Kammermusik Basel

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Werkdetails

Deux Danses pour harpe chromatique et cordes, L. 103 (1904)

Claude Debussy
1862-1918
Danse sacrée
Très modéré – En animant peu à peu – 1° Tempo –
Danse profane
Modéré – Animez – 1° Tempo – Retenu – Le double moins vite – 1° Tempo – Retenu

Debussy hat sich aufgrund von Kompositionsaufträgen der Harfe zugewandt. Beim ersten steht ein Konkurrenzkampf dahinter: Die beiden führenden Pariser Klavierbaufirmen entwickelten Ende des 19. Jahrhunderts neue Harfentypen, Pleyel eine chromatische Harfe mit gekreuzten Saiten, Erard eine Doppelpedalharfe. Beiden gelang es 1904/05, je einen führenden Komponisten für ihre Sache zu gewinnen: Pleyel Debussy mit seinen «Deux Danses», Erard Ravel mit «Introduction et Allegro» für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett. Debussys attacca verbundene Danses sind in gemässigtem Tempo gehalten, wobei in der Danse profane die häufigeren Tempowechsel auch raschere Bewegungen zulassen. Die Harfe ist in diesem nicht eigentlich als Kammermusik gedachten Werk weitgehend solistisch behandelt, während die Streicher die Akkorde als Grundlage für das virtuosere (Figuren-)Spiel der Harfe liefern, doch auch zur thematischen Entwicklung beigezogen werden. Edgar A. Poe’s Arabeske «The Masque of the Red Death» (1842) beginnt so: Der ‚Rote Tod’ hatte lang das Land verheert. Nicht eine Pestilenz je war so voll Verderben, so scheusslich graus gewesen. (...) Doch der Fürst Prospero war glücklich und beherzt und von besonderem Kunstsinn. Als seine Lande halb entvölkert waren, forderte er wohl tausend gesunde und frohmutige Freunde unter den Rittern und Damen seines Hofes vor sein Angesicht, und mit ihnen zog er sich in die tiefe Abgeschiedenheit einer seiner befestigten Abteien zurück. (...) Der Fürst hatte Fürsorge getroffen für jede Art Zerstreuung. Possenreisser waren zur Stelle, Improvisatoren, Ballett-Tänzer auch und Musikanten, da gab es Schönheit, da gab es Wein. All dies und Sicherheit waren drinnen. Draussen war und blieb der ‚Rote Tod’. Es ging gegen Ende des fünften oder sechsten Monds seiner Zurückgezogenheit, da vereinte Fürst Prospero, indessen draussen die Pestilenz am wildesten wütete, all seine tausend Freunde auf einem Maskenball von allerhöchster Pracht. Es war ein zügellos wollüstliches Schauspiel, dieses Maskenfest. Klar, dass den vermauerten Zugängen zum Trotz der Tod maskiert ebenfalls erscheint. Mit jedem Stundenschlag nimmt seine Macht zu und sein Terror erfasst die Anwesenden immer stärker. Am Ende fällt ihm alles zum Opfer. André Caplet, erfolgreicher Rompreisgewinner (vor Ravel) und Dirigent aus Le Havre, war später Mitarbeiter Debussys, für den er orchestrierte. Als Komponist war er vor allem nach seiner im 1. Weltkrieg erlittenen Lungenverletzung aktiv. Schon 1908 schrieb er eine «Etude symphonique pour harpe chromatique principale et orchestre»; 1923 überarbeitete er sie für Harfe und Streichquartett, diesmal für die Harfe Erards. Der Partitur stellte er Zitate aus Poes Arabeske voran – im Stück selber hören wir das Klopfen des Todes an die Tür und die zwölf Glockenschläge der alten Uhr. Caplet nutzt die Möglichkeiten klanglicher Wirkungen in der Spieltechnik der Streicher. Die Harfe stellt wohl die Hauptperson dar, wie sie, zuerst nur latent, später real anwesend, laut Debussy «organise la terreur». Ohne in Details die Handlung instrumental darstellen zu wollen, gelingt es Caplet, zwischen erzählender Darstellung und der Stimmung zu vermitteln, wie unheimliche Spannung und Schrecken zunehmen. Was er ausdrücken wollte, sagt er im der Partitur vorangestellten Satz: «Dans une atmosphère lourde d’angoisse et d’épouvante, c’est, brusque et hideuse, l’apparition du Masque de la Mort rouge, dont le rictus diabolique dénonce la joie rageuse et impitoyable de tout livrer à l’anéantissement.»

Aufführungen

865 6.11.2012 Carmina Quartett