Werkdetails

Die schöne Müllerin, Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller, D 795 (1823)

Franz Schubert
1797-1828
Das Wandern
Wohin?
Halt!
Danksagung an den Bach
Am Feierabend
Der Neugierige
Ungeduld
Morgengruss
Des Müllers Blumen
Tränenregen
Mein!
Mit dem grünen Lautenbande
Der Jäger
Eifersucht und Stolz
Die liebe Farbe
Die böse Farbe
Trockne Blumen
Der Müller und der Bach
Des Baches Wiegenlied

Dauer ca:

Als Schubert vermutlich im Oktober 1823 mit der Vertonung des Liedzyklus der «Schönen Müllerin» begann, hatte er bereits zyklisch Gedichte vertont, etwa die «Gesänge des Harfners» (1816/1822) aus Goethes «Wilhelm Meister». Neuartig war jetzt die Vertonung eines novellenartigen Zyklus, wie es bereits Beethoven in «An die ferne Geliebte» 1816 getan hatte. Schubert entnahm die Gedichte den «Sieben und siebenzig Gedichten aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten» des Dessauer Gelehrten und Dichters Wilhelm Müller (1794–1827). Sie waren in jenem Jahr 1821 erschienen, in dem Griechenland sich gegen die Türken erhob, was in Europas politischer und gebildeter Welt – man denke an Lord Byron – eine unerhörte Griechenbegeisterung hervorrief. Da sich der Philologe, Historiker und Dessauer Hofbibliothekar Müller vehement für die Sache der Griechen engagierte, nannte man ihn den «Griechenmüller». Von diesen politischen Ereig-nissen ist weder in den Texten noch in Schuberts Musik etwas zu spüren, im Gegenteil! Nur wenig älter als Schubert starb Müller bereits 1827. Heute ist er, obwohl er fünf Gedichtbände hinterliess, einzig als Lieferant der Texte zur «Müllerin», zur «Winterreise» und zu «Der Hirt auf dem Felsen» bekannt. Seine Texte geben sich einfach und natur-verbunden, ja volksliedhaft. Der Einfluss von «Des Knaben Wunderhorn» ist spürbar. Bereits Müller hatte zu seinen Gedichten selber Melodien schreiben wollen. Als Schubert aus den 25 Gedichten der «Novelle» 20 auswählte und sie bis November 1823 vertonte, wurde Müllers Wunsch erfüllt – in einem viel höheren Masse als zu erwarten gewesen wäre. Zwar bleibt auch Schubert vielfach volksliedhaft einfach, komponiert fast die Hälfte der Texte als Strophenlieder (Nr. 1, 7, 8, 9, 10, 13, 14, 16, 20). Und doch erreicht er auch in ihnen eine einmalige Qualität in der Wort-Ton-Beziehung, im Erfassen von psychologischen Finessen, die er etwa mit dem einfachen Mittel des Dur-Moll-Wechsels in kleinsten Bereichen zum Ausdruck bringt. Feine Nuancen zeigen in jedem Lied, wie sehr er auf die Situation eingeht. Das Klavier übernimmt eine eigene Rolle der Darstellung: Es gibt über blosse Begleitung hinaus Kommentare ab und deutet die Texte auf seine Weise. Die simple Dreiecksgeschichte um enttäuschte Liebe zwischen dem Müllerburschen, der Müllerstochter und dem Jäger erhält dadurch, dass sie einzig aus der Sichtweise des Burschen gesehen und interpretiert wird, ihren Reiz. Die Naivität, mit der er seine vermeintliche Liebe (die es als gegenseitige Beziehung gar nie gab) schildert, gibt dem Text und der Musik überraschenderweise die Tiefe des (vermeintlich) Erlebten. Nicht Schubert komponiert naiv, sondern er komponiert die Naivität des Burschen in natürlicher und doch kunstvoller Weise aus. Der romantisch naturverbundene Bursche hat letztlich nur eine einzige Beziehung, einen Dialogpartner und Tröster: den Bach. Doch der spricht wiederum die Gedanken des Müllers selbst. Am Ende findet dieser seine Ruhe in den Tiefen des Baches – und der Bach singt ihm dazu sein Wiegenlied. Erst in diesem himmlisch langen Strophenlied, dem längsten des ganzen Zyklus, spricht der Bach allein, aber wieder sind es die vom Müller am Ende von Nummer 19 gewünschten Worte. Wenn wir dieses Schlusslied mit dem der Winterreise vergleichen, wie heiter-hell bleibt das Bild trotz dem todtraurigen Ausgang der Geschichte! Der vom eigenen Versagen geplagte Bursche findet hier gewiss seine «gute Ruh» – ganz im Gegensatz zum Wanderer der «Winterreise».

Aufführungen

843 23.11.2010 Christoph Prégardien, Tenor
746 16.10.2002 Christian Gerhaher, Bariton