Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

871

5.2.2013, 19.30 Uhr (Zyklus B 87. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Schweizer Klaviertrio
Paul Neubauer, Viola

Golubeva, Angela, Violine
Singer, Sébastien, Violoncello
Staub, Martin Lucas, Klavier

Neubauer, Paul, Viola

Das Schweizer Klaviertrio hat seit seiner Gründung 1998 zahlreiche Konzerte in 40 Ländern auf allen Kontinenten gegeben. Dabei konzertierte es in Konzertsälen wie der Tonhalle Zürich, der Victoria Hall Genève, der Wigmore Hall London, dem Concertgebouw Amsterdam, dem Teatro Coliseo Buenos Aires oder dem Shanghai Grand Theater. Es gewann erste Preise beim Internationalen Kammermusikwettbewerb in Caltanissetta 2003 und beim österreichischen Johannes-Brahms-Wettbewerb 2005. Im selben Jahr wurde dem Trio in der Wigmore Hall London der Swiss Ambassador’s Award verliehen. Wichtige künstlerische Impulse erhielt es von Menahem Pressler (Beaux Arts Trio), Stephan Goerner (Carmina Quartett), Valentin Berlinsky (Borodin Quartett), vom Wiener Altenberg Trio, dem Trio di Milano und dem Amadeus Quartett. Die Musiker folgen regelmässig Einladungen zu renommierten Festivals und leiten Meisterklassen in verschiedenen Ländern. Zahlreiche Radio- und Fernsehaufnahmen dokumentieren das künstlerische Schaffen des Ensembles. Dazu kommen CD-Einspielungen mit Werken von Mozart, Dvořák oder von Schweizer Komponisten (Paul Juon, Frank Martin und Daniel Schnyder). Seit 2011 veröffentlicht das Schweizer Klaviertrio seine Einspielungen beim Label audite, wo die Klaviertrios von Mendelssohn und Schumann erschienen sind. Von der internationalen Fachpresse werden die Aufnahmen hochgelobt. Zum Jubiläum «10 Jahre Schweizer Klaviertrio» wurde 2008 das Festival KAMMERMUSIK BODENSEE ins Leben gerufen, dessen künstlerische Leitung bei Martin Lucas Staub liegt.

Der in Los Angeles geborene Paul Neubauer war u. a. Schüler von William Primrose. Er ist Gewinner mehrerer 1. Wettbewerbspreise und wurde mit 21 Jahren als jüngster Stimmführer erster Bratscher des New York Philharmonic; hier spielte er sechs Jahre lang. Als Solist ist er mit über hundert Orchestern aufgetreten und hat zahlreiche CDs eingespielt. Weltweit ist er neben der solistischen Tätigkeit auch als Kammermusiker gefragt und spielt mit renommierten Partnern. Er unterrichtet an der Juilliard School und am Mannes College in New York.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Klaviertrio Nr. 5, C-dur, KV 548 (1788)

Allegro
Andante cantabile
Allegro

Hans Huber
1852-1921

Klavierquartett Nr. 1, B-dur, op. 110 (1891)

Allegro moderato
Adagio, ma non troppo, con molto sentimento
Presto
Allegro vivace (alla svizzera)

Johannes Brahms
1833-1897

Klavierquartett Nr. 1, g-moll, op. 25 (1861)

Allegro
Intermezzo: Allegro, ma non troppo –
Trio: Animato – Tempo del Intermezzo –
Coda: Animato
Andante con moto – Animato
Rondo alla Zingarese: Presto

Ein Konzert «alla svizzera» und «alla zingarese»

Am 17. Juni 1788 war Mozart wieder einmal umgezogen, diesmal in ein Vorstadtquartier in Richtung Währing. Grund waren das Verhalten des Vermieters, der hartnäckig sein Geld einforderte, und die billigere neue Wohnung. Zudem freute sich Mozart, hier mehr Ruhe zu haben als im Stadtzentrum, d. h. kaum Besuche, und damit auch mehr Zeit zum Komponieren. Tatsächlich entstehen hier zwischen Juni und August die drei letzten Sinfonien – und zwischen der in Es-dur- und der in g-moll (KV 543 bzw. 550) das C-dur-Trio KV 548, datiert 14. Juli. Mozarts Klaviertrios sind weniger bekannt als die Streichquartette und werden auch in der Literatur meist weniger hoch eingeschätzt, gerade – im Gegensatz auch zu den vorangegangen Trios in B-dur und E-dur (KV 502, November 1786 bzw. KV 542 vom Juni 1788) – das C-dur-Werk. Mit der etwas späteren C-dur-Sinfonie («Jupiter») ist es nicht zu vergleichen. Der helle Kopfsatz beginnt wirkungsvoll mit einem fanfarenhaften Thema aus den Tönen des C-dur-Dreiklangs. Den Mittel- und Höhepunkt bildet ein Andante in F-dur, mit dem vom Klavier bestimmten sanglichen Hauptthema; auch das Cello darf sich ein paar Mal profilieren, zwar nicht mit Kantilenen, sondern mit bewegten Linien. Eine davon ist dem dritten Takt des Themas entnommen. Im abschliessenden Rondo wird der heiter verspielte Hauptteil durch einen c-moll-Abschnitt in der Mitte kontrastiert, der allerdings mit Motiven des Themas spielt, was sich in den letzten Takten des Satzes wiederholt.

Vor ziemlich genau 119 Jahren, am 20. Februar 1894, ist Hubers 1. Klavierquartett bei der AMG (bis 1926 Vorgängerin der Kammermusik Basel) erstmals in Basel erklungen. Natürlich spielte der Komponist den Klavierpart. Bei der Kammermusik kam es am 6. Januar 1931 zur Aufführung. Johann Alexander Huber, im solothurnischen Eppenberg ob Schönenwerd als Sohn eines Lehrers und späteren Buchhalters bei Bally in Schönenwerd geboren, erhielt als Chorknabe in Solothurn musikalischen und gymnasialen Unterricht. Von 1870 bis 1874 studierte er am Leipziger Konservatorium Komposition (bei Carl Reinecke) und Klavier. Mit Begeisterung nahm er neben der traditionellen Ausbildung in der Stilrichtung Mendelssohn–Schumann die neudeutsche Musik Liszts und Wagners auf – und änderte in Verehrung für (Wagners?) Hans Sachs seinen Vornamen in Hans. Nach einer Zwischenstation im Elsass kam er 1877 dauerhaft nach Basel, wo er zur führenden Gestalt im Musikleben wurde. Ab 1896 war er Direktor der Musikschule und 1905 Gründer des Konservatoriums. Wichtig war ihm das Bekenntnis zur Schweiz und zum Schweizerischen, ja Baslerischen, wie die Festspielmusiken, die Tell-, Böcklin- und Schweizerische Sinfonie oder die «Ländler vom Luzerner See» op. 47 sowie der Finalsatz alla svizzera des 1. Klavierquartetts belegen. Das heute kaum bekannte Werk nannte der Huber-Biograph Edgar Refardt 1944 «frisch wie am ersten Tage»; der deutsche Musikologe Hans Mersmann bezeichnete es als «ein in sich gerundetes, einheitliches Werk». Der Kopfsatz erfreut mit klangvollen Themen, die sowohl leise als auch im kraftvollen Forte ihre Wirkung tun. Zu Beginn des Adagios im 6/4-Takt (fis-moll, am Schluss Fis-dur) begleitet das Klavier, das im 1. Takt die drei ersten Töne des Themas vorwegnimmt, lange Phrasen der Violine mit synkopiertem Rhythmus. Später ist es vor allem für Bewegung verantwortlich, während die Streicher meist weite Bögen spielen. Im 3. Satz Presto, kein eigentliches Scherzo, bereiten die Streicher das Thema vor, bevor es das Klavier übernimmt. Im Mittelteil (più tranquillo) begleitet das Klavier leggiero mit Figurationen, während die Streicher das frühere Thema aufnehmen und zerlegen. Es kehrt in variierter Ausarbeitung im dritten Teil zurück, im Schlussteil lösen es die Klavierfigurationen des Mittelteils immer mehr auf. Das 6/8-Finale (gegen Ende 2/4) verarbeitet ohne allzu grosse Penetranz schweizerisch-alpenländischen Tonfall und beendet das Werk mit einer Presto-Coda.

Beachten Sie in der Pause beim Hinausgehen in der Mitte der Saaleingangswand August Heers (1867-1922) Bronzebüste von Huber (1914/18) und später, gleich beim Eintritt ins Garderobenfoyer, an der Wand rechts das Profilporträt Hubers (1906) vom Maler und Romancier Rudolf Löw (1878-1948), das wohl schönste Bildnis Hubers. Huber ist also in Basel durchaus präsent, seit kurzer Zeit erfreulicherweise auch wieder mit seiner Musik, und er wird es von Dezember 2013 bis März 2014 mit Aufführungen verschiedener Werke und in einer Ausstellung erst recht sein.

Hubers erster Kontakt mit Brahms erfolgte 1878, als der junge Komponist dem Vorbild seine Walzer op. 27 widmete und sich dabei als «begeisterter Schwärmer Ihrer Musik» bezeichnete. Brahms selbst wagte sich nach angeblich mehr als zwanzig Streichquartetten, die allesamt vernichtet wurden, 1854 ernsthaft an Kammermusik, nun meist unter Einbezug des ihm vertrauten Klaviers. Ab 1855 plante er drei Klavierquartette, von denen zwei 1861 vollendet wurden. Das erste ist trotz den hohen Qualitäten der beiden anderen das beliebteste und bekannteste. Das liegt natürlich vor allem am alla Zingarese-Finale, über dem man die ersten drei Sätze nach dem furiosen Schluss beinahe vergisst. Von der Qualität her ist dies allerdings nicht gerechtfertigt. Das ganze Werk genügt höchsten Ansprüchen, wie auch Schönbergs Bearbeitung für Orchester (1937), die er scherzhaft «Brahms’ Fünfte» nannte, zeigt. Sie wäre nicht entstanden, hätte Schönberg Brahms nicht wegen seiner Technik der entwickelnden Variation und anderer Qualitäten bewundert. Gerade die komplexe Exposition des Kopfsatzes, welche die ersten Hörer verstörte, dürfte eine solche Passage gewesen sein. Dass in Schönbergs Fassung das Finale etwas gar lärmig geraten ist, liegt nicht an Brahms, der auch hier die Dezenz der Kammermusik zu wahren wusste, auch wenn er zeitweise mit Kraft in die Tasten (und in die Saiten) greifen lässt. Der ausgedehnte Kopfsatz lebt von der Spannung des abwärts führenden Hauptthemas, das zunächst vom Klavier allein, dann unisono von den Streichern gespielt wird, und der Cello-Melodie des zweiten Themas. Auf ein Scherzo verzichtet Brahms und stellt, wie auch sonst nicht selten, zwei einander angenäherte Sätze in die Mitte des Werkes. Zuerst ein schwärmerisch halbdunkles Intermezzo in c-moll mit einem in Sexten geführten Hauptthema; es wird von einem belebteren Trio geteilt, das in der Coda wieder auftaucht. Es folgt das einem sanften Menuett angenäherte liedhafte Andante in Es-dur. Sein Mittelteil wächst aus einem pochenden Motiv heraus, wobei der vom Klavier getragene Marschrhythmus (im ¾-Takt!) von den Streichern gespenstisch umspielt wird, bis alle zur Ruhe des Andante zurückfinden. Am Schluss steht der stilisierte ungarische Tanz, der sich bei genauem Hinhören nicht nur als rasanter Kehraus, sondern mit durchaus tragischen Zügen als Gegenstück zum Kopfsatz erweist.