Concerts Season 1971-1972

  • 15.2.1972
  • 20:15
  • 46.Season
  • Zyklus A
Stadtcasino, Festsaal

Fine Arts Quartet (Milwaukee/Wisconsin)

Biography available in German ▼
Commentary available in German ▼
Ein Wunderkind wie Felix Mendelssohn Bartholdy hat quasi zwei Werkverzeichnisse. In dem einen finden sich die reifen, vom Verfasser selbst akzeptierten Werke, im anderen die Schöpfungen der Jugendzeit - von der Nachwelt bewundert, aber nicht immer vom Komponisten selbst als gut genug für die Veröffentlichung eingeschätzt. So komponierte Mendelssohn bereits als 12- und 13-Jähriger ein ganzes Dutzend ausgefeilter Streichersinfonien. Mit 13 machte er sich erstmals ernsthaft an ein Streichquartett, das erst 1878 der Öffentlichkeit bekannt wurde. Mit 18 Jahren schuf der Komponist auf Gut Sakrow bei Potsdam das erste seiner sechs gültigen Quartette, das op. 13 in a-Moll, das irrtümlich heute als Nr. 2 in den Katalogen zu finden ist (das offizielle erste Quartett op. 12 in Es-Dur entstand erst zwei Jahre später). Zu dem Durcheinander der zwei Schaffensabschnitte kommt also auch noch eine ungenaue Zählung. 1827, das Jahr der Entstehung von op. 13, war das Todesjahr von Ludwig van Beethoven, dessen Quartette ebenfalls gerade im Druck erschienen waren. Mit diesem grossen Vorbild setzte sich Mendelssohn in seinem a-Moll-Quartett auseinander, vor allem mit dem Konzept, der einheitlichen Wurzel der ganzen mehrsätzigen Komposition, wie er selbst bemerkte: «Die Beziehung aller (…) Stücke einer Sonate auf die andere und die Theile, so dass man durch das blosse Anfangen durch die ganze Existens (!) so eines Stückes schon das Geheimnis weiss … das muss in die Musik.» Das «Geheimnis», also der Grundgedanke, ist bei Mendelssohn ein Zitat aus seinem Lied «Ist es wahr?» (op. 9 Nr. 1), das in der langsamen Einleitung auftaucht, sich in der Thematik des Allegro-vivace-Teils fortsetzt, in den kontrapunktischen Finessen des zweiten Satzes wiederkehrt und bis in die Fuge des Finales hineinwirkt.
Debussys Streichquartett gilt als typisch französische Musik. Das ist gewiss richtig. Daneben haben aber auch andere Einflüsse zum Stil des 1893 entstandenen Werks beigetragen. Fünf Jahre zuvor hatte der Komponist – wie schon früher – Bayreuth besucht und Wagners Parsifal erlebt, was ihn sehr beeindruckte. Anlässlich der Pariser Weltausstellung 1889 begegnete ihm fernöstliche Musik, die erstmals in Europa zu erleben war. Alle diese Elemente hat Debussy zu einer eigenen Klangsprache zusammengefügt, welche ihren Reiz und ihre Eigenständigkeit ausmachen. Akademische Formen mochte Debussy nicht. So führte seine Klanglichkeit – man darf auch von Klangfarbe sprechen (kein Wunder, dass oft Begriffe der Malerei gewählt werden) – und der freie Umgang mit der Form zu eigenem Stil. Die vier Sätze sind alle aus dem Hauptthema des Kopfsatzes entwickelt, das mit den drei Tönen g - f - d beginnt. Dies geschieht aber nicht in Form der klassischen Durchführungstechnik, sondern indem derselbe Gedanke immer wieder mit exotischen Klängen und mit gleitenden Instrumentalfarben umspielt wird. Dazu kommt eine ungewohnte Rhythmik, die das Publikum der ersten Aufführung ebenso irritierte wie die neue Klanglichkeit. Debussys Freund Paul Dukas beschrieb anlässlich der Uraufführung die Bedeutung des Werks: «Alles darin ist klar und deutlich gezeichnet, trotz grosser formaler Freiheit. Debussy zeigt eine besondere Vorliebe für Verknüpfungen klangvoller Akkorde und für Dissonanzen, die jedoch nirgends grell, vielmehr in ihren komplexen Verschlingungen fast noch harmonischer als selbst Konsonanzen wirken; die Melodie bewegt sich, als schreite sie über einen luxuriösen, kunstvoll gemusterten Teppich von wundersamer Farbigkeit, aus dem alle schreienden und unstimmigen Töne verbannt sind.»

Felix Mendelssohn Bartholdy 1809-1847

Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 13 (1827)
Adagio – Allegro vivace
Adagio non lento
Intermezzo: Allegretto con moto – Allegro di molto
Presto – Adagio non lento

Charles Wuorinen 1938-

Streichquartett (1970/71)
¼ = 60
Stesso tempo
¼ = 60. Allegramente

Claude Debussy 1862-1918

Streichquartett g-moll, op. 10 (1893)
Animé et très décidé
Assez vif et bien rythmé
Andantino, doucement expressif
Très modéré – Très mouvementé et avec passion – Tempo rubato