Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

906

2.2.2016, 19:30 Uhr (Zyklus B 90. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Gagliano Trio (Zürich)

Bolinger, Romaine, Violine
Taghadossi, Payam, Violoncello
Boeschoten, Alexander, Klavier

Die drei jungen Musiker Romaine Bolinger (Violine), Payam Taghadossi (Violoncello) und Alexander Boeschoten (Klavier) bilden seit 2009 ein Klaviertrio. Alle drei Musiker studierten zusammen an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihr Konzert-Debüt als Trio gaben sie im Winter 2009 an der Zürcher Hochschule der Künste. Kammermusik-Unterricht erhielten sie von Stephan Goerner, Benjamin Engeli, Thomas Grossenbacher, Eckart Heiligers und Homero Francesch. Eine Europatournee führte sie im Frühling 2010 unter anderem nach Italien, Österreich und in die Schweiz. Erste Radioaufnahmen durch den Österreichischen Rundfunk (ORF) folgten im März 2011. Im September 2014 debütierte das Trio bei der Schubertiade Hohenems mit Schuberts Es-dur-Trio und Francks 1. Klaviertrio. Am 10. Januar 2015 gewann es den Preis der August Pickhardt-Stiftung im von der Hochschule für Musik Basel und der Kammermusik Basel durchgeführten Wettbewerb. Das Trio trägt den Namen einer berühmten neapolitanischen Familie, die mit dem Bau von Streich- und Zupfinstrumenten im 18. und 19. Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben hat. Die Geigerin Romaine Bolinger spielt eine Violine von Ferdinando Gagliano, und Payam Taghadossi musiziert auf einem auf 1820 datierten Cello von Lorenzo Ventapane, der ebenfalls der Tradition und Schule der Gagliano-Familie zugerechnet werden darf.

Robert Schumann
1810-1856

Klaviertrio Nr. 1, d-moll, op. 63 (1847)

Mit Energie und Leidenschaft
Lebhaft, doch nicht zu rasch – Trio
Langsam, mit inniger Empfindung – Bewegter – Tempo I. –
Mit Feuer – Nach und nach schneller

Johannes Brahms
1833-1897

Klaviertrio Nr. 1, H-dur, op. 8, 1. Fassung (1854)

Allegro con moto
Scherzo. Allegro molto – Trio. Più lento
Adagio non troppo
Finale. Allegro molto agitato

Schumann und Brahms: Klaviertrios für Clara

Schumann hat, die Fantasiestücke op. 88 von 1842 eingerechnet, vier Klaviertrios geschrieben. Sie haben nicht die Gunst des Publikums erfahren wie das Klavierquartett op. 47 und -quintett op. 44 aus dem Kammermusikjahr 1842, schon gar nicht das op. 88. Es wurde, wie die Opuszahl zeigt, erst acht Jahre später veröffentlicht. Einzig das d-moll-Trio von 1847 kann mithalten. Fünf Jahre vergingen, bis dieses Trio op. 63 (Schumann bezeichnete es zunächst als Nr. 2 und wollte es mit den Fantasiestücken unter einer Opuszahl zusammenfassen) und das op. 80 entstanden. In der Zwischenzeit hatte Schumann sich mit Bach auseinandergesetzt und sich kompositorisch weiterentwickelt. Das d-moll-Trio lässt die Neuansätze erkennen. Die ersten drei Sätze mögen etwas davon spüren lassen, dass Schumann sie «in einer Zeit düsterer Stimmungen» schrieb. Leidenschaftliche Unruhe dominiert die ersten beiden Sätze. Vom Kopfsatz des Trios – Roberts Geschenk zu ihrem 28. Geburtstag am 13. September 1847 – meinte Clara Schumann allerdings: «Der erste Satz ist für mich einer der schönsten, die ich kenne.» Sein leidenschaftliches Hauptthema wird von der Violine aufwärts und abwärts geführt, während das Klavier mit wogenden Sechzehnteltriolen für Ruhelosigkeit sorgt. Linke Hand und Cello steuern gemeinsam die Gegenmelodie zur Geige bei. Das nicht als solches bezeichnete Scherzo in F-dur führt die Stimmung fort; ein nach einem kurzen Einleitungsmotiv erscheinendes punktiertes Hauptthema dominiert. Das Trio wirkt durch sangliche Motive, welche in Violine und Cello erneut auf- und abwärts gleiten. Das Adagio in a-moll, ein Klagelied aus gebrochenen Melodieteilen, ist ein dreiteilig gebauter (ABA’) Variationensatz. Sein stilles Thema wird von Synkopen, Vorhalten und Einsätzen auf den unbetonten Taktteilen geprägt. Der Mittelteil in F-dur bringt mehr Bewegung. Das attacca anschliessende Finale, in dem das Klavier das schwungvolle Hauptthema vorgibt, hatte wohl Clara, die bei der privaten Uraufführung vom 13. September am Klavier sass, im Auge, wenn sie meinte: «Es klingt wie von einem, von dem noch viel zu erwarten steht, so jugendfrisch und kräftig, und doch in der Ausführung so meisterhaft.» Hier ist die Unruhe der ersten beiden Sätze und die Verhaltenheit des langsamen Satzes wie weggewischt. Das einprägsame Hauptthema schwingt sich zuversichtlich empor, so dass man von kraftvoller Lebensbejahung gesprochen hat. Im Vergleich mit Mendelssohns d-moll-Trio von 1839, das Schumann als das «Meistertrio der Gegenwart» bezeichnete, ist gesamthaft der Ton doch anders, ernsthafter, aufgewühlter und das Werk bei aller Geschlossenheit auch weniger einheitlich.

Drei Jahre nach dieser Trio-Aufführung siedelte die Familie Schumann nach Düsseldorf über, wo Robert eine feste Anstellung erhalten hatte; sie traf dort am 2. September ein. In den folgenden Jahren zeigten sich bei Robert gesundheitliche, vor allem psychische Probleme, und er konnte mit der Zeit seinen Pflichten nicht mehr wie erwartet nachkommen. Wiederum drei Jahre später kam es für die Schumanns zu einem erfreulichen Ereignis: Von Joseph Joachim Ende August angekündigt, traf nämlich, nachdem er sich im Sommer bei Liszt in Weimar aufgehalten hatte, bei ihnen am 30. September der zwanzigjährige Brahms ein. Robert und Clara waren begeistert: «Das ist der, der kommen musste» (Robert) und «Da ist wieder einmal einer, der kommt wie von Gott gesandt» (Clara). Dieser Begegnung verdankt das wohl Ende 1853 und im Januar 1854 komponierte H-Dur-Trio seine Entstehung. Nur wenig später, am 27. Februar, beging Robert Schumann einen Selbstmordversuch, indem er sich in den Rhein stürzte; er wurde auf eigenen Wunsch in Endenich bei Bonn hospitalisiert. Brahms eilte zu Clara, um ihr und den Kindern beizustehen. Am 29. Juli 1856 starb Schumann in Endenich.

Die erste Fassung des H-dur-Trios stammt nicht von Brahms, sondern – so steht es im Autograph – von «Kreisler jun.». Dies erklärt die romantisch-hoffmanneske Emphase des Werks. Anstösse mag Brahms auch bei dem ebenfalls von der Künstlerfigur der Romantik, Hoffmanns Kapellmeister Johannes Kreisler, angeregten Schumann erhalten haben. Der hatte 1838 seine ursprünglich Clara gewidmeten Phantasiebilder für das Pianoforte op. 16 «Kreisleriana» genannt – und Brahms hatte sie genau studiert. Mehr noch beeindruckte den jungen Musiker Clara selbst – man darf wohl von Verliebtheit sprechen. Hoffmannsches hat man auch im wunderbar schwärmerischen Hauptthema des Kopfsatzes (mit drei Themen) sehen wollen – oder soll man es für eine Liebeserklärung an Clara nehmen? Da überrascht auch nicht, dass Brahms im Seitenthema des Finale Beethovens «Ferne Geliebte» mit der Phrase «Nimm sie hin denn, diese Lieder» anklingen lässt, die schon Robert im Hinblick auf Clara in der C-dur-Fantasie op. 17 von 1836 zitiert hatte. Daneben wollte Brahms in seinem ersten veröffentlichten Kammermusikwerk gewiss zeigen, was er kompositorisch konnte. So erklären sich vielleicht die etwas umständlichen, gelehrt sein wollenden Bach-Passagen im Kopfsatz, speziell das Fugato. Da steckt gewiss auch Kreislers Bach-Begeisterung dahinter, doch vielleicht noch mehr Clara, die am 7. Oktober in ihrem Tagebuch vermerkt hatte: «Heute abend spielte ich dem Brahms Roberts BACH-Fugen.»

Als der bestandene Mann, seit Ende der Siebzigerjahre Vollbartträger, mit gut 55 Jahren zurückblickte, musste er feststellen, dass manches im op. 8 nicht mehr seinem jetzigen Zustand und Anspruch entsprach. Doch hatten viele Qualitäten für ihn weiterhin Bestand. Damals schrieb er an Clara: «Ich habe mein H-dur-Trio noch einmal geschrieben und kann es op. 108 statt op. 8 nennen. So wüst wird es nicht mehr sein wie früher – ob aber besser?» (Die Opuszahl 108, jetzt die der d-moll-Violinsonate, würde zur Überarbeitungszeit passen.) Die Zweitfassung ist deutlich kürzer als die frühe. Interessant sind die Streichungen. Sie betrafen neben anderen Änderungen die zweite Durchführung im Kopfsatz mit den Bach-Passagen und im 3. Satz (Takt 33ff.) die unüberhörbare Reminiszenz an Schuberts Heine-Vertonung «Das Meer» aus dem «Schwanengesang». Diese Streichung zeigt, wie wichtig einst solche Hinweise – wie auch das erwähnte Beethoven-Zitat – für Brahms in seiner Jugendverliebtheit gewesen waren, 35 Jahre später aber keine ernsthafte Bedeutung mehr hatten. Die Beziehung zu Clara war nun eine andere: langjährige Verehrung und Freundschaft. Das Scherzo liess Brahms fast unverändert – ein Beweis dafür, wie sicher der Komponist gerade in dieser Form schon in jungen Jahren gewesen war. Das Sonatenrondo des Finale überzeugt in der Erstfassung durch sorgfältige Verarbeitung der Themen und Entwicklung der Tonarten bis hin zum h-moll-Schluss. Gut, dass man neben der verdichteten und «verneuerten» Überarbeitung die Erstfassung in ihrem jugendlichen Überschwang heute hin und wieder hören kann.