höhepunkt mündet, später aber zurückkehrt. Östliche Volksmusik mit Dudelsackweisen klingt an, ist aber nirgends Zitat. Das Andantino in f-moll, einer der berührendsten Sätze des Komponisten, ist ein lyrischer Gesang der Primgeige, dem 2. Geige und Bratsche eine einfache rhythmische Struktur hinzufügen. Später tritt das Cello mit einer Gegenlinie hinzu. Zuletzt nimmt die 1. Geige die Führung wieder auf, und der Satz verklingt wie der erste im Pianissimo morendo. An Stelle eines Scherzos steht ein Allegretto in c-moll, das trotz mancher Bewegung verhalten, ja fahl wirkt (1. Teil con sordino) und ebenfalls pianissimo endet. Attacca schliesst, sich aus dem pp entwickelnd, das Finale an, ein Rondo. Es schöpft seine Melodien aus jüdischer Volksmusik, die in kurzen, sich wiederholenden Gedanken erscheinen. Die Bratsche übernimmt die Führung, tritt sie dann an die Primgeige ab. Auch dieser Satz wirkt zurückhaltend, voller Trauer. Einzig im zentralen Höhepunkt steigert er sich zu tänzerischer Ausgelassenheit. Nach diesem volksmusikhaften Intermezzo leitet die Bratsche in den klagenden Schlussteil zurück, der erneut pp morendo in D-dur ausklingt.

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurde noch vor dem 4. (UA 3.12.1953) am 13. November 1953 das 5. Quartett uraufgeführt, beide in Moskau vom Beethoven Quartett. Schostakowitsch hatte das dem Beethoven Quartett zum 30jährigen Bestehen gewidmete neue Quartett am 7. September 1952 begonnen und am 1. November vollendet. Damit hatte er zum üblichen raschen Komponieren zurückgefunden. Das Werk hat drei etwa gleich lange Sätze und wird durch Überleitungen in eine einheitliche Grossform gegossen. Musikalisch besteht eine Verbindung zur im Sommer/Herbst 1953 komponierten 10. Sinfonie. Das Werk ist herber, impulsiver und sinfonischer als das 4. Quartett, gleichwohl reich an leisen und verinnerlichten Tönen. Der Kopfsatz beginnt mit einem Basston im Cello und einem dreitönigen Motiv in Halbtonschritten der Geigen. Dazwischen nimmt die Bratsche mit einem markanten Motiv zweimal Anlauf, bevor sie daraus das Hauptthema entfaltet; es besteht aus einem punktierten Achtel und Sechzehntel sowie drei folgenden Vierteln. Diese Fünftongruppe ist im Satz stark präsent. Ein sangliches Seitenthema der 2. Geige bildet einen Gegensatz, wird aber durch einen Ostinato-Rhythmus der 1. Geige „gestört“. Die Exposition wird wiederholt. Die dicht gewobene sinfonische Durchführung steigert sich zu grosser Expressivität; sie führt die 1. Geige in höchste Lagen. Die Reprise beruhigt das Geschehen. Zuletzt zerbröckelt der Fluss; darüber spielt die 1. Geige 26 Takte lang ein dreigestrichenes F, das drei weitere Takte ins Andante hinübergreift, wo die Bratsche nun con sordino das Hauptthema anstimmt. Der fast durchweg leise Satz mit gedeckten Farben wirkt elegisch, beinahe konturlos dahinfliessend. Eine synkopische Linie des Cellos in den beiden Andantino-Teilen bringt keine Bewegung in Gang. Der Schlusssatz scheint in diesem Bereich zu bleiben, bis ein Allegretto tänzerische Töne anschlägt, die sich aber zwischendurch verlieren. Dynamik und Expressivität nehmen zu, was an den Kopfsatzes erinnert. Nach einer Überleitung folgt nochmals eine „Tanzepisode“, bevor die Stimmung des 2. Satzes zurückkehrt – und einmal mehr endet ein Stück Schostakowitschs im Pianissimo morendo.

Das 6. Quartett entstand in knapp einem Monat im August 1956 und wirkt leichter – oder, wie Kritiker sagten, oberflächlicher. Es hat lange gebraucht, um ins Repertoire der Quartettensembles zu gelangen. Der Druck, unter dem Schostakowitsch bis 1953 gestanden hatte, schien nun weg, auch wenn die Chruschtschow-Ära mit dem vermeintlichen Tauwetter alles andere als freiheitlich war – man denke an die Pasternak-Affäre. Der Einbezug von Rhythmen und Melodik von Kinderliedern in den beiden ersten Sätzen betont das Russische. Ein leichter Ton, als ob Haydn dem Komponisten zum Vorbild geworden wäre, herrscht über weite Strecken im Kopfsatz. Nur kurz ist ein Fortissimo-Ausbruch mit teilweise heftigen Akkorden in der Mitte – schon kehrt Unbeschwertheit zurück. Auch dem 2. Satz fehlt die Schwere, aber auch die Schostakowitsch oft eigene Neigung zum Grotesk-Scheinheiteren. Lockerheit auch hier, dazu Geigenkantilenen in hohen Lagen, zeitweise vom Cello im Pizzicato heiter grundiert. Ernsthaftigkeit dann im Lento, einer Passacaglia über ein getragenes zehntaktiges Thema im Cello. In den Variationen 2 bis 4 tritt jeweils ein weiteres Instrument dazu; die 5. Variation wird erweitert und ohne das Thema fortgeführt. Variation 6 und 7 kehren zum zehntaktigen Thema zurück. Eine kurze Coda leitet zum Lento-Beginn des Finales über. Die 1. Geige trägt das freundliche Thema vor. Ein staccato-Thema im Cello bringt einen neuen Klang. Eine allmähliche Steigerung führt zum fff der beiden Geigen, und wird im nun leise gewordenen Geschehen vom staccato-Thema von Bratsche und Cello abgelöst. Der Satz wird im Andante immer ruhiger, nimmt in der Coda den Übergang des 3. zum 4. Satz wieder auf und endet lento – natürlich! – im pianissimo morendo.