Konzerte Saison 2025-2026

  • 13.1.2026
  • 19:30
  • 100.Saison
  • Abo 8
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Leonkoro Quartett (Berlin)

Das 2019 in Berlin gegründete Ensemble wird von den Brüdern Jonathan und Lukas Schwarz an erster Violine und Cello gerahmt, während Emiri Kakiuchi an der zweiten Violine und Mayu Konoe an der Bratsche die Mittelstimmen bilden. Leonkoro, aus dem Esperanto: Löwenherz, spielt auf Astrid Lindgrens Kinderbuch über zwei Brüder an, das der schwerwiegenden Tatsache des Sterbens eine herzliche Portion Trost gegenüberstellt – ein Zusammenhang, dem sich auch an vielen Stellen das Streichquartett-Repertoire widmet. In den Jahren 2022 -2025 erhielt das Leonkoro Quartett eine Reihe renommierter Auszeichnungen und Preise, die seinen Platz unter den gefragtesten Ensembles seiner Generation festigen, unter anderem den renommierten Musikpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, den 1. Preis und neun Sonderpreise beim Internationalen Wettbewerb in der Londoner Wigmore Hall und den 1. Preis beim Concours International de Quatuor à Bordeaux. 2024 wurde das Leonkoro Quartett mit dem Young Talent Award des Concertgebouw Amsterdam ausgezeichnet – Auftakt einer vielversprechenden Zusammenarbeit. Neben dem Studium der Kammermusik bei Heime Müller (Artemis Quartett) an der Musikhochschule Lübeck studiert das Quartett seit 2020 bei Günter Pichler (Primarius Alban Berg Quartett) am Kammermusikinstitut der Escuela Superior de Música Reina Sofía Madrid. Zu den namhaften Mentoren des Ensembles zählten Eckart Runge und Gregor Sigl (Artemis Quartett) sowie der Pianist Alfred Brendel.
Der Niederländerin Henriëtte Bosmans wurde die Musik in die Wiege gelegt: Ihr Vater war ein berühmter Cellist seiner Zeit, der mit Edvard Grieg aufgetreten war, ihre Mutter eine angesehene Pianistin und Lehrerin am Konservatorium von Amsterdam. Das Klavier wurde auch Henriëtte Bosmans’ Instrument. Am Ende ihrer Teenagerjahre begann sie zu komponieren - unter anderem konzertante und kammermusikalische Cellowerke für ihre damalige Geliebte Frieda Belinfante. Henriëtte Bosmans lebte offen bisexuell. Sie verlobte sich nach der Trennung von Belifante nach sieben Jahren mit Francis Koene, dem Konzertmeister des Orchesters der Dresdner Oper. Beide erlebten, da sie aus jüdischen Familien stammten, Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Bosmans, von Berufsverbot betroffen, hielt sich unter anderem mit «Schwarzen Abenden», also geheimen Hauskonzerten, über Wasser. 1927 hatte sie begonnen, bei dem damals sehr renommierten Komponisten Willem Pijper Unterricht zu nehmen. Eine der ersten Schaffensfrüchte war ein Streichquartett, das sie Pijper widmete und laut Manuskript an ihrem Geburtstag, dem 8. September, vollendete. Hier zeigt sich die Komponistin in der feinen motivischen Entwicklung und der Auslotung der Streicherfarben auf dem Boden tonaler Erweiterung als stilistisch ebenbürtig an der Seite ihrer Zeitgenossen Debussy und Ravel.

Im Februar 1923 rief der Wiener Komponist und Kompositionslehrer Arnold Schönbe‍rg seine Schüler zu sich, um ihnen die Theorie vorzustellen, die heute untrennbar mit seinen Namen verbunden ist: die so genannte «Zwölftontechnik», wissenschaftlich «Dodekaphonie». Alban Berg, Schönberg-Schüler seit 1904, wurde als der Vertreter dieser Schule bekannt, der am deutlichsten die Verbindung zu spätromantischer Expressivität aufrecht erhielt. Dies zeigt seine 1925 und 1926 komponierte «Lyrische Suite» für Streichquartett. Es gelang Berg, sein Werk mit einer autobiografischen Ebene zu verbinden, die erst ein halbes Jahrhundert nach Entstehung durch den Musikwissenschaftler George Perle entschlüsselt wurde und zeigt, wie wenig die oft verrufene «Zwölftontechnik» mit kalter Mathematik zu tun hat. Perle entdeckte eine Partitur der Komposition mit von Berg stammenden handschriftlichen Eintragungen, die auf eine programmatische Bedeutung der Musik hindeuten. Hintergrund war die kurze, aber intensive Affäre des (verheirateten) Alban Berg zu der Industriellengattin Hanna Fuchs-Robettin, die in der Komposition durch die Notenkonstellationen A-B und H-F auftaucht. Darüber hinaus ordnen sich die Sätze zu einer Szenenfolge: Der erste etwa zeichnet eine Atmosphäre, «dessen belanglose Stimmung die folgende Tragödie nicht erahnen lässt». Der zweite ist eine «Szene im Hause Hannas», im dritten offenbart das Trio estatico das Liebesgeständnis, dessen Verheimlichung Berg durch den Gebrauch von Dämpfern unterstreicht.

Ein Wunderkind wie Felix Mendelssohn Bartholdy hat quasi zwei Werkverzeichnisse. In dem einen finden sich die reifen, vom Verfasser selbst akzeptierten Werke, im anderen die Schöpfungen der Jugendzeit - von der Nachwelt bewundert, aber nicht immer vom Komponisten selbst als gut genug für die Veröffentlichung eingeschätzt. So komponierte Mendelssohn bereits als 12- und 13-Jähriger ein ganzes Dutzend ausgefeilter Streichersinfonien. Mit 13 machte er sich erstmals ernsthaft an ein Streichquartett, das erst 1878 der Öffentlichkeit bekannt wurde. Mit 18 Jahren schuf der Komponist auf Gut Sakrow bei Potsdam das erste seiner sechs gültigen Quartette, das op. 13 in a-Moll, das irrtümlich heute als Nr. 2 in den Katalogen zu finden ist (das offizielle erste Quartett op. 12 in Es-Dur entstand erst zwei Jahre später). Zu dem Durcheinander der zwei Schaffensabschnitte kommt also auch noch eine ungenaue Zählung. 1827, das Jahr der Entstehung von op. 13, war das Todesjahr von Ludwig van Beethoven, dessen Quartette ebenfalls gerade im Druck erschienen waren. Mit diesem grossen Vorbild setzte sich Mendelssohn in seinem a-Moll-Quartett auseinander, vor allem mit dem Konzept, der einheitlichen Wurzel der ganzen mehrsätzigen Komposition, wie er selbst bemerkte: «Die Beziehung aller (…) Stücke einer Sonate auf die andere und die Theile, so dass man durch das blosse Anfangen durch die ganze Existens (!) so eines Stückes schon das Geheimnis weiss … das muss in die Musik.» Das «Geheimnis», also der Grundgedanke, ist bei Mendelssohn ein Zitat aus seinem Lied «Ist es wahr?» (op. 9 Nr. 1), das in der langsamen Einleitung auftaucht, sich in der Thematik des Allegro-vivace-Teils fortsetzt, in den kontrapunktischen Finessen des zweiten Satzes wiederkehrt und bis in die Fuge des Finales hineinwirkt.

Oliver Buslau

Henriëtte Bosmans 1895-1952

Streichquartett (1927)
Allegro molto moderato
Lento
Allegro molto

Alban Berg 1885-1935

Lyrische Suite für Streichquartett (1926)
Allegretto gioviale
Andante amoroso
Allegro misterioso – Trio estatico
Adagio appassionato
Presto delirando – Tenebroso
Largo desolato

Felix Mendelssohn Bartholdy 1809-1847

Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 13 (1827)
Adagio – Allegro vivace
Adagio non lento
Intermezzo: Allegretto con moto – Allegro di molto
Presto – Adagio non lento