Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzert-Details

922

25.4.2017, 19:30 Uhr ( 91. Saison Zyklus A )
Oekolampad Basel

Julia Kleiter, Sopran
Michael Gees, Klavier/Fabio di Càsola, Klarinette

Kleiter, Julia, Sopran

Gees, Michael, Klavier
di Càsola, Fabio, Klarinette

Julia Kleiter stammt aus Limburg an der Lahn. Hier erhielt sie ihre erste musikalische Ausbildung im Domchor und in der Mädchenkantorei. Sie studierte Gesang an den Musikhochschulen Hamburg und Köln. Ihr Operndebüt gab sie 2004 als Pamina an der Opéra Bastille in Paris. In dieser Rolle ist sie auch hierzulande durch die Fernsehübertragung der Premiere am Opernhaus Zürich unter Nikolaus Harnoncourt bekannt geworden (2007). Die NZZ rühmte: «Als Pamina setzt Julia Kleiter dem insgesamt bestechenden Ensemble die Krone auf.» Seither singt sie an vielen Opernhäusern Händel- oder Mozartpartien (Pamina, Donna Elvira, Fiordiligi, Susanna), doch hat sie auch als Strauss-Sängerin mit Sophie (Rosenkavalier) oder Zdenka (Arabella) brilliert. Heute gehört auch Eva in Wagners «Meistersingern» zu ihren Rollen. Als Konzertsängerin ist sie in der ganzen Welt zu erleben. Eine ihrer Vorlieben sind Liederabende, manchmal mit ihrem Onkel und oft zusammen mit Michael Gees. Mit ihm ist sie 2009 in unseren Konzerten aufgetreten und hat Schumann (op. 39) sowie Mörike-Lieder von Wolf und Strauss dargeboten.

Der 1953 als Sohn zweier Sänger geborene Michael Gees hatte schon mit drei Jahren kein lieberes Spielzeug als das Klavier. Bereits als Kind gewann er Wettbewerbe. Später studierte er in Wien und Detmold. Doch was ganz nach einer grossen Solistenkarriere aussah, verwandelte sich nach einem Ausbruch aus der Welt der Wettbewerbe und des Karrieredenkens in andere Richtungen. Gees wandte sich nach Wiederaufnahme des Klavierstudiums der subtilen Kunst der Liedbegleitung zu, suchte aber auch andere Formen der Musikvermittlung. Als Liedpianist, den man insbesondere als Begleiter von Christoph und Julian Prégardien kennt, der aber auch mit vielen anderen Sängerinnen und Sängern zusammenarbeitet, konzertiert er heute weltweit. Meist ergeben sich dabei originelle und einfühlsam zusammengestellte Programme. Zudem ist eine Reihe von Einspielungen entstanden, darunter die gerühmte Aufnahme der «Schönen Müllerin» mit Christoph Prégardien (erschienen 2008). Gees pflegt und unterrichtet zudem Improvisation, gerade auch im Bereich Lied.

Fabio di Càsola, 1967 in Lugano geboren, war 1990 1. Preisträger beim Internationalen Wettbewerb von Genf. Bald war er als Solist gefragt. 1991 bis 2012 war er Soloklarinettist im Musikkollegium Winterthur. 1998 wurde er zum ‚Schweizer Musiker des Jahres’ gewählt. Als Mitglied verschiedener Formationen pflegt er die Kammermusik. 1994 ist er zusammen mit dem Amati Quartett und anderen Bläsern mit dem Schubert-Oktett und 2015 im Zurich Ensemble in unseren Konzerten aufgetreten. Er hat mehrere CDs mit Klarinettenkonzerten (Mozart, Weber) und Kammermusik (Brahms) aufgenommen. Di Càsola unterrichtet an der Zürcher Hochschule der Künste.

Johannes Brahms
1833-1897

«Ständchen» (Text: F. Th. Kugler), op. 106/1

«Es ging ein Maidlein zarte», WoO 33/21 (1894)

«Da unten im Tale» (Schwäbisch), WoO 33/6

«Es steht ein’ Lind’», WoO 33/41 (1894)

«Die Sonne scheint nicht mehr», WoO 33/5 (1894)

«Erlaube mir, fein’s Mädchen», WoO 33/2 (1894)

«Schwesterlein, Schwesterlein», WoO 33/15 (1894)

«Feinsliebchen», WoO 33/12 (1894)

Gustav Mahler
1860-1911

«Liebst du um Schönheit» (Friedrich Rückert) (Rückert-Lieder Nr. 5) (1902)

«Frühlingsmorgen» (Text: Richard Leander, d. i. R. Volkmann) (1880-83)

«Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald» (aus Des Knaben Wunderhorn) (1887-90)

«Erinnerung» (Richard Leander) (um 1880-87)

«Rheinlegendchen», Gesang nach einem Text aus «Des Knaben Wunderhorn» (1893)

«Wer hat dies Liedlein erdacht» (aus Des Knaben Wunderhorn) (1892)

Franz Schubert
1797-1828

«Frühlingsglaube» (Ludwig Uhland), D 686 (1820)

«Ganymed», op. 19/3, D 544 (1817)

«Romanze» (Friedrich von Matthisson), D 114 (1814)

«An die Natur» (Friedrich Leopold zu Stolberg), D 372 (1816)

«Abendbilder» (Johann Peter Silbert), D 650 (1819)

«Der Hirt auf dem Felsen». Lied für Singstimme, Klarinette (oder Violoncello) und Klavier, op. post. 129, D 965. Text: Wilhelm Müller und Helmina von Chézy [?] (1828)

Volkslied und Kunstlied – oder: Das Jahrhundert des Liedes

Neben dem Quartett-Zyklus «Wiener Klassik» steht während der drei Saisons im Oekolampad ein weiterer Schwerpunkt: Lieder der Romantik. Er hat im Oktober mit Schuberts «Winterreise» begonnen und wird heute fortgesetzt.

Gesang und Lieder gibt es seit undenklichen Zeiten. Sie dürften eine der ältesten Formen musikalischer Äusserung sein. Wort und Ton finden zusammen und lassen je nach Situation und Zweck gemeinsam eine mehr oder weniger kunstvolle Form entstehen. Über Jahrtausende und Jahrhunderte hin hat das Lied unzählige, ja die meisten Lebensbereiche erreicht und dort seine Bedeutung erhalten. Immer mehr entwickelte es sich auch zu einer eigenständigen Kunst und Musikgattung.

Das 19. Jahrhundert darf man wohl das Jahrhundert des Liedes als Kunst, die nicht an einen fremden Zweck gebunden ist, nennen. Dies gilt besonders für das deutsche Kunstlied. Auch das Volkslied erhielt eine neue Bedeutung: Man suchte in ihm das Ursprünglich-Liedhafte. So findet sich im heutigen Programm neben dem Kunstlied auch das (bearbeitete) Volkslied. Schon Haydn und Beethoven haben sich für Volkslieder interessiert und englische oder schottische Lieder mit der Begleitung eines Klaviertrios versehen. Unser Zyklus ist auf die Romantik ausgerichtet. So kommen Lieder der Klassik nicht zum Zuge, also auch nicht Beethoven mit den wichtigen Goethe-Vertonungen und vor allem mit «An die ferne Geliebte» (op. 98, 1816), dem ersten eigentlichen Liedzyklus, mit dem wir bereits das 19. Jahrhundert erreichen.

Im heutigen Konzert kann man die Auseinandersetzung mit dem Volkslied und die Bearbeitungen durch Komponisten des Kunstliedes beobachten. Brahms hat sich schon in frühen Jahren mit deutschen Volksliedern beschäftigt; er kannte einschlägige Sammlungen wie die «Des Knaben Wunderhorn», von Herder oder die von Zuccalmaglio herausgegebenen «Originalweisen». Er mischte sich in den Streit über echte Volksliedmelodien und die Problematik von Bearbeitungen ein. Zu einer beträchtlichen Zahl (alle ohne Opuszahl) hat er Klavierbegleitungen geschrieben: 49 wurden 1894 veröffentlicht; zuvor hat er 14 Volkskinderlieder (1858 für die Kinder Schumanns, anonym herausgegeben), 32 neue Volkslieder (1857/58, publiziert 1926) bearbeitet. Dazu kommen 14 von ihm vierstimmig gesetzte Volkslieder für Chor a cappella (1864 erschienen). Wie der erwähnte Streit zeigt, hängt das Resultat stark von der Art der Bearbeitung und von den mehr oder weniger modernen oder eigenen Stilelementen ab, welche die Bearbeiter einfliessen liessen. So wirken bei Brahms auch heute viele Bearbeitungen brahmsisch. Er war sich der Problematik bewusst und schrieb 1894 an seinen Verleger: «Wer sie sieht und hört, behauptet, sie seien von mir, und sie werden auch den meinen ähnlich sehen – das will sagen: mein bestes kann dort als letztes gelten, das letzte dort aber als mein bestes paradieren!» So darf man viele seiner Volksliedbearbeitungen beinahe wie Kunstlieder hören, was nicht zuletzt in der damals modernen Harmonik der Klavierbegleitung begründet ist. «Ständchen» auf den Text von Kugler dagegen ist eines der bekanntesten und reizvollsten Kunstlieder von Brahms, ein spielerisch-luftiges Stimmungsbild.

Mit Mahler erreichen wir das Ende des Lied-Jahrhunderts. Es hat aber viel weiter ins 20. Jahrhundert hineingewirkt. Man darf die «Vier letzten Lieder» von Richard Strauss (1948) die letzten bedeutenden romantischen Liedvertonungen nennen. Manche Komponisten des 20. Jahrhunderts haben das Kunstlied, wenn auch mit eigenem, modernerem Stil nicht ohne Bezüge auf das 19. Jahrhundert weiter gepflegt. Genannt seien Othmar Schoeck oder Ernst Kreneks «Sommerreise» im «Reisebuch aus den österreichischen Alpen» mit seinen gewollten und ironisierenden Anspielungen auf Schubert – hundert Jahre nach dessen Tod. Mahler hat sich, obwohl sein Liedschaffen nicht sehr umfangreich ist, zeit seines Lebens dem Lied gewidmet und die Form in verschiedenster Ausgestaltung benutzt. Neben dem gewohnten Klavierlied hat er erstmals ausgiebig Lieder gleich mit Orchesterbegleitung komponiert oder später dafür umgearbeitet (von den heute aufgeführten «Rheinlegendchen» und «Wer hat dies Liedlein erdacht»). Einige hat er mit Text oder rein instrumental in seine Sinfonien übernommen und mit dem «Lied von der Erde» (1907-09) zudem eine Art Liedsinfonie geschrieben. Auch er hat, allerdings nur in den Texten, auf Volksliedgut (Sammlung aus «Des Knaben Wunderhorn») zurückgegriffen. Dabei handelt es sich nicht immer um echte Volksliedtexte, wie «Rheinlegendchen» zeigt. Unter Mahlers 51 Liedvertonungen stammen 26 Texte aus der Wunderhorn-Sammlung von Arnim/Brentano (1806-08), zunächst neun (sog. «Lieder der frühen Zeit», erschienen 1892); 15 weitere entstanden ab 1892. Von den Rückert-Liedern (1901) ist das späteste, fünfte, 1902 nachträglich entstanden. Seine Orchesterfassung stammt nicht wie die der andern von Mahler selbst.

Schubert bildet gleich am Beginn der Romantik einen einzigartigen Höhepunkt, der hier nicht näher umschrieben werden muss. Die beiden bekannten Lieder «Frühlingsglaube» und «Ganymed» dokumentieren, was Schuberts Liedkunst vermag: Er trifft den Gehalt der beiden so verschiedenen Gedichte, der jeweiligen Stilhöhe angemessen, beide Male hervorragend, sowohl im leichteren ersten wie im anspruchsvollen zweiten Stück mit seinem begeisterten Aufschwung in der letzten Strophe und dem stillen Schluss. Die drei weiteren Lieder sind wenig bekannt. Die Schauergeschichte der frühen «Romanze» und Stolbergs «An die Natur» sind relativ schlicht gehaltene Strophenlieder. Von dem in Colmar geborenen J. P. Silbert, Lehrer, Schriftsteller und Verfasser von Andachtsbüchern, hat Schubert zwei Gedichte vertont. «Abendbilder» lebt von lautmalerischen Klängen, besonders bei der Abendglocke, und endet, dem Auferstehungsglauben des Dichters gemäss, zuversichtlich in Dur.

Schuberts Liedschaffen reicht von der Jugend um 1811 bis in die letzten Lebenstage im Herbst 1828. Neben Seidls «Taubenpost» ist «Der Hirt auf dem Felsen» das letzte. Schubert schrieb es im Auftrag der Sopranistin Anna Milder-Hauptmann. Es ist eine jener Liedvertonungen der Romantik, welche ein weiteres Instrument einbezieht (vgl. Brahms op. 91), hier, dem Hirten angemessen, für den Schalmei-Klang die Klarinette. Unklar waren lange die Textdichter. Während man den «Griechen-Müller» noch im 19. Jahrhundert herausfand, hat man bei den Strophen 5 und 6 Helmina von Chézy vermutet und erst vor einiger Zeit entdeckt, dass sie vom Schriftsteller und Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858) stammen. Das nicht zuletzt dank dem Klarinettenklang einzigartige klangliche Schwanken zwischen Melancholie und Helligkeit steht – von den Moll-Strophen 5 und 6 abgesehen – im Gegensatz zur düsteren Stimmung, die man oft für Schuberts letzte Lebenswochen angenommen hat (Fehldatierung der «Winterreise» oder Heine-Lieder im «Schwanengesang»).

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