Kammermusik Basel

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Werkdetails

«Die Winterreise». Zyklus von 24 Liedern nach Texten von Wilhelm Müller, op. 89, D 911 (1827)

Franz Schubert
1797-1828
Gute Nacht
Die Wetterfahne
Gefrorne Tränen
Erstarrung
Der Lindenbaum
Wasserflut
Auf dem Flusse
Rückblick
Irrlicht
Rast
Frühlingstraum
Einsamkeit
Die Post
Der greise Kopf
Die Krähe
Letzte Hoffnung
Im Dorfe
Der stürmische Morgen
Täuschung
Der Wegweiser
Das Wirtshaus
Mut
Die Nebensonnen
Der Leiermann

"Die Korrektur von der zweiten Abtheilung der Winterreise waren die letzten Federstriche des vor kurzem verblichenen Schubert." Dieser Satz aus der Verlagsankündigung vom Dezember 1828 ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Ungewollt gerät der unglückliche Winterreisende in die Nähe von Schuberts eigenem Tod – eine Mythifizierung, wie sie im Zusammenhang mit Schuberts frühem Tod zu Unrecht mehrfach anzutreffen ist (man denke an die "Unvollendete"!), setzt ein. Zudem erfahren wir, dass der Zyklus offenbar in zwei Abteilungen veröffentlicht wurde. Diese Zweiteilung gilt auch für die Entstehung, und zwar in doppelter Hinsicht: Die ersten zwölf Lieder, deren Text Schubert offensichtlich aus Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823 entnommen hat, wo auch bereits der Titel „Die Winterreise“ vorliegt, sind zu Beginn des Jahres 1827 entstanden (die Reinschrift von Gute Nacht ist mit Februar 1827 datiert). Wilhelm Müller (1794-1827) selbst hat später zwölf Gedichte hinzugefügt und 1824 gesamthaft unter dem Titel Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten in Dessau herausgebracht. Während der Dessauer Müller, wegen seines Einsatzes für den Befreiungskampf der Griechen auch Griechen-Müller genannt, dabei die neuen Gedichte zwischen die alten einfügte (Reihenfolge in der Zählung gemäss Schubert: 1-5 / 13 / 6-8 / 14-21 / 9-10 / 23 / 11-12 / 22 / 24), hängte sie Schubert, der im Oktober 1827 mit der Komposition der zweiten Abteilung begann, an die bereits komponierten an. Einzig Mut und Die Nebensonnen stellte er um. Dieses Faktum zeigt unter anderem, dass die Winterreise – anders als Die schöne Müllerin – keine gerichtete "Handlung" aufweist. Das erschütternde Ereignis, die verratene Liebe, ist bereits geschehen (das erste Lied Gute Nacht deutet den Verlust gleich in der ersten Strophe an). Der Enttäuschte kann nur aufbrechen und wandern; das schlimme Ereignis lässt ihn nicht los. So kreisen die Texte immer um dasselbe, variieren die gleichen Gedanken und greifen das im einsamen Wandern so typische Reflektieren in neuen Formen und Bildern, aber letztlich im gleichen Gefühl wieder auf. Der Wanderer der Winterreise bricht zwar auf, als ob er mit dem Bruch und Ortswechsel das Problem lösen könnte (Nr. 1 ist ein Wanderlied – aber was für eines mit seiner bereits gewissen Verzweiflung im Vergleich zur Nr. 1 der Müllerin, wo das Wandern als typische, heitere Eigenart, ja Lieblingseigenschaft von Müllersburschen dargestellt wird), geht dann aber gleichsam nur noch im Kreis herum und findet sein eigentliches Ziel, das „Wirtshaus“, den Totenacker, nicht. Das Kreisende, welches wohl nicht zufällig in der Textentstehung und in der Komposition enthalten ist (bei dem psychischen Zustand des Wanderers liessen sich letztlich endlos weitere Gedichte einfügen), findet sein Abbild im Schlusslied: Der seinen Leierkasten sinnlos – er hat ja keine Zuhörer – drehende Leiermann wird zum Ebenbild des ebenso sinnlos über sein Schicksal nachdenkenden und trotz Wegweiser ziellos kreisenden Wanderers. Ob der Lei-er-mann der den Wanderer erlösende Tod ist, wie es in der Müllerin der Bach war, bleibt letztlich offen wie Schuberts schwebende Quinte am Ende des Zyklus. Dieses Schauerlich-Ungewisse, diese Hilflosigkeit trotz zeitweiligem Aufbäumen, Aufbegehren und Trotzen (Der stürmische Morgen oder Mut), dieses immer mehr in sich selbst hinein Kreisen hat Schuberts Freunde und Zeitgenossen tief erschüttert, so dass sie über den Zyklus erschraken. Schubert selbst, den die Komposition mehr angegriffen hat als seine früheren Lieder, war sich der Ungewöhnlichkeit des Zyklus bewusst. Als er seine Freunde im Herbst 1827 zu einer ersten Audition bei Schober einlud, wo er den Zyklus selber vortrug, sprach er von einem „Kreis schauerlicher Lieder“. Schubert ist es gelungen, über diese Texte in eine Tiefe, in Schmerz und Einsamkeit vorzudringen wie kaum je zuvor Textvertonungen. Was in der Müllerin noch naive Volksliedhaftigkeit und im Grunde Heiterkeit gewesen war (man vergleiche den hellen Bach in der Müllerin, auch wenn er den Tod in sich birgt, und den Winterreise-Fluss in Auf dem Flusse), ist trotz mancher textlicher Volkstümlichkeit einer monochrom-schmerzhaften Trostlosigkeit gewichen (16 Lieder stehen in Moll). Das einzige scheinbar volkstümliche Lied, Der Lindenbaum, war auch das einzige, das den Zuhörern der ersten Aufführung gefallen hat. (Später allerdings, nachdem Schuberts Hauptliederinterpret Johann Michael Vogl die Winterreise mehrfach vorgetragen hatte, änderten Schuberts Freunde laut dem Bericht Spauns ihre Haltung dem Zyklus gegenüber: „Bald waren wir begeistert von diesen wehmütigen Liedern, die Vogl unübertrefflich vortrug.“) Die „Volksliedfassung" des Lindenbaums von Friedrich Silcher für (Männer-) Chor gleicht bezeichnenderweise die beängstigende Mollpassage der dritten Strophe an das Dur der beiden ersten an und macht auch sonst ein einfaches Strophenlied daraus (Frieder Reininghaus nennt diese Chorversion eine „spiessbürgerliche und reaktionäre Sonntagsnachmittagsidylle in der Kleinstadt“, Elmar Bozetti „biedermeierliche Scheinwirklichkeit ohne Realitätsbezug“). Bei Schubert dagegen bleiben Rückblicke, Täuschungen oder Träume selbst dort, wo sie für kurze Momente schöne Erinnerungen wach werden lassen, etwa in Lindenbaum, Rückblick oder Frühlingstraum, Illusion. Das kurze Dur wandelt sich rasch wieder ins Moll. Der Wanderer gibt sich gern und ohne Zögern den Verlockungen auf falsche Wege hin (Nr. 9 Irrlicht, Nr. 19 Täuschung). Er weiss, was Illusionen und Täuschungen, die den „normalen Menschen“ so verwirren, so enttäuschen können, für ihn sind: „Nur Täuschung ist für mich Gewinn“ (Nr. 19). Schubert hat übrigens für den Beginn dieses Liedes auf eine Arie des Alfonso aus seiner Oper „Alfonso und Estrella“ D 732 (Nr. 11, Takte 60-68) von 1821/22 zurückgegriffen. Schon am 27. März 1824 hatte Schubert in seinem Tagebuch notiert: "Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz entstanden! Jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen am wenigsten die Welt zu erfreuen." Erfreuen wird uns das Schmerzend-Verbohrte dieser Winterreise auch heute nicht – dafür kann sie dank Schuberts Musik noch immer erschüttern, wie es nur wenige Werke der Musikgeschichte vermögen. Heute kann die Musik der Winterreise sogar als Mittel für Auswege aus Krisen und als Hilfe zur Verarbeitung von Schmerz und Trauer sowie für Coachings und Therapien bei Managern dienen, denn „gerade im berufsbezogenen Kontext kann ein gescheitertes, zentrales Projekt dem Initiator ähnlich tiefen, existentiellen Schmerz bereiten wie eine verlorene Liebe“ (Christina Kuenzle, „Vom Abendrot zum Morgenlicht“, vgl. BaZ vom 24. November 2009). Es ist nur zu hoffen, dass Schuberts Winterreise mit ihrer ergreifenden Musik auch aus andern Gründen aufmerksame und beeindruckte Zuhörer findet als wegen eines praktischen Nutzens.

Aufführungen

911 18.10.2016 Thomas Oliemans, Bariton
836 2.2.2010 Werner Güra, Tenor
726 7.11.2000 Dietrich Henschel, Bariton