Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

918

17.1.2017, 19:30 Uhr (Zyklus B 91. Saison)
Oekolampad Basel

Zyklus Wiener Klassik, 2. Konzert

Quatuor Zaïde (Paris)

Boulin Raulet, Leslie, Violine
Juillard, Charlotte, Violine
Chenaf, Sarah, Viola
Salmona, Juliette, Violoncello

Bereits ein Jahr nach seiner Gründung 2009 gewann das Quatuor Zaïde mehrere Preise, so den Prix de la Presse beim Wettbewerb in Bordeaux, den 1. Preis bei der Charles Hennen International Competition in Heerlen (NL) und den 3. Preis bei der International String Quartet Competition in Banff (Kanada). 2011 folgte der 1. Preis beim Internationalen Musik-Wettbewerb in Beijing. Den grössten Erfolg feierte das Quatuor Zaïde 2012 mit dem Gewinn des Haydn-Wettbewerbes in Wien. Das Ensemble erspielte sich neben dem 1. Preis alle drei Jury-Preise (beste Interpretationen eines Werkes von Haydn, der Zweiten Wiener Schule und des Auftragswerkes des Wettbewerbs). Es konzertierte in bedeutenden Konzertsälen Europas (Philharmonie Berlin, Wigmore Hall London, Musikverein Wien, Théâtre des Champs-Elysées Paris, Cité de la Musique Paris, zudem in Beijing, Boston sowie in Deutschland, den Niederlanden, Italien, Österreich, Griechenland usw.). Das Quartett spielte mit Cellisten wie Julian Steckel und Jérôme Pernoo oder Pianisten wie Alexandre Tharaud und Bertrand Chamayou zusammen. Sein Repertoire umfasst alle Epochen und Stile der Kammermusik, zeigt aber ein besonderes Interesse für zeitgenössische Musik, etwa von Xenakis, Rihm oder Jonathan Harvey, mit dem es Gelegenheit zur Zusammenarbeit hatte. Seit seiner Gründung wird das Quartett regelmässig von Hatto Beyerle betreut und beraten. Es arbeitet auch im Rahmen der ECMA-European Chamber Music Academy mit ihm zusammen.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 31, Es-dur, op. 20, Nr. 1, Hob. III:31 (1772)

Allegro moderato
Menuet ma poco Allegretto – (Trio)
Affetuoso e sostenuto
Finale: Presto

Ignaz Pleyel
1757-1831

Streichquartett Es-dur, op. 1/2, Ben. 302

Allegro
Menuetto – Trio
Adagio ma non troppo – Presto – Adagio – Presto

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b) (1783)

Allegro ma non troppo
Andante con moto
Menuetto: Allegro – Trio
Allegro vivace

Auftritt «von einem gewissen Pleyel» – «der beliebteste, der gespielteste und genossenste Tonkünstler»

Zu Haydns Opus 20 bemerkte 1929 Sir Donald Tovey: «Mit Opus 20 erreicht die historische Entwicklung von Haydns Quartetten ihren Endpunkt; und weiterer Fortschritt ist nicht Fortschritt in irgendeiner geschichtlichen Bedeutung, sondern schlicht der Unterschied zwischen einem Meisterwerk und dem nächsten. (...) Keine spätere Gruppe von sechs Quartetten, nicht einmal Opus 76, ist so einheitlich gewichtig und so vielgestaltig wie Opus 20. Wenn Haydns Karriere hier geendet hätte, hätte niemand erraten können, welche von einem halben Dutzend verschiedener Richtungen er eingeschlagen hätte.» Klassische Überlegenheit geht allerdings den Quartetten des op. 20 noch ab. Friedrich Blume sprach 1931 von einer «Sackgasse eines übersteigerten Radikalismus». Als einziges weist das Opus 20 zwei Moll-Werke auf. Die Entstehungsreihenfolge ist nicht gesichert; seit der Erstausgabe bei Chevardière in Paris (wohl 1774) bildet aber das Es-dur-Quartett die Nummer 1. Es mag das unproblematischste, vielleicht heiterste und klassischste der sechs Stücke sein, die sonst durch Eigenwilligkeiten und auch eine gewisse Uneinheitlichkeit auffallen, man denke nur an die drei Fugen-Finali. Der junge Beethoven war von diesem Es-dur-Quartett so beeindruckt, dass er es 1793/94 eigenhändig kopiert hat. Im Kopfsatz setzt das viertaktige Thema mehrfach an, bis es in die Dominante findet. Das kraftvolle Menuett kontrastiert mit dem leisen, nur halb so langen Trio. Besonders schön ist der langsame Satz in As-dur im 3/8-Takt. Zweifellos hat er für Mozart als Ausgangspunkt für das ebenfalls in As-dur stehende Andante con moto, nun im 6/8-Takt, im Quartett KV 428 gedient. Einen echten Kontrast dazu gibt Haydn im humorvollen Presto-Finale in Sonatensatzform.

Schüler Haydns war von 1772 bis 1777 dank der Unterstützung von Graf Ladislaus Erdödy der in Ruppersthal (Niederösterreich) geborene Ignaz Joseph Pleyel. Darauf wurde er Kapellmeister seines Förderers in Pressburg. 1783 ging er nach Strassburg, wo er zunächst als Assistent, später als Kapellmeister an der Kathedrale wirkte, und zeitweise nach London. 1795 zog es ihn nach Paris. Als der Erfolg seiner Kompositionen vor allem nach der Jahrhundertwende nachliess, machte er sich als Verleger (seit 1797) – 1801/02 brachte er die erste Gesamtausgabe der Quartette Haydns heraus – und ab 1807 vor allem als Klavierbauer einen Namen. Chopin liebte seine Klaviere und besass zwei Pleyels. Pleyels Quartette op. 1 erschienen im November 1783 mit Widmung an Graf Erdödy in Wien bei Rudolf Graeffer, Mitte Dezember 1784 ebenda die Haydn gewidmeten Quartette Opus 2. Beide Opera umfassen je sechs Quartette. Im Gegensatz zu den gleichzeitigen Quartetten Haydns und Mozarts sind sie – wie in Wien damals meist üblich – in der Regel dreisätzig, vereinzelt zweisätzig (in op. 2 ist eines viersätzig; im Opus 3 sind sie zumindest teilweise viersätzig). Pleyels Quartette sind gewollt einfacher als die Haydns oder Mozarts. Thematische und kontrapunktische Arbeit ist darin nicht stark gewichtet. Man hat Pleyel nachgesagt, er habe weniger Tiefgang als Haydn und er ziele auf Gefälligkeit und Unterhaltung. Das muss keine Abwertung sein, zumal wenn es Pleyels eigener Entschluss war, diesen Stil zu pflegen. Wie die Diskussion zwischen Vater und Sohn Mozart zeigt, war das damals ein umstrittener Punkt, welcher über (finanziellen) Erfolg entscheiden konnte. Der Kopfsatz des Es-dur-Quartetts Ben. 302 beginnt markant mit einer unisono-Passage in allen vier Instrumenten, bevor sich die Stimmen unter Führung der 1. Violine aufteilen. Immer wieder tauchen, auch im Mittelteil, unisono-Passagen auf. Den Mittelsatz bildet ein «ganz einfaches, aber nicht ganz kunstloses Menuett» mit einem pianissimo gehaltenen Trio. Der dritte Satz ist in zwei langsame Abschnitte mit punktierten Rhythmen und zwei heitere Presto-Teile gegliedert. Das wirkt mehr wie eine Verknüpfung von langsamem Satz und Final-Presto als wie ein Finalrondo mit langsamer Einleitung. Das Presto, «das alle einfacheren Überraschungstechniken eines Haydn-Finales vorführt,» gewinnt aber in jedem Fall zuletzt Überhand. «Die Satztechnik ist unendlich viel einfacher als in Haydns op. 17 oder 20 oder gar in op. 33 (...), aber sie ist doch als Vereinfachung zu erkennen, also keine gleichsam ursprüngliche Simplizität» (Zitate: Ludwig Finscher). Für den Zürcher Musikpädagogen, Verleger und Komponisten Hans Georg Nägeli (1773-1836; noch heute bekannt durch das Chorlied «Freut euch des Lebens») galt gemäss seinen «Vorlesungen über Musik mit Berücksichtigung der Dilettanten» (erschienen 1826) am Ende des 18. Jahrhunderts Pleyel als «der beliebteste, der gespielteste und genossenste Tonkünstler». Nägeli erkannte den Gegensatz der Quartette von Pleyel «mit seinem niederen Styl zu dem höheren Haydn’schen» und bemerkte ausserdem: «Pleyel bot leichtere Kost; die Spielbarkeit, und ebensowohl die Fasslichkeit seiner Quartetten (...) lockte auch schwächere Spieler herbey.» Mozart hatte das Opus 1 «von einem gewissen Pleyel» seinem Vater gegenüber im April 1784 gerühmt. Sie erfüllten vermutlich Leopolds Forderung an seinen Sohn, Quartette sollten «kurz – leicht – popular» sein.

Mozarts Es-dur-Quartett dürfte zwischen Juli 1783 und Januar 1784 als drittes der Haydn-Serie entstanden sein. Mit seiner fast spröden Wendung nach innen ist es das eigenartigste der sechs Werke: Die bekannte Es-dur-Festlichkeit zeigt es nicht. Harmonisch unbestimmt beginnt der Kopfsatz mit einer viertaktigen Passage im Unisono, allerdings rhythmisch ganz anders als in Pleyels Ben. 302. Mit diesen vier Takten ist das «unisono-Abenteuer» auch bereits abgeschlossen. Der zweite Anlauf lässt das Thema mit überraschenden Dissonanzen harmonisch auftreten. Die Durchführung ist kurz. Das Andante in der Tristan-Tonart As-dur knüpft an Haydns As-dur-Satz in op. 20/1 an und ist harmonisch noch ungewohnter. In den Takten 15 und 40 kann, wer will, tatsächlich eine Vorahnung des Tristanmotivs hören. Das ausgedehnte Menuett beginnt mit vehementer Attacke auftaktig; das Trio versteckt seine Tonart B-dur hinter einer langen c-moll-Melodie. Erst das Finale, eine Art Sonatensatz ohne Durchführung, bricht mit der Unbestimmtheit der vorangehenden Sätze und erweist sich, obwohl es ureigenster Mozart bleibt, mit seinem Humor, seinem den Hörer immer wieder überraschenden geringen Abweichen vom Erwarteten und mit einer gehörigen Portion Virtuosität als eine Hommage an Haydn, ohne auf ein konkretes Vorbild Bezug zu nehmen.