Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

877

5.11.2013, 19.30 Uhr (Zyklus A 88. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Bennewitz Quartett (Prag)
Reto Bieri, Klarinette

Fišer, Jakub, Violine 1
Jezěk, Štěpán, Violine 2
Pinkas, Jiří, Viola
Doležal, Štěpán, Violoncello

Das 1998 in Prag gegründete Ensemble, das sich nach dem bedeutenden tschechischen Geiger und Pädagogen Antonín Bennewitz (1833-1926) nennt, erhielt einen Teil seiner Ausbildung in Basel bei Walter Levin. Es studierte hier von 2004 bis 2006 und hat hier später selbst als «Quartet in residence» gelehrt. Zuvor hatten seine Mitglieder von 1998-2002 an der Akademie für Musik und Theater in Prag ihre Ausbildung erhalten. Anschliessend setzten sie ihr Studium an der Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid bei Rainer Schmidt (Hagen Quartett) fort. Bereits 1999 nahm das Quartett an Interpretationskursen bei Mstislaw Rostropowitsch teil. In den Jahren darauf folgte Unterricht bei Mitgliedern berühmter Quartette (Prager, Bartók, Amadeus, Alban Berg). Seit 1999 gewann es zahlreiche Preise; 2005 folgte der 1. Preis beim Internationalen Kammermusikwettbewerb in Osaka und 2008 mit dem 1. Preis beim renommierten Borciani-Wettbewerb der Höhepunkt. Das Bennewitz Quartett spielt regelmässig auf bedeutenden europäischen und amerikanischen Konzertbühnen und als Gast bei internationalen Festivals. Nach 15 Jahren gab es in der Saison 2012/2013 einen Besetzungswechsel: An der ersten Geige hat Jakub Fišer, der auch Konzertmeister der Prague Philharmonia ist, Jiří Němeček abgelöst. Seine Auffassung des Quartettspiels beschreibt das Quartett so: «Das Quartettspiel bedeutet für uns Kommunikation. Für uns ist es eine Herausforderung, vier unterschiedliche Ansichten zu verbinden und aus ihrer Verschmelzung ein originelles Ergebnis zu gewinnen. Nur auf diese Weise entsteht nämlich Musik mit vielen Farb- und Klangverwandlungen, die sie stets frisch und lebendig machen.»

Reto Bieri, Klarinette

Geboren in Zug (Schweiz) und aufgewachsen mit Schweizer Volksmusik, studierte Reto Bieri zunächst an der Musikhochschule in Basel, dann an der Juilliard School of Music in New York. Seit seinem Erfolg am Wettbewerb der «Tribune Internationale des Jeunes Interprètes» 2001 tritt er regelmässig als Solist und Kammermusiker bei grossen Festivals und in bekannten Musikzentren wie New York, London, Wien, Moskau, Salzburg, Montreal, Hamburg, Istanbul oder Zürich auf. Sein spezielles Interesse gilt neben dem Standardrepertoire für sein Instrument besonders Neuen Musiken im weitesten Sinne. Die Zusammenarbeit mit vielen Komponisten ist ebenso wie das intensive Unterrichten ein fester und wichtiger Bestandteil der vielfältigen Tätigkeiten Bieris. 2012 wurde Bieri als Professor für Kammermusik an die Musikhochschule Universität Würzburg berufen; ab September 2013 ist er ausserdem Intendant des «Davos Festival».

Gideon Klein
1919-1945

Fantasie und Fuge für Streichquartett (1942)

Fantasie: Lento – Andante cantabile – Largo
Fuga: Largo

Johannes Brahms
1833-1897

Quintett für Klarinette, 2 Violinen, Viola und Violoncello, h-moll, op. 115 (1891)

Allegro
Adagio
Andantino – Presto non assai, ma con sentimento
Con moto (con variazioni)

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 13, G-dur, op. 106, B 192 (1895)

Allegro moderato
Adagio ma non troppo
Molto vivace
Finale: Andante sostenuto – Allegro con fuoco

Der hochbegabte Gideon Klein besuchte ab 1931 das Prager Konservatorium und schloss es 1939 ab. Eine grosse Pianistenkarriere zeichnete sich ab. Weitere Studien musste er abbrechen; einen Studienplatz in London anzunehmen verhinderten die Nazis. Auftritte als Pianist waren 1941 nur noch unter einem Pseudonym, bald gar nicht mehr möglich. Als Komponist war er weitgehend Autodidakt; nur kurz konnte er noch bei Alois Hába studieren. Eine Folge dieser Begegnung mit dem Mikrotonexperimentator war 1940 das Duo für Violine und Viola im Vierteltonsystem. Im Dezember 1941 wurde Klein ins KZ Theresienstadt deportiert. Hier traf er mit Hans Krása, Pavel Haas (beide 20 Jahre älter), Viktor Ullmann, und Karel Ančerl zusammen. Sie organisierten im Lager zunächst verbotene, später als Propaganda nach aussen missbrauchte Konzerte und Vorträge. Klein komponierte dafür Kammermusik, Vokalwerke und eine Klaviersonate (1943), die sich in diesem Rahmen aufführen liessen. Dazu gehört auch die Fantasie und Fuge für Streichquartett, die, wenn auch kurz, doch eines der Hauptwerke Kleins ist. Bald nach Beendigung eines Streichtrios wurde Klein im Oktober 1944 nach Auschwitz und von dort nach Fürstengrube verlegt. Hier ist er unter ungeklärten Umständen am 27. Januar 1945 in den Kohlengruben, gerade erst 25 Jahre alt geworden, gestorben. Seine ausdrucksstarke Musik ist moderner als die von Haas oder Krása, orientierte er sich doch ausser an Janáček an Schönberg und Berg. Kleins Schwester Eliška Kleinová, die das KZ überlebt hat, gab seine Werke heraus und gründete 1994 die Gideon-Klein-Stiftung. Der tschechische Komponist Vojtěch Saudek sagte: «Kleins Werke sind ein Beispiel par excellence für künstlerische Kraft. Er komponierte, weil es ihm Grundbedürfnis war, seine einzige Möglichkeit zu leben.»

Mit dem 1890 komponierten 2. Streichquintett hielt Brahms, noch keine sechzig Jahre alt, sein Schaffen für abgeschlossen. Doch da verliebte er sich noch einmal, diesmal – anders als früher – nicht unglücklich, in eine «junge Dame». Er nannte sie «Fräulein Klarinette». Der Grund für diese späte «Entdeckung» des ihm natürlich längst bekannten Instruments war die Kunst des Soloklarinettisten der Meininger Hofkapelle, Richard Mühlfeld (1856-1907). Brahms hörte ihn im März 1891 und schrieb aus Meiningen an die von ihm viel früher geliebte und inzwischen 71 Jahre alte Clara Schumann: «Man kann nicht schöner die Klarinette blasen, als es der hiesige Mühlfeld tut.» Mühlfeld, dessen Wohnhaus in Meiningen heute als «Ernestiner Hof» ein hübsches Hotel ist, verdanken wir also Brahms’ späten Schaffensschub, bei dem er vor allem für die Klarinette (Trio op. 114/1891, Quintett op. 115/1891, 2 Sonaten op. 120/1894) und für sein eigenes Instrument, das Klavier, die wunderbaren späten Klavierstücke op. 116 bis 119 schrieb. Dazu kommen, nun wirklich als Abschluss des Schaffens, die «Vier ernsten Gesänge» op. 121 (1892 und 1896) und die Orgelvorspiele op. 122. Fast alle diese späten Werke pflegen einen verinnerlichten Ton (den einen oder anderen Ausbruch und gewisse Herbheiten darf es allerdings noch geben) und verbinden Klangschönheit mit Melancholie und einer Art resignativer Heiterkeit. Dies gilt besonders für das Klarinettenquintett, das gegenüber dem Trio freundlicher wirkt, was wohl auch an der Besetzung liegt. Doch kann man hier auch Leidenschaftlichkeit, männliche Kraft, ja Freude hören.
 Vielleicht kommt diese Spannung im Gegenpol der beiden 
bestimmenden Tonarten h-moll und D-dur zum Ausdruck. Brahms arbeitet hier besonders stark mit der «entwickelnden Variation», die Schönberg bei ihm so sehr bewunderte. Die Themen werden variierend entwickelt; so greift etwa das Finale, nun ein echter Variationensatz, auf den 3. Satz (ein Andantino statt einem Scherzo) zurück und führt ihn in Abwandlungen weiter. Ganz zum Schluss greift Brahms zurück auf den Beginn des Werkes mit seinem viertaktigen «Motto» aus zwei Motiven, aus denen alle Themen des Werks abgeleitet sind. Der Tod hatte für Brahms, wie schon das viel frühere «Deutsche Requiem» (1868) zeigt, offensichtlich nichts
 Schreckhaftes. Die vielleicht 
letzten von ihm komponierten Töne galten in den «Vier
 ernsten Gesängen» den Worten: «Nun aber bleibet
 Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die
 grösste unter ihnen.» In Ausdruck und Kantilene sind sie manchen Stellen im Quintett ähnlich. Es war wohl tatsächlich diese letzte Liebe zum «Fräulein Klarinette», welche diese Spätblüte möglich machte.

Dvořák war seit 1877 stark von Brahms beeinflusst und sah sich in Freundschaft durch den Älteren gefördert. Nur wenige Jahre nach dessen Klarinettenquintett schrieb er das G-dur-Quartett in der kurzen Zeit zwischen Anfang November und dem 9. Dezember 1895, ein halbes Jahr nach seiner zweiten Rückkehr aus New York. Zuvor war er nicht zur Arbeit, auch nicht zur Vollendung des As-dur-Quartetts op. 105, das er in New York begonnen hatte, imstande gewesen. Jetzt war alles anders: «Ich bin jetzt sehr fleissig. Ich arbeite so leicht und es gelingt mir so wohl, dass ich es mir gar nicht besser wünschen könnte.» Diese «erste Komposition nach der zweiten Rückkehr aus Amerika», wie der Komponist auf dem Titelblatt festhielt, lässt die neue Stimmung erahnen. Die Melodien- und Klangseligkeit des «Amerikanischen Quartetts» op. 96 ist zurückgedrängt und man beobachtet verstärkte motivische Arbeit; im Formalen ist trotz dem grossen Umfang des Werks alles konzentriert und durchgearbeitet. Der Kopfsatz, den Ludwig Finscher einen «der subtilsten Sätze, die Dvořák geschrieben hat» nennt, beginnt mit zwei signalhaften Motiven und ist durch harmonischen Reichtum bemerkenswert. Slawische Klanglichkeit verbindet sich mit sorgfältiger motivischer Arbeit. Das pathetische Adagio ist voller Emotionalität; es steht in Es-dur mit häufigem Wechsel nach Moll und ist als freier Variationssatz gestaltet. Das Scherzo in h-moll ist von slawischer Volksmusiknähe geprägt; es weist zwei Trio-Abschnitte auf: einen kantablen in As-dur und einen ländlerartigen in D-dur. Pentatonische Motive lassen Erinnerungen an «Amerikanisches» wach werden. Höhepunkt ist das Finale, welches auch das in der Romantik so schwierige Problem des Schlusssatzes formal klug löst. Nach einer Andante-Einleitung, die in der Mitte des Satzes wiederkehrt, greift es – typisch für die Spätromantik – Motive des Kopfsatzes auf, stellt sie aber in überraschende Zusammenhänge und Gegenüberstellungen, was aber auch schon kritisiert worden ist. Die Uraufführung des G-dur-Quartetts durch das Böhmische Quartett (mit Josef Suk, Dvořáks Schüler und zukünftigem Schwiegersohn, an der 2. Geige) fand erst im Oktober 1896 statt. Über ein halbes Jahr zuvor hatten Brahms und Dvořák miteinander die Wiener Erstaufführung der Sinfonie «Aus der Neuen Welt» gehört.