Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

888

28.10.2014, 19.30 Uhr (Zyklus B 89. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Quatuor Hermès (Paris)

Bouchez, Omer, Violine 1
Liu, Elise, Violine 2
Chang, Yung-Hsin Lou, Viola
Kondo, Anthony, Violoncello

Mehrere junge französische Quartette haben sich in den letzten Jahren an die Spitze der Quartettformationen gespielt und sie haben, teilweise bereits mehrfach, auch in unseren Konzerten begeistert. Jetzt kommt mit dem Quatuor Hermès ein weiteres dazu. Seine Qualitäten wurden bereits früh von den Quatuors Ravel und Ysaÿe wahrgenommen und gefördert; Unterstützung bei seiner Entwicklung erfuhr das Quartett von Miguel da Silva, Eberhard Feltz, vom Artemis Quartett und von Mitgliedern des Alban Berg Quartetts. 2009, nur ein Jahr nach der Gründung des Quartetts am Conservatoire national supérieur de musique de Lyon, erhielten die vier Musiker den 1. Preis beim Concours international de musique de chambre de Lyon, dazu den Publikumspreis und den Preis SACEM, nicht zuletzt für ihre Interpretation von Ainsi la nuit von Henri Dutilleux. 2011 folgte der 1. Preis beim angesehenen Internationalen Musikwettbewerb von Genf. 2012 wurden sie zu den Konzerten der „Young Concerts Artists“ in New York eingeladen. Im selben Jahr erschien ihre erste CD mit Werken von Haydn und Beethoven. 2013 gab es Tourneen und Festivalauftritte in Übersee und in Europa (Lockenhaus, Montpellier, Berlin), aber auch in Japan und Ägypten.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 79, D-dur, op. 76, Nr. 5, Hob. III:79 (1797)

Allegretto – Allegro
Largo cantabile e mesto
Menuet: (Allegro) – Trio
Finale: Presto

Henri Dutilleux
1916-2013

«Ainsi la Nuit» für Streichquartett (1976)

Nocturne – Miroir d’espace – Litanies – Litanies 2 –
Constellations – Nocturne 2 – Temps suspendu

Giuseppe Verdi
1813-1901

Streichquartett e-moll (1873)

Allegro
Andantino
Prestissimo
Scherzo – Fuga: Allegro assai mosso – Poco più presto

In Haydns D-dur-Quartett bildet das dreiteilige Largo, ein Mesto-Satz, den Schwerpunkt. Es steht in damals recht seltenem Fis-Dur, was eine geradezu romantische Stimmung hervorruft. Um dieses ernste, in sorgfältiger melodischer und harmonischer Entwicklung bis hin zum Verlöschen der Melodie gearbeitete Stück legt Haydn leichter gewichtete Sätze. So ist der Kopfsatz kein eigentlicher Sonatensatz (obwohl man ihn auch als solchen mit nur einem Thema analysiert hat), sondern ein dreiteiliges 6/8-Allegretto mit einem siciliano-artigen Thema. Der Satz schwankt zwischen D-dur und d-moll und schliesst mit einer Allegro-Stretta. Im zweiten Teil dieses Satzes wird die Gemächlichkeit des Themas mit rascheren Bewegungen kombiniert. Unbeschwert trotz der dem Largo vergleichbaren Dreiklangmotivik wirkt das Menuett; im d-moll-Trio grundieren Achtelfiguren des Cellos eine Art Perpetuum mobile. Das witzige Finale gibt sich als Sonatensatz, allerdings mit Freiheiten. Im Charakter greift Haydn in diesem vital-heiteren Satz auf seinen überraschungsreichen Finale-Typus der 1780er Jahre zurück. Überraschend ist gleich der Beginn: Hier setzt er, bevor die thematische Entwicklung beginnt, eine Formel ein, die eigentlich einen Schluss markiert und der später prompt wieder aufgegriffen wird. Das Opus 76 ist nach den beiden England-Reisen entstanden und wurde dem Grafen Joseph Erdödy gewidmet. Gegenüber den wohl für England geschriebenen op. 71 und 74 treten die orchestralen Züge und die Virtuosität etwas zurück, um vermehrt wieder der Polyphonie Platz zu machen – was auf eine Art Synthese hinausläuft.

Der 1916 in Angers geborene Dutilleux vertritt zusammen mit Olivier Messiaen (*1908) die französische Komponistengeneration zwischen dem «Groupe des Six» (Honegger, Milhaud [beide *1892], Poulenc [*1899]) und Pierre Boulez (*1925). Er gilt als Klassiker unter den modernen französischen Komponisten, der zwar zur Tradition stand, sie jedoch in origineller Weise zu verjüngen wusste, und dazu als Perfektionist, was sich am verhältnismässig geringen Umfang seines Werkkatalogs erkennen lässt. Er war Professor am Pariser Conservatoire und 1944-63 Leiter der Musikproduktion beim ORTF. Obwohl er vor allem Instrumentalwerke geschrieben hat, ist sein einziges Streichquartett erst 1976 im Auftrag der Koussewitzky-Stiftung und der Library of Congress in Washington entstanden. Es wurde am 6. Januar 1977 vom Quatuor Parrenin in Paris uraufgeführt, die amerikanische Erstaufführung durch das Juilliard Quartet – es hat das Stück 1986 auch in unseren Konzerten gespielt – folgte 1978. Dutilleux bemerkte zu seinem Werk: «Je n’avais jamais écrit jusque-là pour le quatuor. J’ai commencé par ébaucher des pièces qui se présentaient un peu comme des études à cette tâche nouvelle pour moi. Il s’agissait de fragments isolés sans véritables liens entre eux, mais que je fis parvenir au Quatuor Juilliard pour qu’ils se familiarisent avec mon écriture.» Der Komponist achtet in diesem Werk auf starke Einheitlichkeit, die mit dem Motto „Ainsi la nuit“ gleich zu Beginn vorbereitet wird. Es wirkt sich auf das ganze Stück aus, da dieses insgesamt unter dem Aspekt der Nacht steht. Dutilleux: „Tout se transforme insensiblement en une sorte de vision nocturne, d’où le titre Ainsi la nuit. Cela se présente, en somme, comme une suite d’„états“ avec un côté quelque peu impressioniste.“ Das Stück mit einer Dauer von rund 17 Minuten wird, sieht man von einer bedeutungsvollen Luftpause nach dem 3. Satz ab, ohne Pausen gespielt. Nach der achttaktigen, mottoartigen Introduktion (Libre et souple) folgen sieben Sätze, von denen die ersten fünf jeweils durch Parenthèses genannte kurze Zwischenspiele getrennt sind. Wie in anderen Werken dienen sie einem „concept de mémoire“, das dem Komponisten wichtig ist, indem er durch Rückbesinnung bzw. Vorwegnahme Verbindungen zwischen einzelnen Sätzen und mit den Parenthèses herstellt. Die Sätze zeigen aber unter dem Aspekt des Kontrasts auch ein breites Spektrum an Vielfalt. Im Schlussstück „Temps suspendu“ zersetzen sich die früheren Elemente bis hin zur Erstarrung.

„Tutto nel mondo è burla – Alles in der Welt ist Posse.“ So beginnt das Schlussstück von Verdis letzter Oper „Falstaff“ (Uraufführung am 9. Februar 1893 an der Mailänder Scala) – in Form einer Fuge. Der achtzigjährige Komponist beschloss damit witzig sein Opernschaffen, indem er sich über die Welt als Narrenhaus mokiert und mit der Erkenntnis endet, im Stück – im Leben? – seien „tutti gabbati – alle betrogen“, auch die, welche kurz zuvor noch glaubten, sie hätten die Lage im Griff. Wenig zuvor hiess es „Ride ben chi ride la risata final – Gut lacht, wer den letzten Lacher lacht.“ Lachen – ist das die Quintessenz eines langen Lebens? Nachdem er 24 ernsthafte Opern und jung eine komische geschrieben hatte, lässt er sein Schaffen im Lachen enden. Erstaunlich ist, dass er bereits zwanzig Jahre zuvor im Streichquartett den Schlusssatz nicht nur als Fuge gestaltet hat, sondern sie als Scherzo in raschestem Tempo charakterisiert. Im einzigen Werk einer Gattung, die man Verdi kaum zutraut, die er aber bestens kannte, sie aber nicht für „italienisch“ hielt, nimmt er senza parole den Schluss der letzten Oper vorweg. Bereits im vorangehenden Satz (Prestissimo), dem eigentlichen Scherzo, das als Trio eine kantable Serenade mit „Gitarrenbegleitung“ aufweist, scheint der spätere Falstaff-Ton präsent. Sein durcheinander wirbelndes Geschwätz dürfte man allerdings eher den „lustigen Weibern“ zuschreiben als der Schlussweisheit Falstaffs; das Trio lässt in den hohen Cellophrasen an den schmachtenden Ton Fentons denken. Der Kopfsatz deutet musikalisch die Entstehung des Quartetts an: 1873 musste Verdi in Neapel bei der Einstudierung der „Aida“ eine dreiwöchige Pause einlegen, da die Sängerin der Titelrolle, Teresa Stolz, an einer Halsentzündung litt. Da komponierte er zum Zeitvertreib eben ein Streichquartett – und schon beim ersten Thema scheinen Anklänge an „Aida“ auf, speziell an Passagen der Amneris am Beginn der Oper. Die Vortragsbezeichnung dolcissimo, con eleganza im nicht tiefgründig sein wollenden Andantino passt durchaus auch ins Opernhaus. Obwohl man bei Verdi immer dieses Opernhafte sucht (und findet) – das Quartett ist ein originelles Kammermusikwerk. Verdi dachte zunächst nicht an öffentliche Aufführungen und liess es nur im Freundeskreis spielen; erst drei Jahre später gab er es frei. Er wusste selber nicht (oder tat wenigstens so), was er von dem Werk halten solle, „aber dass es ein Quartett ist, das weiss ich!“