Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

889

11.11.2014, 19.30 Uhr (Zyklus A 89. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Trio Bruno Schneider/Daishin Kashimoto/Eric Le Sage

Schneider, Bruno, Horn
Kashimoto, Daishin, Violine
Le Sage, Eric, Klavier

Die drei renommierten Musiker kommen immer wieder zusammen, um das Horntrio von Brahms zu spielen. Da dieses Repertoire aber sehr klein ist, kann sich daraus keine konstante gemeinsame Konzerttätigkeit ergeben, wie sie bei den üblichen Klaviertrios oder Streichquartetten der Fall ist.

Der Schweizer Hornist Bruno Schneider studierte in La Chaux-de-Fonds und Detmold. Fünfzehn Jahre lang spielte er als Solohornist in Orchestern in Zürich, München und Genf (Orchestre de la Suisse Romande). Seit 2003 hatte er diese Stellung auch jahrelang in Claudio Abbados Lucerne Festival Orchestra inne. Zudem ist er Mitbegründer und bis heute Hornist im Bläserensemble Sabine Meyer. Als Solist ist er weltweit aufgetreten und hat eine beträchtliche Anzahl von Platten eingespielt. Heute unterrichtet er in Genf und an der Musikhochschule Freiburg i. Br.; daneben gibt er in vielen Ländern Master Classes. Bruno Schneider lebt seit 1994 in Basel.

Daishin Kashimoto wurde in London geboren. Als er als Dreijähriger von seinen Eltern Spielzeuginstrumente geschenkt erhielt, wählte er die Geige, da er damit zwei Spielzeuge, Geige und Bogen, benutzen konnte. Dabei blieb es. In Tokio erhielt er Geigenunterricht, der ihn später über die Stationen Juilliard School (Pre-College) und Lübeck nach Freiburg i. Br. zu Rainer Kussmaul führte. Hier schloss er sein Studium 2004 ab, nachdem er bereits zuvor renommierte Preise gewonnen hatte (u. a. 1996 1. Preise im Fritz Kreisler Wettbewerb Wien und beim Concours International Long-Thibaud Paris). Seit 2009 ist Kashimoto als 1. Konzertmeister Mitglied der Berliner Philharmoniker. Daneben pflegt er seit langem die Kammermusik mit renommierten Partnern.

Der französische Pianist Eric Le Sage stammt aus Aix-en-Provence. 1985 gewann er den Schumann Wettbewerb in Zwickau und war Preisträger mehrerer anderer Wettbewerbe (u. a. Leeds). Seither konzertiert er weltweit mit bedeutenden Orchestern und in Solorezitals. Er ist an vielen renommierten (Klavier-)Festivals anzutreffen und ein gesuchter Kammermusikpartner. Mit dem Klarinettisten Paul Meyer und Emanuel Pahud gründete er das Festival „Musique de l’Empéri“ in Salon-de-Provence. 2010 schloss er sein ehrgeiziges Projekt, die gesamte Klaviermusik von Schumann auf CD einzuspielen, ab und erhielt grosses Lob von der Kritik. Für mehrere seiner Einspielungen hat er namhafte Auszeichnungen erhalten, u. a. den Grand Prix du Disque und mehrfach den Diapason d’Or. Man rühmt an ihm seine "... subtilité de la sonorité, intelligence et poésie, sens de la structure".

Johannes Brahms
1833-1897

Trio für Klavier, Violine und Waldhorn, Es-dur, op. 40 (1865)

Andante – poco più animato
Scherzo: Allegro – molto meno Allegro
Adagio mesto
Finale: Allegro con brio

Francis Poulenc
1899-1963

Sonate pour violon et piano (1943/49)

Allegro con fuoco
Intermezzo. Très lent et calme
Presto tragico

György Ligeti
1923-2006

Trio für Violine, Horn und Klavier (1982)

Andante con tenerezza
Vivacissimo molto ritmico
Alla marcia. Energico, con slancio, ben ritmato
Lamento. Adagio

Hommage à ...

Sieht man von reiner Bläserkammermusik ab, ist das Horn ein seltenes Kammermusikinstrument, erst recht in Verbindung mit Violine und Klavier. Drei solche Klaviertrios scheint es zu geben; zwei hören wir heute. Erfunden hat die Besetzung Brahms. Wie kam es dazu? Eines erklärt sich leicht: Wie Brahms auf das Horn kam. Er hatte in seiner Jugend neben Cello und Klavier ein weiteres Lieblingsinstrument, das Waldhorn. Und das Trio sieht explizit ein Naturhorn vor. Vom 1814 entwickelten Ventilhorn war er nicht angetan; er nannte es „Blechbratsche“, liess es aber später ebenfalls zu. Bei Brahms gibt es viele schöne Passagen für das Horn, etwa in der 1. Sinfonie oder zu Beginn des 2. Klavierkonzerts. Noch etwas spielt mit: Brahms’ Mutter liebte das Waldhornspiel des Sohnes sehr. Im Februar 1865 ist sie gestorben, und das Trio wurde 1865 geschrieben oder zumindest beendet. Das Adagio mesto im seltenen es-moll wird als Trauergesang für die Mutter gedeutet, ja das ganze Trio als Klage um sie. Einen Hinweis darauf glaubte man auch im Kopfsatz zu sehen, der nur hier bei Brahms kein Sonatensatz ist, sondern von einem Komplex aus Andante und Animato eingeleitet wird, der zweimal variiert wiederholt wird, ohne die Themen zu verarbeiten. Zwei Volksliedmelodien klingen an: im as-moll-Trio des Scherzos „Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein“ und im 4. Satz „Dort in den Weiden steht ein Haus“, das in die Volkslieder op. 97 aufgenommen wurde – das erste beklagt die Vergänglichkeit, das zweite ist voller Sehnsucht. Brahms nutzt die typisch romantische, wehmütig-melancholische Klangwelt des Horns. Lebhafte Jagdmusik taucht vor allem im Scherzo und – aus dem Adagio-Thema entwickelt – im Hauptteil des Finale auf. Ein Problem bleibt: Im Dezember 1862 schrieb Brahms aus Basel an Albert Dietrich: „Für einen Quartett-Abend kann ich mit gutem Gewissen mein Horn-Trio empfehlen und Dein Hornist thäte mir einen besonderen Gefallen, wenn er ... einige Wochen das Waldhorn exerzierte, um es darauf blasen zu können.“ Existierte das Trio bereits 1862 (in einer in Karlsruhe entstandenen Vorform)? Wie stünde es da mit der Trauermusik für die Mutter? Es ist aber wohl im Wesentlichen erst später in Baden-Baden komponiert bzw. umgearbeitet und im Sommer 1865 vollendet worden. Die Uraufführung fand am 28. November 1865 in Zürich mit Brahms, Friedrich Hegar (Violine) und Anton Gläss (Horn) statt. Ein Echo in der Presse fand sie nicht. Clara Schumann berichtet: "Die Leute verstanden dieses wahrhaft kühne und äusserst interessante Werk nicht, und dies obwohl der Kopfsatz zum Beispiel sehr reich an einnehmenden Melodien ist, und der Schlusssatz vor Leben strotzt. Auch das Adagio ist wunderschön, doch ist es in der Tat schwer verständlich, wenn man es zum ersten Mal hört." Verstehen wir das Werk als Hommage au cor et à la mère!

Hommage à Brahms setzte Ligeti explizit unter den Werktitel seines Horntrios. Dies zeigt seine Bewunderung für das singuläre Werk. Der Anstoss zur Komposition kam allerdings von aussen als Kompositionsauftrag. Ligeti zitiert Brahms nirgends – es sei denn, man wolle in der Satzfolge einen Bezug sehen, allerdings mit dem „Lamento“ als Finale statt als 3. Satz. Wenn es ein „Zitat“ in diesem Werk gibt, so sind es die horntypischen Quinten der Violine zu Beginn, quasi das Leitmotiv des Werks. Sie erinnern aber eher an die Einleitung in Beethovens Klaviersonate op. 81a „Les Adieux“ und werden zudem verfremdet. Dem Kopfsatz folgt ein rhythmisch raffiniertes, formal (A–B–A-Schema) traditionelles Scherzo. Es befremdet den Hörer dadurch, dass man die Anklänge an Folkloristisches nicht festmachen kann. Ligeti sagte denn auch, es sei „ein polymetrischer Tanz, inspiriert durch verschiedene Volksmusiken von nicht existierenden Völkern, als ob Ungarn, Rumänien und der ganze Balkan irgendwo zwischen Afrika und der Karibik liegen würden”. Die Marcia behält die „antiquierte“ A–B–A-Form bei und lässt das Horn nur im Mittelteil mitspielen. Genauso wenig wie man im vorangehenden Satz die Tanzrhythmen bestimmen konnte, könnte man zu diesem ironisch verfremdeten Stück marschieren. Im Schluss-Lamento entwickelt Ligeti aus den Quinten eine Passacaglia, die sich immer mehr in Lautstärke und Intensität steigert, bevor am Ende einer langen Coda das tiefe Horn und die hohe Violine im Pianissimo verklingen. Man hat aufgrund dieses erstaunlich expressiven Werks, wohl auch wegen der altertümlichen Formen mit den in der neuen Musik verpönten Wiederholungen, Ligeti Rückwärtsgewandtheit vorgeworfen. Dazu meinte er: „Mein Trio ist im späten 20. Jahrhundert entstanden und ist – in Konstruktion und Ausdruck – Musik unserer Zeit.“

Poulenc, 1923 Mitglied des Pariser ‚Groupe des Six’, glaubt man als neoklassizistisch witzigen, heiter parodierenden und mit Vorbildern spielenden Komponisten zu kennen. Dabei kommt seine ernsthafte Seite zu kurz, die sich in den religiösen Werken und in der Oper „Les dialogues des Carmélites“ zeigt. Ernsthaftigkeit zeigt auch die Auseinandersetzung mit der Form Violinsonate. Poulenc, der als Pianist die Violine nicht gut kannte und mochte («je n’aime pas le violon au singulier»), hatte drei Anläufe zu einer Geigensonate genommen; keine liess er gelten bzw. vernichtete sie. Die eigentlich 4. Sonate ist herber als gewohnt. Dies liegt sicher auch daran, dass Poulenc sie im Andenken an den von ihm bewunderten, 1936 von den Faschisten ermordeten Federico García Lorca schrieb. Dass es eine Geigensonate wurde, ist der wunderbaren Geigerin Ginette Neveu (1919-1949) zu verdanken, die sich dringend eine Sonate von Poulenc wünschte. Ihr versagte er dann auch da und dort den eleganten, süsseren Ton nicht, zumal sie ihm bei der Ausgestaltung der Violinstimme half und sie auch für die Publikation in geigentechnischen Fragen (Fingersatz, Strich) bearbeitete. Typisch für Poulencs Kompositionsstil sind häufig kürzere Phasen in der Art von Mosaiksteinen, die sich mit ihren verschiedenen Charakteren überraschend ablösen und Tempo und Stil unversehens verändern. Das Werk (Version 1949) endet – nach einem fff-Fall auf die tiefste Note des Klaviers – in zurückgenommenem Tempo und zum Schluss in von Generalpausen getrennten drei Akkorden (fortissimo – piano – fortissimo) mit Violinpizzicati. Neveu und Poulenc spielten die Uraufführung am 21. Juni 1943 in Paris. Publikum und Presse reagierten kritisch, ebenso Poulenc («Ma sonate ... n’est hélas pas du meilleur Poulenc»). Der Schlusssatz Presto tragico bezieht sich gewiss auf das Schicksal Lorcas, doch erhielt er 1949, als Poulenc ihn revidierte, traurige Aktualität. Ginette Neveu, zusammen mit ihrem Bruder, dem Pianisten Jean, auf der Reise zu einer USA-Tournée, kam bei einem Flugzeugabsturz am 28. Oktober ums Leben. Poulencs Hommages gingen bei diesem Werk à la mémoire de F. G. Lorca und – nach der Erstwidmung an seine Nichte – 1949 à Ginette Neveu.