
Im Februar 1923 rief der Wiener Komponist und Kompositionslehrer Arnold Schönberg seine Schüler zu sich, um ihnen die Theorie vorzustellen, die heute untrennbar mit seinen Namen verbunden ist: die so genannte «Zwölftontechnik», wissenschaftlich «Dodekaphonie». Alban Berg, Schönberg-Schüler seit 1904, wurde als der Vertreter dieser Schule bekannt, der am deutlichsten die Verbindung zu spätromantischer Expressivität aufrecht erhielt. Dies zeigt seine 1925 und 1926 komponierte «Lyrische Suite» für Streichquartett. Es gelang Berg, sein Werk mit einer autobiografischen Ebene zu verbinden, die erst ein halbes Jahrhundert nach Entstehung durch den Musikwissenschaftler George Perle entschlüsselt wurde und zeigt, wie wenig die oft verrufene «Zwölftontechnik» mit kalter Mathematik zu tun hat. Perle entdeckte eine Partitur der Komposition mit von Berg stammenden handschriftlichen Eintragungen, die auf eine programmatische Bedeutung der Musik hindeuten. Hintergrund war die kurze, aber intensive Affäre des (verheirateten) Alban Berg zu der Industriellengattin Hanna Fuchs-Robettin, die in der Komposition durch die Notenkonstellationen A-B und H-F auftaucht. Darüber hinaus ordnen sich die Sätze zu einer Szenenfolge: Der erste etwa zeichnet eine Atmosphäre, «dessen belanglose Stimmung die folgende Tragödie nicht erahnen lässt». Der zweite ist eine «Szene im Hause Hannas», im dritten offenbart das Trio estatico das Liebesgeständnis, dessen Verheimlichung Berg durch den Gebrauch von Dämpfern unterstreicht.
Ein Wunderkind wie Felix Mendelssohn Bartholdy hat quasi zwei Werkverzeichnisse. In dem einen finden sich die reifen, vom Verfasser selbst akzeptierten Werke, im anderen die Schöpfungen der Jugendzeit - von der Nachwelt bewundert, aber nicht immer vom Komponisten selbst als gut genug für die Veröffentlichung eingeschätzt. So komponierte Mendelssohn bereits als 12- und 13-Jähriger ein ganzes Dutzend ausgefeilter Streichersinfonien. Mit 13 machte er sich erstmals ernsthaft an ein Streichquartett, das erst 1878 der Öffentlichkeit bekannt wurde. Mit 18 Jahren schuf der Komponist auf Gut Sakrow bei Potsdam das erste seiner sechs gültigen Quartette, das op. 13 in a-Moll, das irrtümlich heute als Nr. 2 in den Katalogen zu finden ist (das offizielle erste Quartett op. 12 in Es-Dur entstand erst zwei Jahre später). Zu dem Durcheinander der zwei Schaffensabschnitte kommt also auch noch eine ungenaue Zählung. 1827, das Jahr der Entstehung von op. 13, war das Todesjahr von Ludwig van Beethoven, dessen Quartette ebenfalls gerade im Druck erschienen waren. Mit diesem grossen Vorbild setzte sich Mendelssohn in seinem a-Moll-Quartett auseinander, vor allem mit dem Konzept, der einheitlichen Wurzel der ganzen mehrsätzigen Komposition, wie er selbst bemerkte: «Die Beziehung aller (…) Stücke einer Sonate auf die andere und die Theile, so dass man durch das blosse Anfangen durch die ganze Existens (!) so eines Stückes schon das Geheimnis weiss … das muss in die Musik.» Das «Geheimnis», also der Grundgedanke, ist bei Mendelssohn ein Zitat aus seinem Lied «Ist es wahr?» (op. 9 Nr. 1), das in der langsamen Einleitung auftaucht, sich in der Thematik des Allegro-vivace-Teils fortsetzt, in den kontrapunktischen Finessen des zweiten Satzes wiederkehrt und bis in die Fuge des Finales hineinwirkt.
Oliver Buslau