Konzerte Saison 1981-1982

  • 15.12.1981
  • 20:15
  • 56.Saison
  • Mozart-Beethoven-Bartók-Zyklus (B)
Stadtcasino, Festsaal

Melos-Quartett (Stuttgart)

Bartóks knappstes, konzentriertestes Quartett war damals das kühnste seiner Werke und durfte als repräsentativ für moderne Musik gelten, selbst im Vergleich mit den Werken des Schönberg-Kreises. Adorno hielt es damals für «fraglos die beste von des Ungarn bisherigen Arbeiten» und bewunderte die «Formkraft des Stückes, die stählerne Konzentration, die ganz originale, aufs genaueste Bartóks aktueller Lage angemessene Tektonik». Die Recapitulazione bildet die Reprise des 1. Satzes, die Coda nimmt, ebenfalls reprisenhaft, Material der Seconda parte wieder auf. Dies ergibt eine ungeheure Geschlossenheit. Dazu kommt, dass die Motive auf zwei oder drei beschränkt sind; aus ihnen wird das gesamte Material des ganzen Werkes abgeleitet. Neu ist vor allem die Lösung von romantischen und vordergründig folkloristischen Anklängen und besonders die in ihren harmonischen Schärfen und in der kontrapunktischen Kompromisslosigkeit noch nie gehörten, dem Streicherklang bisher fremden Farben.
Beethoven hat sein opus 130 (wie 127 und 132) zwar im Auftrag des russischen Fürsten Galitzin geschrieben, hat aber im Gegensatz zum op. 59 keinen Bezug mehr zu russischer Musik gesucht. In der Satzfolge verdoppelt er in komplementärer Weise sowohl den Tanzsatz – scherzohaftes Presto und beschwingt heitere Danza tedesca – als auch den langsamen Satz: leichtes (man beachte die Spielanweisung poco scherzando!) , aber doch äusserst kunstvolles Andante und tiefsinnig-expressive Cavatina. Kopfsatz und Finale hingegen entsprechen äusserlich den üblichen Satzformen; dies allerdings nur, wenn man wie heute auf die Grosse Fuge als Schlusssatz verzichtet und an ihrer Stelle das nachkomponierte, fast krampfhaft jugendlich sein wollende Finale spielt, das Beethovens letzte Komposition sein sollte. Obwohl Beethoven nicht wie im op. 131 durch Verknüpfung der Sätze einen grossen Bogen über das ganze Werk schlägt, so erfahren wir gleichwohl, wo die Wurzeln für Schönbergs Idee der Grossform zu suchen sind.
Was in der Musik eine Dissonanz oder eine Konsonanz ist, hängt im wesentlichen von zwei Faktoren ab: zum einen, ob die beiden erklingenden Töne hinsichtlich ihrer Frequenz in einem bestimmten, mit niedrigen Zahlen ausdrückbaren numerischen Verhältnis stehen (so ist zum Beispiel die Oktave mit dem Verhältnis 1 zu 2 eine reine Konsonanz, die «reibende» verminderte Quinte mit dem Verhältnis 64 zu 45 dagegen eine der schärfsten Dissonanzen) – oder es ist eine Frage der Gewöhnung. So änderte sich für manche Tonabstände im Laufe der Geschichte durchaus die Zugehörigkeit zu den «Wohlklängen» oder «Missklängen».

Ungewohnt für die Zeitgenossen war jedenfalls die langsame Einleitung des Streichquartetts C-Dur KV 465 von Mozart, in dem so manches den Erwartungen zuwiderläuft: Der Komponist türmt erst einmal über bebendem Bass keinen C-Dur-, sondern einen As-Dur-Akkord auf, über den er in der ersten Violine dann den in diesem Zusammenhang völlig falschen Ton «A» legt und sorgt für weitere Verwirrung in den scheinbar willkürlich jede tonale Klarheit vermeidenden Fortschreitungen, bis sich alles dann doch in die Tonart auflöst, in der das Quartett steht. Dieser Beginn war zu Mozarts Zeit so radikal, dass einem Bericht des ersten Mozart-Biographen Georg Nikolaus Nissen (dem zweiten Ehemann von Mozarts Witwe Konstanze) zufolge ein Verlag die Annahme der Noten verweigerte. Man dachte, die Partitur sei voller Fehler.

Mozart, dem man immer wieder eine leichte, schnelle Arbeitsweise andichtete, hat in die sechs Quartette, an deren Ende das «Dissonanzenquartett» steht, nach eigener Aussage «lange und mühevolle Arbeit» investiert. Sein Vorbild war der grosse Kollege Joseph Haydn, dessen Quartette op. 33 von 1781 die Gattung so sehr revolutionierte, dass man sie heute als Beginn der eigentlichen klassischen Epoche ansieht. Überwunden ist der galante, oberstimmenbetonte Stil der Frühklassik. Zusammen mit den neu entdeckten Möglichkeiten des – in für sich selbst betrachtet eigentlich altmodischen – Kontrapunkts geht er eine neue Verbindung ein, in der sich mit thematischer Arbeit, ambitionierten Durchführungsteilen und einer Verteilung der Führung auf alle vier Stimmen und deren unterschiedlichster Kombinationen der auf einen berühmten Ausspruch Goethes zurückführende Eindruck eines «Gesprächs» einstellt. Mozart hat sein halbes Dutzend Quartette, das er sich zwischen 1782 und 1785 abrang, in grosser Verehrung Haydn gewidmet.

Béla Bartók 1881-1945

Streichquartett Nr. 3, Sz 85 (1927)
Prima parte: Moderato –
Seconda parte: Allegro –
Recapitulazione della 1a parte: Moderato
Coda: Allegro molto

Ludwig van Beethoven 1770-1827

Streichquartett Nr. 13, B-dur, op. 130 (1825/26)
Adagio ma non troppo – Allegro
Presto
Andante cn moto, ma non troppo
Alla danza tedesca: Allegro assai
Cavatina: Adagio molto espressivo
Finale: Allegro

Wolfgang Amadeus Mozart 1756-1791

Streichquartett Nr. 19, C-dur, KV 465 «Dissonanzen-Quartett» (1785)
Adagio – Allegro
Andante cantabile
Menuetto: Allegro – Trio
(Molto) Allegro