Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

913

1.11.2016, 19:30 Uhr (Zyklus B 91. Saison)
Oekolampad Basel

Ensemble Anastasia Voltchok (Basel)

Guerchovitch, David, Violine
Schatzmann, Lisa, Violine
Uszynski, Lech Antonio, Viola
Santora, Beni, Violoncello
Voltchok, Anastasia, Klavier

Anastasia Voltchok, in Moskau in eine Pianistenfamilie geboren, begann mit vier Jahren Klavier zu spielen. Sie studierte am Tschaikowsky-Konservatorium und erlangte in Basel bei Rudolf Buchbinder das Solistendiplom. Weitere Studien folgten in den USA. 2003 wurde Voltchok an der International World Piano Competition in Cincinnati mit dem ersten Preis und der Goldmedaille ausgezeichnet. Seit ihrem Debüt mit Orchester im Alter von acht Jahren konzertiert Anastasia Voltchok in West- und Osteuropa sowie in den USA. Sie lebt in Basel.

Die 1981 geborene französische Geigerin Lisa Schatzman ist seit 2010 1. Konzertmeisterin des Luzerner Sinfonieorchesters. In dieser Funktion gastiert sie auch regelmässig beim London Philharmonic Orchestra. Sie war die jüngste Schülerin von Tibor Varga und studierte u. a. bei Ana Chumachenco. 2004 war sie Preisträgerin beim Genfer Musikwettbewerb. Als Kammermusikpartnerin konzertiert sie mit bekannten Musikern wie Jörg Widmann oder Jens Peter Maintz. 2007-2009 war sie Primaria des Quatuor Psophos.

Der 1974 in Stettin geborene Geiger Bartłomiej/Bartek Nizioł studierte in Posen und bei Pierre Amoyal in Lausanne. Bereits 1991 erhielt er erste Preise beim Internationalen Henryk Wieniawski-Wettbewerb in Posen und am Internationalen Violinwettbewerb in Adelaide (Australien); weitere (Pretoria, Paris, Brüssel) folgten in den nächsten Jahren. Nizioł ist 1. Konzertmeister der Philharmonia Zürich, des Orchesters des Opernhauses Zürich, und unterrichtet seit 2008 an der Hochschule der Künste in Bern.

Lech Antonio Uszynski wurde 1986 als Sohn einer polnischen Musikerfamilie in Padua geboren und wuchs in der Schweiz auf. Er studierte bei Ana Chumachenco und Zakhar Bron. Zudem schloss er mit Auszeichnung ein Studium der Kammermusik bei Gérard Wyss an der Musikakademie Basel ab. Er ist Preisträger zahltreicher nationaler und internationaler Förderpreise und Wettbewerbe. Kammermusik ist in seinem Musikschaffen eine seiner grössten Leidenschaften. Er ist Mitglied des Stradivari-Quartetts, mit dem er regelmässig in Japan, China und in den USA auf Tournee geht. Als Solist tritt er in bedeutenden Konzertsälen Europas auf.

Der Luzerner Beni Santora wird seit seiner Zeit beim Bayerischen Staatsorchester München als Solocellist von führenden Orchestern in Europa eingeladen. Er war Migros-Stipendiat und gewann Preise bei zahlreichen internationalen Wettbewerben. Seit 2007 ist er auch als Dirigent tätig und setzt sich intensiv mit den Ideen der Musikgeschichte auseinander. Seine Studien hatten ihn zu Ivan Monighetti (Basel), Miklos Perenyi (Budapest) und Wolfgang Boettcher (Berlin) geführt. Seit frühester Kindheit tritt Beni Santora als Solist mit verschiedenen europäischen Orchestern auf.

Théo Ysaÿe
1865-1918

Klavierquintett h-moll, op. 5 (1913)

Lent – Modérément animé
Assez lent, grave
Assez lent, librement – Animé, mais modérément

César Franck
1822-1890

Klavierquintett f-moll (1879)

Molto moderato quasi lento – Allegro
Lento, con molto sentimento
Allegro non troppo, ma con fuoco

Komponisten aus Wallonien – und «La bande à Franck»

Die Komponisten des heutigen Konzerts sind beide in Wallonien, dem französisch-sprachigen Teil des erst ab 1830 entstandenen Belgien, geboren, Franck in Lüttich/Liège. Die Mutter war Deutsche, der Vater flämisch-belgischer Herkunft. Er wollte seinen Sohn César-Auguste-Jean-Guillaume-Hubert, der sich in jungen Jahren César-Auguste nannte, zum Klaviervirtuosen à la Liszt machen. Nach dem Zerwürfnis mit dem penetranten Vater wegen seiner Heirat 1848 begnügte sich der Sohn mit César. Er studierte in Lüttich und danach in Paris. Dort war er noch zehn Monate lang bis zu dessen Tod Privatschüler von Anton Reicha (1770-1836), der in jungen Jahren neben Beethoven im Bonner Orchester gesessen hatte. Als Nicht-Franzose konnte Franck nicht am Conservatoire studieren. Sein Vater erwarb darum die französische Staatsbürgerschaft und ermöglichte ihm 1837 das Studium. Neben Klavier und Komposition widmete sich Franck intensiv der Orgel. 1858 wurde er Organist und Kapellmeister von Ste-Clotilde, 1872 Orgel-Professor am Conservatoire, wo er von seinen Schülern und Anhängern, die er auch in Komposition unterrichtete, der «Bande à Franck», als «Père Franck» oder «Pater Seraphicus» verehrt wurde.

Der jüngere der beiden Komponisten, Théo (eigentlich Théophile) Ysaÿe, stammt aus dem östlich von Lüttich gelegenen Verviers. Bei diesem Namen denkt man sofort an den berühmten Geiger (und Komponisten) Eugène Ysaÿe (1858-1931). Er war der um sieben Jahre ältere Bruder von Théo. Wie Franck studierte auch Théo zunächst in Lüttich, später in Berlin, wohin ihn sein Bruder mitgenommen hatte. 1885 schloss er sich in Paris der «Bande à Franck» an und wurde zusammen mit Guillaume Lekeu Francks letzter Kompositionsschüler. Mit seinem Bruder Eugène brachte er die neusten Tendenzen der französischen Musik nach Brüssel. Als ausgezeichneter Pianist trat er einige Jahre lang mit ihm auf Konzerttournéen auf, musste aber diese Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben; danach hatte er in Genf eine Klavierprofessur inne. Er hinterliess ein bei uns weitgehend unbekanntes kompositorisches Werk (Sinfonien, Klavierkonzerte, sinfonische Dichtungen, ein Requiem, Vokales und Kammermusik). Seine Musik weist zwar auch Beziehungen zur Musik Faurés oder Debussys auf, wie am Klavier- und Spätwerk erkennbar ist, doch besonders gross ist – gerade im Klavierquintett – die Nähe zur Tonsprache seines Lehrers Franck. Auch formal nimmt Ysaÿe auf dessen Quintett, das erste grosse französische Klavierquintett, Bezug, nicht nur in der Dreisätzigkeit. Das Klavier ist stark in den Gesamtklang integriert und steht eher selten im Vordergrund. Doch wirkt es beim Aufbau von Steigerungen, wie sie aus der franckschen Tonsprache vertraut sind, mit oder untermauert sie klanglich, wenn die Streicher führen. Mit seinen Figurationen steuert es eigene Klangfarben bei. Auffällig sind häufige Tempoverschiebungen und Taktwechsel. Die langsame Einleitung zum ersten Satz beginnt in einer Art Frage mit einem Unisono-Dreitonmotiv (h – fis – ais), das am Schluss des Satzes wieder aufgenommen wird. Beim Eintritt des Haupttempos Modérément animé führt die Violine das lyrische Hauptthema (p – dolce) ein. Den ernsten langsamen Satz leitet das Klavier solo mit einer Art Meditation in cis-moll ein, bei der in den ersten 15 Takten das Metrum achtmal wechselt (4/4, 3/4, 5/4). Auch wenn das Tempo ruhig bleibt, lösen abwechselnd Klavier und Streicher raschere Bewegungen aus. Der Mittelteil des Satzes kehrt zeitweise in die Haupttonart des Werks h-moll zurück. Nach einer grossen, sich langsam und in mehreren Schüben aufbauenden Steigerung findet der Satz seinen Ausklang in leisen und sanften Tönen. Der Schlusssatz ist der kürzeste und schwungvollste des Werks. Auch seine Einleitung ist langsam, wird aber sehr bald durch eine kurze Streicherpassage (Très animé. Fiévreusement) unterbrochen. Den Hauptteil (Animé, mais modérément) mit nun rascherer, den Satz weitgehend bestimmenden Bewegung leitet wieder die 1. Violine ein. Der Dreivierteltakt ist in diesem Satz – bis auf einen Takt vor Beginn des Hauptteils – streng durchgehalten, was auch seinen Schwung mitbestimmt. Tempomodifikationen sind deutlich seltener als zuvor. Das Werk endet im Fortissimo mit einer H-dur-Tonleiter aufwärts im Klavier und zwei H-dur-Akkorden aller Instrumente.

Francks Klavierquintett, ist – nach den Klaviertrios des Siebzehnjährigen – das früheste seiner drei bedeutenden Kammermusikwerke. 1886 folgte ihm, Eugène Ysaÿe zu seiner Hochzeit gewidmet, die A-dur-Violinsonate und 1889/90 als «point culminant de l’art franckiste» (R. Jardillier) das Streichquartett in D-dur. Das Auf- und Abschwellen des Klangs, oft mit Temporückungen verbunden, ist ein typisches Merkmal der Tonsprache Francks, wie auch seine ebenfalls dreisätzige d-moll-Symphonie (1886-89) zeigt. Im Quintett führte Franck erstmals die auch aus der Sinfonie vertraute zyklische Form konsequent durch, indem er die noch so verschieden gearteten Sätze durch Themen und Motive verband. Diese Beziehungen von Themen innerhalb der Sätze und über die Satzgrenzen hinweg sind äusserst dicht. Nicht immer sind es Hauptthemen, welche die Teile verbinden, sondern auch untergeordnete oder Nebenthemen spielen diese Rolle. Die Melodie der 1. Violine in der langsamen Einleitung zum Kopfsatz wird zur Keimzelle der Thematik in allen drei Sätzen. Das wird gleich im chromatisierenden Hauptthema des Sonatensatzes, einem der typischsten Francks, hörbar. Man behält es im Ohr und erkennt es sofort, wenn es in den anderen Sätzen variiert wieder auftaucht. Der zweite Satz macht der Charaktervorschrift con molto sentimento alle Ehre. Er steht im 12/8-Takt und in a-moll. Auch hier gehört das lange, aus ab- und aufsteigenden Figuren gebildete Thema der 1. Geige. Das zyklische Thema des Kopfsatzes taucht im Mittelteil auf. Das Finale, erneut ein Sonatensatz, zeigt Rückgriffe auf die vorangehenden Sätze. Es beginnt mit einer geradezu unheimlich-düsteren Einleitung in chromatischen Tremolofiguren. Langsam schält sich daraus das Hauptthema heraus und findet zur Haupttonart F-dur. Das zweite Thema entwickelt ein Motiv aus dem Lento weiter. Auch das zyklische Thema des Kopfsatzes erhält nochmals grosse Bedeutung, und gegen Ende des Satzes erscheint das zweite Thema des Kopfsatzes wieder. Mit grossem Schwung findet das Werk zu seinem Ende. Franck wollte das Quintett seinem Freund Camille Saint-Saëns widmen, der mit ihm zusammen 1871 die «Société Nationale de la Musique» gegründet hatte, in welcher es am 17. Januar 1880 uraufgeführt wurde. Saint-Saëns spielte zwar den Klavierpart, konnte aber mit dem Werk nichts anfangen. Ostentativ liess er am Ende der Aufführung die Noten auf dem Notenbrett stehen. Auch das Publikum hatte zunächst Mühe, sich in der komplexen Gestaltung zurechtzufinden. Bei den zwei folgenden Kammermusiken dagegen war der Erfolg sehr gross.